• vom 16.12.2005, 17:03 Uhr

Kompendium

Update: 16.12.2005, 17:04 Uhr

Wissenschaft

Das Meteoriten-Loch




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Von Christian Pinter (Text und Fotos)

  • Im Canyon Diablo, Arizona, hat ein Weltallbote heftig eingeschlagen

Bote aus dem Weltall: ein Meteorit, gefunden im Canyon Diablo.

Bote aus dem Weltall: ein Meteorit, gefunden im Canyon Diablo. Bote aus dem Weltall: ein Meteorit, gefunden im Canyon Diablo.

Im Jahr 1871 stößt ein Armeekundschafter 60 km östlich von Flagstaff auf ein seltsames, 1.200 m breites Loch mitten in Arizonas Wüstenlandschaft. Umkränzt wird es von einem bis zu 60 m hohen Ringwall. Wenige Kilometer westlich schneidet das "Teufelstal" durchs Colorado-Plateau. Hier, am Canyon Diablo, klaubt ein Schäfer 1886 vermeintliches Silber auf, das später für Nickel gehalten wird. In Philadelphia mustert schließlich der renommierte Mineralienhändler Albert E. Foote die Proben und stellt fest: Es sind Eisenmeteorite, "Sendboten" aus dem All.


Grove Karl Gilbert ist seiner Zeit weit voraus. Bereits 1892 macht der Chefwissenschaftler des U.S. Geological Survey die Abstürze kleiner Himmelskörper für die unzähligen Narben auf der Mondoberfläche verantwortlich. Andere Forscher lehnen diese These ab - sie halten die Tausenden von Mondkratern bloß für "erloschene Vulkane".

Als Gilbert von den Meteoriten und dem Loch in Arizona erfährt, macht er sich sofort zum Lokalaugenschein auf. Ist dies das erste irdische Gegenstück zu den von ihm vermuteten Einschlagskratern auf dem Mond?

Ein seltsames, 1200 Meter breites Loch mitten in Arizona: der Barringer-Krater im Canyon Diablo.

Ein seltsames, 1200 Meter breites Loch mitten in Arizona: der Barringer-Krater im Canyon Diablo. Ein seltsames, 1200 Meter breites Loch mitten in Arizona: der Barringer-Krater im Canyon Diablo.

Wenn das Loch tatsächlich von einem Riesenmeteoriten verursacht wurde, sollte das eiserne Himmelsgeschoss - so glaubt Gilbert - noch im Kraterboden stecken und die mitgeführte Magnetnadel irritieren. Doch die rührt sich nicht. 1896 erklärt Gilbert das "topologische Problem" zum stummen Zeugen eines vulkanischen Prozesses. Grundwasser sei, von heißem Magma getroffen, plötzlich verdampft. Die resultierende Explosion hätte den Krater ausgesprengt. Und die Eisenmeteorite wären schon lange zuvor auf die Erde gestürzt.

Teuflischer Irrtum

In der irdischen Geologie gilt Gilbert als überragende Autorität. Ein Außenseiter aus Philadelphia jedoch lässt jeden Respekt vermissen: Der gelernte Jurist Daniel Moreau Barringer, Mitbesitzer der lukrativen Silbermine in Pearce, Arizona, hört 1902 vom Krater. Sofort sichert er sich die Schürfrechte und macht sich selbst auf Suche nach dem "vergrabenen" Himmelskörper. Dieser soll, so mutmaßt er, aus zehn Millionen Tonnen Eisen und einigen hunderttausend Tonnen Nickel bestehen. Erträumter Gewinn: 250 Millionen Dollar!

Barringer studiert die seltsam aufgerichteten Gesteinsschichten am Kraterwall. Rund um die Narbe ist die Schichtenfolge sogar "auf den Kopf gestellt". Es ist, als hätte jemand von einem Stoß Papier einzelne Blätter abgehoben und daneben wieder aufgestapelt. Barringer treibt ab 1904 Bohrung um Bohrung in den Krater. Er stößt dabei auf fein zertrümmertes Gestein - nie jedoch auf die erhoffte Eisenmasse.

Später konsultieren beunruhigte Investoren den Astronomen Forest Ray Moulton. Der kommt zu dem Schluss: Der Irrläufer müsste mit der Geschwindigkeit von zehntausenden Stundenkilometern in den Boden gefahren sein. Die gewaltige Bewegungsenergie wäre in Hitze aufgegangen, die Tatwaffe in der Gluthölle verdampft. Die Suche danach ist also sinnlos. Am 23. November 1929 erleidet Barringer einen tödlichen Herzanfall.

In den folgenden Jahren führen Meteoritenfunde die Forscher auch zum texanischen Odessa- und zum australischen Henbury-Krater. Doch ein hieb- und stichfester Beweis für die "kosmische Entstehung" all dieser Strukturen fehlt immer noch.

In der Wüste Nevadas haben US-Atombombentests mittlerweile ebenfalls Narben hinterlassen. Dem Geologiestudenten Eugene Shoemaker fallen Ähnlichkeiten mit dem Krater in Arizona auf. In dessen Sandstein weist er gemeinsam mit Edward Chao ab 1960 die exotischen Minerale Coesit und Stishovit nach. Die beiden Quarz-Modifikationen wurden bis dahin nur im Labor erzeugt - bei extrem hohem Druck. Vulkanische Prozesse reichen dafür nicht aus.

Damit ist diese Struktur, mittlerweile auch "Arizona-" oder "Meteor-Krater" genannt, endgültig als Einschlagsnarbe entlarvt. Sie erhält Barringers Namen. Geologisch jung und von der Erosion kaum angegriffen, entpuppt sich der Barringer-Krater als aufschlussreiches Loch. Hier entdeckt man einige jener Indikatoren, die man später zur Identifikation von viel älteren "Sternwunden" einsetzt.

Bis vor kurzem waren die Wissenschaftler überzeugt zu wissen, was es mit dem Meteoriteneinschlag am Canyon Diablo auf sich habe. Sie sprachen von einem etwa 45 m großen Himmelsgeschoss, das mit einem Tempo von fast 20 km pro Sekunde in den Boden fuhr. Vor 50.000 Jahren, bedeckte Wald das Colorado-Plateau. Als die Faust aus dem All zuschlug, knickte eine enorme Druckwelle Bäume, als wären sie Streichhölzer. Mammuts und Bisons flogen durch die Luft. Am Einschlagspunkt selbst quetschte verheerender Druck sowohl Eisenprojektil also auch irdisches Sedimentgestein auf einen Bruchteil seines Volumens zusammen.

Die Schockwelle raste abwärts durch den roten Moenkopi-Sandstein, den gelblich hellen Kalkstein der Kaibab-Formation und schließlich durch den Coconino-Sandstein. In eben dieser Sequenz schleuderte die anschließende, explosionsartige Dekompression das Gestein fort. So kam es zur verräterischen Umkehr der Schichtenfolge. Selbst 5000 Tonnen schwere Kalksteinblöcke flogen zwei Kilometer weit.

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Schlagwörter

Wissenschaft, Astronomie

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2005-12-16 17:03:21
Letzte Änderung am 2005-12-16 17:04:00



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