• vom 13.04.2007, 16:44 Uhr

Kompendium

Update: 13.04.2007, 16:47 Uhr

Astronomie

Die Entdeckung des Himmels




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Von Christian Pinter

  • Eine Ausstellung in der Wiener Universitätbibliothek illustriert den historischen Wandel des himmelskundlichen Weltbilds.

Berühmte Astronomen stellen ihrer Muse Urania ihre Weltbilder vor. Der Himmel wird zeigen, welches stimmt. Aus: Andreas Cellarius, Harmonia Macrocosmica, 1708. Foto: I. Müller & F. Kerschbaum/Uni-Sternwarte Wien

Berühmte Astronomen stellen ihrer Muse Urania ihre Weltbilder vor. Der Himmel wird zeigen, welches stimmt. Aus: Andreas Cellarius, Harmonia Macrocosmica, 1708. Foto: I. Müller & F. Kerschbaum/Uni-Sternwarte Wien Berühmte Astronomen stellen ihrer Muse Urania ihre Weltbilder vor. Der Himmel wird zeigen, welches stimmt. Aus: Andreas Cellarius, Harmonia Macrocosmica, 1708. Foto: I. Müller & F. Kerschbaum/Uni-Sternwarte Wien

Von jeher war die Astronomie maßgeblich für unser Weltverständnis", erklärt Thomas Posch, Astronom an der Wiener Universitätssternwarte: "Seit Einführung des Buchdrucks lässt sich der Wandel unseres Weltbilds anhand bahnbrechender Lehrbücher, aber auch farbenprächtiger Folianten und Atlanten nachverfolgen." Das astronomische Institut verfügt über einen reichen Schatz solcher Kostbarkeiten, wie ein zweibändiger, illustrierter Katalog deutlich macht. Er enthält fast 500 Titel aus dem 15. bis 18. Jahrhundert. Schlüsselwerke der Sammlung präsentieren Sternwarte und Universitätsbibliothek vom 19. April an in der gemeinsamen Ausstellung "Astronomisches Weltbild im Wandel", die im Hauptgebäude der Wiener Universität gezeigt wird. Im Bibliotheksfoyer können Besucher den gedruckten Spuren der Forschungsgeschichte folgen.




Stadt der Mathematik
Die Universitätssternwarte existiert seit 1755. Doch der Ruf Wiens als "Stadt der Mathematik" wurde bereits gut drei Jahrhunderte zuvor durch die Lehrtätigkeit des Johannes von Gmunden begründet. Sein Nachfolger, der aus Oberösterreich stammende Georg von Peuerbach, schuf 1473 mit seiner "Theoricae novae planetarum" ein aktuelles astronomisches Lehrbuch. Es sollte mehrere Dutzend Auflagen erleben. Damals ruhte die Erde noch unbewegt im Zentrum eines sehr kleinen Kosmos. Der wirbelte mitsamt der Sonne und den Planeten täglich um den Betrachter herum. Dieses Weltbild folgte dem Augenschein und wurde durch den "Almagest" des Claudius Ptolemäus, verfasst im 2. Jahrhundert n. Chr., mathematisch untermauert.

Peuerbachs Schüler, Johannes Regiomontanus, fand störende Widersprüche zwischen dem theoretischen Modell und dem tatsächlichen Anblick der Wandelgestirne am Himmel. Deshalb wollte er die ptolemäische Kosmologie mit eigenen, systematischen Himmelsbeobachtungen verbessern. Seine Werke, darunter das ab 1474 gedruckte Kalendarium, beeindruckten auch Hartmann Schedel, der ihn in seiner berühmten Weltchronik von 1493 als "Zier" der Deutschen rühmte. Regiomontanus gab einen von Übersetzungsfehlern bereinigten, kommentierten Auszug aus dem "Almagest" heraus: Das Schmuckblatt der "Epytoma in Almagestu Ptolemei" zeigt ihn neben Ptolemäus; eine Krone weist diesen als "König der Astronomie" aus.

Auch Petrus Apian studierte in Wien. Er stattete sein handkoloriertes "Astronomicum Caesareum" von 1540, gewidmet Kaiser Karl V., mit drehbaren Rechenscheiben aus. Sie sollten den Leser von der Mühe himmelskundlicher Kalkulationen befreien. Drei Jahre später erschien das epochale Werk "De revolutionibus orbium coelestium". Darin setzte Nikolaus Kopernikus endlich die Erde in Bewegung. Sie rotierte nun um ihre eigene Achse. Der vom täglichen Umschwung befreite Kosmos durfte jetzt auch wachsen. Gleichzeitig wurde unsere Welt zu einem von sechs Planeten degradiert, die auf Kreisbahnen um die zentrale Sonne zogen. Nur wenige Gelehrte wollten diesem Paradigmenwechsel folgen.

Martin Luther führte die Heilige Schrift gegen Kopernikus ins Treffen. Im Alten Testament hatte Josua einst die Sonne still stehen lassen; also müsse sich diese logischerweise bewegen - und nicht die Erde. Auch in das Buchexemplar von "De revolutionibus", das in der Ausstellung gezeigt wird, trug ein Leser Bibelzitate ein, um die neue Kosmologie zu widerlegen. Für Luthers Mitstreiter Philipp Melanchthon war sie ohnehin nicht mehr als ein Rechenmodell. Er setzte für die Bildungsarbeit weiter auf Johannes de Sacrobosco. Dieser hatte 300 Jahre zuvor mit der "Sphaera" ein Standardwerk des universitären Unterrichts geschaffen. Man zeigt es hier in einer deutschen Ausgabe von 1519.

Trotz seiner protestantischen Überzeugung wurde Johannes Kepler zum begeisterten Kopernikaner. Als Assistent des Dänen Tycho Brahe hätte er zunächst ein ganz anderes Weltbild fundieren sollen: Um nicht in "Gegensatz" zu Josua zu geraten, nagelte Brahe die Erde abermals im Zentrum des Universums fest. Die anderen Planeten liefen zwar um die Sonne, doch die musste ihrerseits wiederum Tag für Tag um die Erde herum jagen.



Neue Himmelskunde
Kepler nützte Brahes hervorragende Marsbeobachtungen jedoch zur Verbesserung des Kopernikus. Dazu ersetzte er die kopernikanischen Bahnkreise ganz korrekt durch Ellipsen. Diese neue Himmelskunde, die "Astronomia Nova", erschien 1609. Acht Jahre zuvor hatten Brahe und Kepler dem astrologiegläubigen Kaiser Rudolf II. versprochen, ein verlässliches Tabellenwerk zur Kalkulation künftiger Planetenstellungen zu verfassen. Kepler konnte diese "Tabulae Rudolphinae" aber erst 1627 auf der Frankfurter Buchmesse präsentieren. Gelehrte verglichen sie mit den Alphonsinischen Tafeln, die noch auf Ptolemäus fußten, und den "Prutenischen Tafeln", die Erasmus Reinhold auf Basis kopernikanischer Kreisbahnen berechnet hatte. Keplers Tafelwerk übertraf beide deutlich an Genauigkeit. Zusammen mit Galileis Fernrohrbeobachtungen sollte es den Siegeszug des neuen Weltbilds einleiten.

Keplers Gesetze beschrieben den Planetenlauf. Den Grund für ihre Gültigkeit - die Wirkung der Schwerkraft - erklärte Isaac Newton 1687 in den "Mathematischen Grundlagen der Naturphilosophie". Das bedeutsame Werk liegt in einer Amsterdamer Ausgabe von 1714 in der Ausstellung auf. In der Druckerstadt Augsburg hatte der Jurist Johannes Bayer 1603 den grandiosen Sternatlas "Uranometria" publiziert. Der Titel huldigte dem griechischen Himmelsgott Uranos und der Muse Urania, der Schutzherrin der Astronomie. Um Verwechslungen auszuschließen, ersann Bayer eine systematische Bezeichnungsweise für Fixsterne. Jeder Stern erhielt einen Buchstaben des griechischen Alphabets, gefolgt vom lateinischen Sternbildnamen im Genitiv: So kamen Alpha Centauri, Beta Lyrae oder Delta Cephei zu ihren Namen.

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Dokument erstellt am 2007-04-13 16:44:04
Letzte Änderung am 2007-04-13 16:47:00



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