• vom 10.06.2006, 00:00 Uhr

Kompendium


Literatur

Der berühmte Unbekannte




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Von Gerhard Rieck

  • Franz Kafka ist ein Klassiker der Moderne - aber wird er auch richtig verstanden?
  • Wenn man den zur Jahrtausendwende erschienenen Literatur-Rankings Glauben schenken darf, dann ist Franz Kafka für die Laien- und Profi-Leser im deutschsprachigen Raum der bedeutendste österreichische Autor. Allenfalls muss er sich diesen Rang noch mit Robert Musil teilen. Man sollte also vermuten, dass sich das offizielle Österreich ebenso wie die hier wirkende Germanistik dieses Dichters in einer besonders intensiven und würdigen Weise annimmt.

Kafka ungefähr 1917.

Kafka ungefähr 1917.© Wikimedia / GPL Kafka ungefähr 1917.© Wikimedia / GPL

Wie aber steht es damit in der Realität? Da wäre zunächst einmal jener Ort in Österreich, welcher noch am meisten auf den Dichter verweist: das Haus in Kierling bei Klosterneuburg, in dem Kafka 1924 verstarb. Wie wenig angemessen dieser Ort präsentiert wird - das war schon häufig Gegenstand kritischer Berichterstattung.

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Seltsames Desinteresse

Darüber hinaus werden Andenken und Werk großer Dichter z.B. von sich ihnen widmenden Literaturgesellschaften gepflegt. Die Österreichische Franz Kafka-Gesellschaft (ÖFKG) - welche auch das Sterbehaus betreut - fällt allerdings diesbezüglich ebenso wenig durch übertriebene Aktivitäten auf wie das übrige literarische Österreich. Über lange Jahre hin veranstaltete Symposien finden seit 2001 nicht mehr statt, neuere Publikationen der ÖFKG sucht man vergeblich, der Franz Kafka-Literaturpreis wird auch nicht mehr vergeben, und eine Internetpräsenz in Form einer Kafka-Website existiert von heimischer Seite nicht (mit Ausnahme der privaten Website des Autors dieser Zeilen). Reiner Stach, Kafka-Biograph und Gestalter der letzten größeren in Österreich gezeigten Ausstellung zum Thema Kafka konstatierte ein seltsames Desinteresse derer, die sich dieses Dichters eigentlich in besonderer Weise annehmen sollten. Was an der Behandlung Kafkas durch das offizielle Österreich nachweisbar ist, scheint auf den ersten Blick für die Beachtung durch die akademische Literaturwissenschaft nicht zu gelten. Immerhin gibt es weit mehr als 10.000 Bücher, Dissertationen und Aufsätze zu diesem Autor, und alle "Diskurse" des letzten Jahrhunderts haben ihn für sich reklamiert oder aus ihrer Sicht interpretiert. Wie kann da von einer Vernachlässigung Kafkas durch die Literaturwissenschaft gesprochen werden?

Kafka selbst hat vorgezeigt, wie so etwas funktionieren kann. Im Roman "Das Schloss" gibt es zwar zur Hauptfigur, dem Landvermesser K., eine Vielzahl von Schriftstücken und einen regen Schriftverkehr innerhalb der Schlossbürokratie (quasi eine umfangreiche "Sekundärliteratur" zu K.), gleichzeitig vermeiden die Schlossbeamten aber auf geradezu groteske Weise eine Konfrontation mit der konkreten Person K.s. Diese Doppelstrategie von Beschäftigungszwang (im Abstrakten) und Kenntnisvermeidung (im Konkreten) hält auch die moderne und postmoderne Literaturwissenschaft in ihrem Verhältnis zum Autor K.s ein.

Besonders radikal gehen dabei die postmodernen Dekonstruktivisten vor, welche die Person des Autors fast vollkommen vom Werk trennen, ja im Extremfall die Texte sogar als von der Dichterperson unabhängig und selbständig erklären. Sie sind sich in diesem Fall also durchaus einig mit konservativeren Vertretern der Zunft. So war für Heinz Politzer "die Abhängigkeit des Kunstwerks von der Persönlichkeit des Kunstschöpfers" ein "künstlerischer Defekt" , und Martin Walser proklamierte: "Je vollkommener die Dichtung ist, desto weniger verweist sie auf den Dichter".

Die Literaturwissenschafter behaupten in der Regel, dass die psychischen Bedingtheiten eines Autors dessen Texte nur veranlassen, nicht aber substantiell bestimmen; und dass die Wirkung eines Autors im Aufgreifen von universellen Themen liegt und nicht im Aufarbeiten seiner persönlichen seelischen Probleme. Mit diesen Argumenten rechtfertigen sie die Geringschätzung von psychologischen und biographischen Deutungsansätzen.

Das aber ist meiner Meinung nach ein Fehler. Wenn ich ein fremdes Land kennenlernen möchte, dann muss ich mich auf die spezifischen Weisen einlassen, in denen dieses Land und seine Bewohner mit den universell gültigen Aufgaben zurechtkommen, die uns Menschen gestellt sind. Nur über ein tiefes Verständnis dieser Besonderheiten kann ich dann auch mehr über das für uns Menschen Allgemeingültige erfahren.

Der Wert der Individualität

Was für Menschen in fremden Ländern gilt, gilt auch für Autoren und für Figuren literarischer Texte: Erst wenn wir uns ganz ihrer Individualität widmen, wächst uns auch besseres Verständnis des Gesamten zu, jedenfalls auf der bewussten Ebene. Denn selbstverständlich kann ich literarische Texte auch ohne Kenntnis des Dichterlebens und dessen Einwirkungen auf das Werk lesen und genießen, aber den bewussten Nutzen daraus kann ich erst ziehen, wenn ich aus der Kette "Allgemeine Menschheitsprobleme - Bewältigungsversuche durch einen Autor - Niederschlag dieser Versuche in den Texten dieses Autors" alle Glieder sowie deren Ineinandergreifen beim Entstehen des Kunstwerks verstanden habe. Viele Interpreten möchten allerdings aus dieser Kette das mittlere Glied herausnehmen, auch wenn es im wahrsten Sinn des Wortes im Zentrum steht. Fehleinschätzungen wie die eben beschriebene wirken sich bei Kafka besonders stark aus, denn er hat wie kaum ein anderer Dichter den Kampf eines Individuums um seine Anerkennung und sinnvolle Einordnung in die Gemeinschaft thematisiert - sowie das Scheitern beider Bemühungen. Die Interpreten wiederholen also auf fatale Weise das Grundthema des Werks: Sie verweigern dem Autor die Individualität und sie entkonkretisieren das Werk durch ihre Deutungen.

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Schlagwörter

Literatur, Kafka, Prag

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2006-06-10 00:00:01
Letzte Änderung am 2006-06-09 17:19:00



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