• vom 11.02.2011, 14:53 Uhr

Kompendium

Update: 16.02.2011, 11:47 Uhr

Medizin

Mein Jahr mit Herrn Burkitt




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Von Bernhard Torsch

  • "Bösartig", sagt der Arzt, und dann die Stimme der Krankenschwester: "Aber er ist doch noch so jung". Protokoll einer Krebsbehandlung.

Mir ist, als hätte mir jemand einen Backstein an den Kopf geworfen. Tumor? Krebs? . . . Hier Krebszellen unterm Transmissionselektronenmikroskop (TEM). Foto: Visuals Unlimited/Corbis

Mir ist, als hätte mir jemand einen Backstein an den Kopf geworfen. Tumor? Krebs? . . . Hier Krebszellen unterm Transmissionselektronenmikroskop (TEM). Foto: Visuals Unlimited/Corbis

Seit zwei Tagen schon liegt eine tote Ratte im Rinnsal vor dem Haupteingang der onkologischen Abteilung des Klagenfurter Landeskrankenhauses. Sie verwest in der Sommerhitze, und wir Krebspatienten schauen ihr dabei zu. Wir wissen, dass es einigen von uns bald ähnlich ergehen wird, dass von uns bald nur noch eine lebloser Körper übrig sein wird, ein Festmahl für Würmer und Maden. Ärzte und Besucher erschrecken kurz, wenn sie den von Fliegen umschwirrten Kadaver sehen, manche tänzeln verlegen darum herum, einige lachen, andere stoßen Laute aus, die ihrem Ekel Ausdruck verleihen sollen. Am vierten Tag kommt endlich jemand vom Servicepersonal und entfernt das kleine Bündel Fell und Knochen, das von der Ratte noch übrig ist.


Während ich die Szene beobachte, sitzt neben mir eine ältere Dame auf der Sitzbank in der Sonne und beklagt sich über ihre Kinder und Enkel, weil die sie nie besuchen kämen. Es ist Hochsommer 2009 und ich mache gerade meine dritte Chemotherapie durch. Hier sitze ich, abgemagert, meine Glatze unter einer Wollmütze verbergend, benommen von all dem Gift, das man in mich hineinpumpt, und mir ist, als triebe ich in einem Schlauchboot mitten auf dem Pazifik. Ein Gefühl tiefster Einsamkeit und totaler Machtlosigkeit. Wie bin ich hierher geraten?

Exzentrische Erkrankung

Der Autor während seiner Therapie im Landeskrankenhaus Klagenfurt. Hilfreich erwies sich das Führen eines Online-Tagebuchs, in welchem er über Ängste, Schmerzen und seinen Alltag bloggte. Foto: Gert Eggenberger

Der Autor während seiner Therapie im Landeskrankenhaus Klagenfurt. Hilfreich erwies sich das Führen eines Online-Tagebuchs, in welchem er über Ängste, Schmerzen und seinen Alltag bloggte. Foto: Gert Eggenberger Der Autor während seiner Therapie im Landeskrankenhaus Klagenfurt. Hilfreich erwies sich das Führen eines Online-Tagebuchs, in welchem er über Ängste, Schmerzen und seinen Alltag bloggte. Foto: Gert Eggenberger

Krebs, das ist doch wie ein Lottogewinn, ein bizarrer Skifahrerunfall auf der Streif oder die Passion von Christiane F., dem Kind vom Bahnhof Zoo - er trifft immer andere, er wird im nachmittäglichen Valiumfernsehprogramm bequatscht, er tötet manchmal Promis und allenfalls noch den Cousin der Schwägerin des Steuerberaters des Zahnarztes, der ohnehin zu viel geraucht hat. Krebs, das ist nichts für unsereinen, der ist so weit weg, der betrifft uns vielleicht irgendwann einmal, wenn wir sehr alt sind und, an der Opiumpfeife nuckelnd, bedächtig nicken, während unsere Enkelkinder die drei Nobelpreise auf dem Kaminsims in der Stadtvilla bewundern, und dann murmeln wir, mehr zu uns selbst, fast zufrieden in uns hinein: "Es war ein gutes Leben, jetzt darf er anklopfen".

Leider ist Krebs fast immer wie ein männlicher Pornodarsteller, der es nicht mehr bringt: Er kommt zu früh. Zumindest empfinde ich das so, jetzt, da ich hier sitze und auf den Befund starre, als könne wiederholtes Lesen ungeschrieben machen, was dort steht: "Malignes Burkitt-Lymphom". Eine kurze Recherche auf Wikipedia sorgt auch nicht für bessere Stimmung: "Das Burkitt-Lymphom ist einer der am schnellsten wachsenden humanen Tumore und hat eine außerordentlich hohe Zellteilungsrate".

Außerdem, so Tante Wiki, sei diese Krebsart fast exklusiv in Schwarzafrika anzutreffen. Und bei HIV-Patienten im Endstadium. Dass ich als Nicht-Afrikaner ohne HIV somit ein medizinisches Kuriosum bin, quasi an einem abenteuerlichen Exzentrikerkrebs leide, ist kein echter Trost.

Aus dem Hinterhalt

Das Propofol hat mich fast ausgeknockt, aber dann, mitten in der Koloskopie, werde ich mit einem Schlag hellwach, denn ich höre den Arzt Worte sagen, die meinen Puls trotz des starken Beruhigungsmittels auf Trab bringen: "Bösartig", sagt er, und dann die Stimme der Krankenschwester: "Aber er ist doch noch so jung". Was ist bösartig? Wofür bin ich noch zu jung? Nach der Darmspiegelung muss ich lange 20 Minuten auf einem Krankenbett liegen, bis die Wirkung des Tranquilizers nachgelassen hat, aber ich bin putzmunter, ich war noch nie so wach wie jetzt. Dann endlich spricht der Arzt mit mir. Er wirkt sehr ernst, sehr besorgt, genau so wie die Arztdarsteller in Krankenhausfernsehserien, die ihren Patientendarstellern grimmige Nachrichten überbringen. Er habe einen Tumor gefunden, sagt er, ganz oben im Darm, am Übergang zum Magen. Genaueres werde erst der Laborbefund der eingeschickten Gewebeproben zeigen, aber nun sei eine Computertomographie dringend ratsam.

Glück im Unglück

Mir ist, als hätte mir jemand einen Backstein an den Kopf geworfen. Tumor? Krebs? Womöglich bösartig? Gibt es Metastasen? Ich hatte doch bloß Sodbrennen? Tatsächlich, so werde ich bald erfahren, hat sich der Krebs symptomlos angeschlichen, das Sodbrennen hatte nichts damit zu tun. Es ist reiner Zufall, dass man den Tumor entdeckt hat. Glück, um genau zu sein, und dass man neben guten Ärzten auch Glück braucht, um eine Krebserkrankung zu überleben, werde ich nur allzu bald lernen. Und die Redewendung vom "Glück im Unglück" wird für mich bald eine unerwartete Aktualität bekommen, zum ersten Mal direkt nach dem CT-Scan, denn der Krebs hat noch keine sichtbaren Filialen in anderen Organen eröffnet. Dann kommt der Befund: Es ist bösartig, es ist lebensbedrohend, es muss herausgeschnitten werden.

Mir ist, als hätte mir jemand einen Backstein an den Kopf geworfen. Tumor? Krebs? . . . Hier Krebszellen unterm Transmissionselektronenmikroskop (TEM). Foto: Visuals Unlimited/Corbis

Mir ist, als hätte mir jemand einen Backstein an den Kopf geworfen. Tumor? Krebs? . . . Hier Krebszellen unterm Transmissionselektronenmikroskop (TEM). Foto: Visuals Unlimited/Corbis Mir ist, als hätte mir jemand einen Backstein an den Kopf geworfen. Tumor? Krebs? . . . Hier Krebszellen unterm Transmissionselektronenmikroskop (TEM). Foto: Visuals Unlimited/Corbis

Was für eine Operation! Man hat mir 30 Zentimeter meines Darms mitsamt dem darin nistenden Tumor entfernt. Ich schlage meine Augen auf, ich bin glücklich, weil ich noch da bin, obwohl desorientiert und, ohne meine Brillen, nicht in der Lage, meine Umgebung wahrzunehmen, doch ich weiß, dass ich in einem Aufwachraum bin, genauer: in einem Aufwachsaal, denn ich höre das Stöhnen und Wehklagen mehrerer Leute. Es überrascht mich, dass Menschen tatsächlich "au weh" rufen, und nicht bloß "au", oder "ah". Einer ist besonders hartnäckig und stößt wie ein Mantra aus der Hölle andauernd den Ruf "au weh, au weh" aus.

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Schlagwörter

Medizin, Gesundheit

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2011-02-11 14:53:12
Letzte Änderung am 2011-02-16 11:47:00



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