• vom 13.06.2008, 15:29 Uhr

Kompendium


Vor hundert Jahren ereignete sich in der mittelsibirischen Region Tunguska eine verheerende Explosion, deren Ursache der Wissenschaft bis heute Rätsel aufgibt

Mysteriöse Katastrophe in der Tunguska




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Von Christian Pinter

  • Mittelsibirien, am 30. Juni 1908: Die Morgensonne wärmt die Schlafplätze der Ewenken, die ihren Rentierherden durch die Taiga gefolgt sind. Plötzlich, es ist 7.14 Uhr Ortszeit, fegt ein unerhörter Hitzeschwall über die Menschen hinweg, Sturmgewalt packt sie, schleudert sie durch die Luft. Manche verlieren das Bewusstsein. Einer stirbt später an den Folgen eines Armbruchs. Und überall brennen Zweige, Nadeln, totes Holz.

Noch in der 65 Kilometer weiter südlich gelegenen Handelsstation Wanawara straucheln die Menschen. Einer will sich das Gewand vom Leib reißen, im Irrglauben, es hätte Feuer gefangen. Augenzeugen sahen kurz davor einen Feuerball am Himmel, beinahe so hell wie die Sonne. Nun folgt ein ohrenbetäubender Donner, wie Kanonenbatterien. Eine dunkle Wolke steigt am Horizont auf.


Fast 1000 Kilometer weiter im Süden, in Irkutsk, melden Seismografen ein schwaches Beben. Ebenso in Usbekistan und Georgien. Südlich von Kiew stürzt ein zwei Kilogramm schwerer Steinbrocken zu Boden - doch eine Verbindung zu den Geschehnissen in der fernen Tunguska wird nie nachgewiesen. Russische Mineralogen klassifizieren den Meteoriten Kagarlyk als L6-Chondrit. Er ähnelt damit dem 1768 beim oberösterreichischen Mauerkirchen herabgestürzten Himmelsstein.

"Telefonmasten"-Wald

Solche Meteorite sind wohl Splitter eines einst hunderte Kilometer großen, später mehrfach zerbrochenen Steinasteroiden. In Großbritannien registriert man an jenem 30. Juni 1908 eine plötzliche Luftdruckschwankung. Über Deutschland ist das Himmelsblau ungewöhnlich stark polarisiert, was auf hoch fliegenden Staub hinweist. Dessen Partikel streuen nächtelang die Strahlen der versunkenen Sonne über den Nordhorizont: Vielerorts kann man noch um Mitternacht Zeitung lesen. Vom Anschlag in Sibirien weiß man in Europa nichts.

Russland hat wenig später andere Sorgen: Der Weltkrieg, die Revolution. Der im estnischen Tartu geborene Leonid Kulik reist 1921 durch die junge Sowjetunion. Er will Meteoritenfunde sichten. Dabei stößt er auf Erzählungen über die rätselhaften Ereignisse aus dem Jahr 1908. Erst 1927 gelingt es Kulik, mit Pferden, Rentieren und Schlitten zum mutmaßlichen Schauplatz des Geschehens vorzudringen. Er gelangt in einen Friedhof entwurzelter Bäume und ist verblüfft. Geschätzte 80 Millionen Exemplare verrotten auf dem Boden. 2150 Quadratkilometer Wald sind verwüstet! Ein riesiges Gebiet - Vorarlberg wäre kaum ein Viertel größer.

Die Spitzen der toten Bäume weisen radial nach außen, ihre Wurzeln zu einem Sumpfgebiet innerhalb der Zerstörungszone. Dort ragen Sibirische Lärchen und Kiefern noch gen Himmel. Doch sie alle sind ihrer Äste beraubt, stehen da wie ein trauriger Wald von Telefonmasten. Vergeblich durchforstet Kulik das Gebiet nach Meteoriten. Seine Nachforschungen finden ein jähes Ende, als Deutschland über die Sowjetunion herfällt. Kulik gerät in Kriegsgefangenschaft; er stirbt 1942 an Typhus.

Später wird klar: Die Bäume der Tunguska wurden von einer gigantischen Druckwelle gefällt, die ihren Ausgang weit über den "Telefonmasten" nahm. Sowjetische Forscher bauen den Wald in Spielzeuggröße nach, lassen an langen Drähten Explosivladungen über dem Modell herabgleiten. Skurrile Schwarzweiß-Filmchen halten die Versuche fest. Außerdem wertet man die Zerstörungen atmosphärischer Atombombentests aus. Ähnlichkeiten mit der Tunguska sind nicht zu leugnen, wenngleich hier keine Radioaktivität nachzuweisen ist.

Anderswo schlugen kosmische Geschosse mit wahrem Höllentempo in die Erde ein. Sie rissen dabei Krater oder ganze Kraterfelder, wie etwa 1947 im ostsibirischen Sichote-Alin-Gebirge. Doch die Tunguska hat keine solchen Einschlagsnarben. Selbst die noch von Kulik kartierten, runden Wasserlöcher stellen sich als bloße Thermokarst-Erscheinungen heraus: Sie haben mit Prozessen in der darunter liegenden, bis zu 30 Meter mächtigen Dauerfrost-Schicht zu tun. Das mutmaßliche Tunguska-Geschoss hat den Erdboden also nie erreicht. Es muss sich noch in der Luft aufgelöst haben. Russische Gelehrte denken deshalb an einen locker aufgebauten Kometen. Solche uralten Konglomerate aus Steinchen, Staub und Eis sollen einst im frostigen Außenbereich des Sonnensystems entstanden sein. Westlichen Wissenschaftern erscheint so ein "eisiger Staubball" aber zu fragil: Er wäre wohl schon viel zu hoch über Grund zerbröselt. Sie vermuten einen schmächtigeren, aber kompakteren Steinasteroiden: derartige Miniwelten ziehen vor allem zwischen Mars und Jupiter dahin. Bisher wurden jedoch in der Tunguska keine Hinweise gefunden, die den Meinungsstreit schlichten könnten. Allerdings verwischt sich die einst klare Trennlinie zwischen Schweifsternen und Kleinplaneten immer mehr. So erinnerten jüngst die zur Erde geholten Staubkörner des Kometen Wild-2 verblüffend stark an das Material kleiner Steinasteroiden. Vielleicht fiel die Tunguska also einem solchen "Mischling" zum Opfer.

"Airburst-Szenarium"

Doch nicht alle Forscher bemühen den Kosmos. So denkt der Bonner Astrophysiker Wolfgang Kundt an einen rein irdischen Prozess. Er macht das mutmaßliche, explosionsartige Ausströmen von zehn Millionen Tonnen Erdgas für das Desaster verantwortlich. Die meisten Wissenschafter setzen hingegen auf Varianten des sogenannten "Airburst-Szenariums".

Demnach raste am Morgen des 30. Juni 1908 ein Himmelskörper von 50 bis 80 Metern Durchmesser mit mindestens 40.000 km/h auf die Erde zu. Des enormen Tempos wegen legte er beim Eintauchen in die Atmosphäre gleichsam einen "Bauchfleck" hin: Die Luft vor dem Geschoss wurde zur Wand; knapp dahinter tat sich ein Vakuum-Tunnel auf. Diesem Stress hielt der Eindringling nur wenige Sekunden stand. Bereits fünf bis zehn Kilometer über Grund zerbarst er in mehrere Fragmente. Die wurden ihrer geringen Masse wegen noch abrupter gestoppt und zerfielen sofort weiter. Der kaskadenartige, fast augenblickliche Prozess verwandelte die enorme Bewegungsenergie des Projektils in einen Hitzeblitz unvorstellbaren Ausmaßes.

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Dokument erstellt am 2008-06-13 15:29:00



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