• vom 04.03.2011, 16:20 Uhr

Kompendium

Update: 04.03.2011, 16:21 Uhr

Kunst

Das Bild der ganzen Erde




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Von Wolfgang Drucker

  • Der erste "grüne Architekt": Richard Buckminster Fuller konzipierte schon in den 1960er Jahren ein globales Weltbewusstsein, das erst mit heutiger Technologie realisiert werden kann.

Vor zehn Jahren begann die Firma Keyhole mit der Entwicklung eines Programms, das bisher mehr als 700 Millionen Computer mit Satellitenbildern versorgt hat. Weltweit bekannt wurde es unter dem Namen Google Earth : Jeder dritte Internetuser hat diese Software bisher heruntergeladen. Google Earth wurde zum Synonym für Geo-Browser, obwohl es auch andere Programme mit ähnlichen Funktionen gibt, etwa NASAs World Wind oder Bing Maps 3D von Microsoft. Seit sechs Jahren ist dieses Programm verfügbar. Die Geschichte der Idee, jedem Menschen den Blick aus dem Weltraum zu ermöglichen, reicht jedoch viel länger zurück.

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Anfang der 1960er Jahre plante der US-amerikanische Architekt Richard Buckminster Fuller (1895 - 1983) eine Miniatur-Erde. Sie sollte mit einem Computer verbunden sein und nicht nur Flugaufnahmen, sondern auch wichtige Daten visualisieren. Alternativen zu Luftbildern gab es damals noch nicht, die ersten Satellitenbilder der Erdkugel wurden erst 1968 veröffentlicht.

Fuller war überzeugt, die größten Probleme der Menschheit würden sich lösen lassen, wenn die ganze Welt ins Blickfeld käme. Auch Politiker sollten nie vergessen, dass ihre Entscheidungen die gesamte Welt betreffen; deshalb wollte Fuller seine 60 Meter große Miniatur-Erde - er nannte sie auch Geoscope - in Sichtweite des New Yorker UN-Gebäudes errichten. Heute findet man Google Earth in den Kongresszentren der Weltwirtschafts- und Klimakonferenzen - beim Klimagipfel in Cancun 2010 wurde die Google Earth Engine präsentiert.

Google.org , das aktuellste Projekt der Non-Profit-Abteilung des Konzerns, stellt Wissenschaftern Satellitenbilder und Rechenzeit in der Google-Cloud bereit, um globale Probleme zu untersuchen: Mit dem verfügbaren Kartenmaterial lassen sich die Abholzung von Regenwäldern, weltweite Wasserkreisläufe und ähnliche Phänomene erforschen. Dem "Grandfather of the Universe" - wie Fullers Studenten ihn genannt haben - hätte das wohl gefallen.

Ein "eingefleischter Nonkonformist" war er, sagen seine Biographen. Auch wenn Fuller als Architekt der Geodesic Domes berühmt wurde, die von den 1950er bis in die 1970er Jahre zu tausenden gebaut wurden, arbeitete er auch als Lehrer, Kartograph, Philosoph, Wissenschafter und Ingenieur - alles Berufe, in denen er keine abgeschlossene Ausbildung hatte. Er wollte ökologisches Denken verbreiten, lange bevor das Schlagwort Ökologie geläufig war. Ohne falsche Bescheidenheit strebte er "den umfassenden Erfolg der Menschheit im Universum" an, für sein Weltbild prägte er Formeln wie "Global denken - lokal handeln" oder "Raumschiff Erde". Das sind heute nur Worthülsen, in den 1960er Jahren jedoch wurde Fuller damit zum revolutionären Visionär der gegenkulturellen US-amerikanischen Studenten.

Begibt man sich auf Spurensuche in Fullers Lebenswerk, entdeckt man bereits in seinen ersten Arbeiten eine globale und synergetische Herangehensweise, die wir heute ökologisch nennen: Wie der britische Architekt Norman Foster sagte, war Fuller der "erste grüne Architekt". In den 1920er Jahren konzipierte er billige, industriell vorproduzierte Wohnhäuser, um die Massenobdachlosigkeit zu bekämpfen. Dabei versuchte er bereits, das gesamte Bezugssystem zu bedenken: Denn nur "wenn wir mit dem Universum anfangen, könnten wir der Gefahr entgehen, strategisch entscheidende Variablen zu vergessen". Fuller ist überzeugt, dass man "das Bild der ganzen Erde" brauche. Das Aussehen der Häuser ist für ihn Nebensache, unter dem Motto "Mehr mit Weniger" wollte er den größten Nutzen mit dem geringsten Energieeinsatz erzielen.

Das "Dymaxion-Haus"

Fullers frühe Werke aus den 1920er und 30er Jahren blieben erfolglos: Sein Dymaxion -Haus, -Auto und -Badezimmer existieren nur als Prototypen. Das Kunstwort Dymaxion - zusammengesetzt aus dynamic, maximum und ion - wird zu seiner geschützten Marke. Trotz der Misserfolge geht Fuller einen Schritt weiter: Er denkt den Blick von außen nicht nur mit, sondern er versucht auch, ihn zu verbreiten - und das mehr als 20 Jahre bevor der "God´s-eye view" der Satelliten den Einfluss des Menschen auf seine Umwelt publikumswirksam darstellt. Die Menschheit als Beobachter übernimmt damit eine gottähnliche Funktion, wie der Philosoph Peter Sloterdijk sagt, und ist aufgrund des neuen Wissens gezwungen zu handeln: Ein gewissenhafter Umgang mit der Umwelt und ihren Ressourcen tut not. Wenig überraschend, werden die ersten Satellitenbilder der Erde zum Symbol der jungen Ökologiebewegung.

Jahrelang suchte Fuller nach einer neuen Projektionsmethode, um eine Weltkarte zu erstellen, die seinen Anspruch nach korrekter Abbildung der Erde erfüllte. 1943 veröffentlichte er im "LIFE"-Magazine die Dymaxion World Map , die zu einem Globus zusammengeklebt oder als Karte betrachtet werden konnte. Seine Weltkarte wie keine merklichen Verzerrungen auf, konnte intuitiv und spielerisch auf mehrere Arten zusammengesetzt werden und bot vor allem eine neue Perspektive. Anstatt der üblichen Zylinderprojektion einer Mercatorkarte überträgt Fuller die Informationen des Globus auf einen 14-flächigen Kuboktaeder. Die Erde erscheint dadurch wie aus dem Weltraum: Die Betrachter haben einen "universalen Blickpunkt", den "God´s-eye view". "Nach Seemannsart" schreibt Fuller 1944, "ist diese neue Projektion von einem kosmischen Standort aus entwickelt".

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2011-03-04 16:20:15
Letzte Änderung am 2011-03-04 16:21:00



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