• vom 11.04.2008, 13:44 Uhr

Kompendium

Update: 11.04.2008, 14:09 Uhr

Astronomie

Doppelsterne: Disput der Hofastronomen




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Von Christian Pinter

  • Vor 225 Jahren starb der Mannheimer Astronom Christian Mayer, dessen neue Theorien über Fixsterntrabanten viel Verwirrung - und den Unmut eines Wiener Kollegen auslösten.
  • Mannheim, 1775: Endlich geht die neue Sternwarte in Betrieb. Konzipiert vom Astronomen Christian Mayer. Dieser, am 20. August 1719 in der Nähe von Brünn geboren, kennt Wien aus seinen Studententagen, ahnt aber noch nicht, dass ihm gerade von dort aus heftigste Kritik entgegen schlagen wird.

Der Wiener Astronom Maximilian Hell unternahm 1769 eine Reise an den Polarkreis (hier im Bild), deren Forschungsergebnisse von seinem Konkurrenten Mayer sehr kritisiert wurden. Foto: Franz Kerschbaum

Der Wiener Astronom Maximilian Hell unternahm 1769 eine Reise an den Polarkreis (hier im Bild), deren Forschungsergebnisse von seinem Konkurrenten Mayer sehr kritisiert wurden. Foto: Franz Kerschbaum

Der Wiener Astronom Maximilian Hell unternahm 1769 eine Reise an den Polarkreis (hier im Bild), deren Forschungsergebnisse von seinem Konkurrenten Mayer sehr kritisiert wurden. Foto: Franz Kerschbaum

Der Wiener Astronom Maximilian Hell unternahm 1769 eine Reise an den Polarkreis (hier im Bild), deren Forschungsergebnisse von seinem Konkurrenten Mayer sehr kritisiert wurden. Foto: Franz Kerschbaum Der Wiener Astronom Maximilian Hell unternahm 1769 eine Reise an den Polarkreis (hier im Bild), deren Forschungsergebnisse von seinem Konkurrenten Mayer sehr kritisiert wurden. Foto: Franz Kerschbaum

Während Mayer durch sein 85-fach vergrößerndes Teleskop blickt, zerfallen etliche Sterne in jeweils zwei ganz eng beisammen stehende Lichtpunkte. Derartige Sternzwillinge sind seit 1617 bekannt. Damals hatte Galileo Galilei, angeregt von Benedetto Castelli, den Stern Mizar im Großen Bären geteilt. Der Luzerner Johann Cysat und der Tiroler Anton Schyrle erspähten mittels der neuen Erfindung "Fernrohr" weitere Mehrfachsterne im Orion und im Krebs. Giovanni Odierna legte 1654 bereits eine kurze Liste solcher Objekte vor.


Auch bei jenen Doppelsternen, die Christian Mayer nun in bis dahin unerreichter Zahl entdeckt, glänzt eine Komponente oft stärker als die andere. Nach Ansicht der meisten Astronomen besitzen aber alle Sterne die gleiche Größe und Leuchtkraft. Das schwächere Sternchen müsste demnach deutlich weiter von uns entfernt sein als das hellere, im Raum also weit hinter diesem weilen. Ihr enges Beisammensein wäre als ein Spiel der Perspektive zu erklären. Doch einige Gelehrte widersprechen: Dem Engländer John Michell erscheint die Anzahl solcher Doppelsonnen schon 1767 zu hoch, um noch an Zufall glauben zu können. Und der Elsässer Johann Heinrich Lambert mutmaßt, dass jene Sternpartner Nachbarn sind, welche einander umkreisen.



Unstete Fixsterne
Auch bei gewöhnlichen Einzelsternen hat man ein überraschendes Phänomen beobachtet. Beim Vergleich von antiken und modernen Sternkatalogen bemerkte Edmond Halley 1718, dass einige der sogenannten "Fixsterne" ihre Position verändert hatten. Das hieße aber, dass sie durch den Raum ziehen. Diese Eigenbewegung hat es Christian Mayer in Mannheim angetan. Er will sie jetzt rasch sichtbar machen. Dazu benötigt er verlässliche Markierungspunkte am Firmament.

Die engen Doppelsterne scheinen ihm hierzu vorzüglich geeignet: Die schwächere Komponente soll den Referenzpunkt abgeben, um die Wanderschaft der helleren zu erkennen. Zunächst glaubt auch Mayer an ein scheinbares, rein perspektivisch bedingtes Beisammenstehen. Später schließt er sich der Außenseitermeinung an, wonach es sich um wirkliche, physikalische Sternsysteme handelt: Die beiden Partner reisen eben gemeinsam durchs All. Den jeweils schwächeren Stern nennt er "Fixsterntrabant".

Im Oktober 1777 unterbreitet Mayer seine "schöne" und "neue" Methode der Kurpfälzischen Akademie der Wissenschaften. Der Titel seiner Abhandlung: "Über hundert Fixsterntrabanten und ihren hervorragenden Nutzen für die Bestimmung der Eigenbewegung der Fixsterne". Auch die "Mannheimer Zeitung" berichtet davon. Das erzürnt Mayers Wiener Kollegen Maximilian Hell, den Gründungsdirektor der hiesigen Universitätssternwarte. Die Lebenswege der beiden ehemaligen Jesuiten weisen Parallelen auf. Auch der kaum jüngere, in Schemnitz geborene Hell hat mit 31 Jahren die Priesterweihe erhalten. Beide Gelehrte errichteten mehr als nur eine Sternwarte. Sie befassen sich außerdem mit Experimentalphysik. Mayer ist Hofastronom des Pfälzischen Kurfürsten Karl Theodor, Hell jener des Kaisers Joseph II.

Im Juni 1769 studierten die beiden Himmelsforscher den seltenen Vorübergang der Venus vor der Sonnenscheibe. Mayer reiste zu diesem Zweck in die russische Hauptstadt Sankt Petersburg, Hell hingegen ins einsame Vardö, weit jenseits des Polarkreises. Während Mayers Beobachtungen schon im nächsten Monat vorlagen, erschien Hells Bericht, der langen Heimreise wegen, erst im Jahr darauf. Seither beschuldigt man ihn, seine Ergebnisse nachträglich an die anderer Astronomen angepasst zu haben.

Wieder in Wien, beschrieb der um seinen Ruf besorgte Hell ein Verfahren, mit dem Fernrohrbesitzer die geografische Breite ihres Standorts bestimmen konnten. Mayer hatte hingegen schon in Petersburg "eine neue Methode" präsentiert, um Russland "in kurzer Zeit und mit geringen Kosten" zu kartieren. Dabei sollten die Koordinaten möglichst vieler Orte an Land nach Art englischer Seefahrer "vom Himmel" abgelesen werden. Hell stellt die Neuheit von Mayers Vermessungsverfahren sofort in Abrede. Und jetzt nimmt er dessen "Fixsterntrabanten" aufs Korn. Der Begriff "Trabant" bedeutet "Diener", "Begleiter" oder "Mond". Er lässt zunächst an einen planetaren Sternbegleiter denken. Bereits 1722 hatte der Gießener Professor Johann Georg Liebknecht gemeint, die Bewegung eines schwachen Lichtpünktchens nahe dem Doppel-stern Mizar nachgewiesen zu haben - und dieses irrigerweise zu einem fernen Planeten erklärt. Mayers Fixsterntrabanten lösen neuerlich Verwirrung aus.



Rätsel "Exoplaneten"
Durch einschlägige Briefe und mündliche Anfragen fühlt sich der kaiserliche Hofastronom Hell bald "sehr belästigt". Er klagt darüber ab 8. November 1777 in der "Wiener Zeitung". Die ist damals übrigens bereits 74 Jahre alt und erscheint jeden Mittwoch und jeden Samstag unter dem Namen "Wienerisches Diarium".

Wie Hell betont, könne es sich bei Mayers "Trabanten" nur um kleine, fernere Fixsterne handeln, nicht aber um fremde Planeten. Das Teleskop zeige zudem Tausende, nicht bloß Hunderte solcher "Nebensterne". Übrigens hätte er, Hell, der Pariser Akademie bereits 1758 zwei Register mit der Eigenbewegung von Sternen gesandt, erstellt nach einem Positionsvergleich mit älteren Katalogen. Mayers alternative Messmethode sei also weder neuartig noch unbekannt. Sie wäre wahrscheinlich viel zu ungenau oder zu mühsam - in jedem Fall "unbrauchbar". Alles in allem könne der Mannheimer Astronom der Welt nichts Neues und Besseres sagen, als diese nicht bereits wüsste.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2008-04-11 13:44:33
Letzte Änderung am 2008-04-11 14:09:00



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