• vom 26.11.2004, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 12:13 Uhr

Astronomie

Albtraum auf der Alb




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Von Christian Pinter

  • Ein kosmischer Irrläufer schuf das Steinheimer Becken

Zwischen dem oberen Neckar, der Donau und dem Nördlinger Ries liegt die Schwäbische Alb. Kalkiger Untergrund verursacht auf dieser Hochfläche eine Wasserarmut. Vor 15 Millionen Jahren war das nicht anders. Nur lagen damals die Temperaturen deutlich höher: Die Landschaft glich einer Savanne. An einem Tag im Tertiär träumte die Alb ihren schlimmsten Albtraum. Ein Irrläufer aus dem Kleinplanetengürtel zwischen Mars und Jupiter rast auf die Erde zu. Mit 70.000 km/h taucht er in die Atmosphäre ein. Sekunden später schlägt krachend das Geschoss mit mindestens 100 Meter Durchmesser fast ungebremst in die Albhochfläche ein - und kommt im Deckgebirge aus geschichtetem Kalk und Mergel zum Stillstand. Abrupt verwandelt sich seine enorme Bewegungsenergie in Druck und Hitze. Es ist, als hätte man mehrere Wasserstoffbomben gleichzeitig gezündet. Der Eindringling verdampft. Mit ihm das Gestein am Einschlagspunkt, es löst sich "in Luft" auf.


Steiler Ringwall

Eine Schockwelle jagt von dort radial nach außen. Zertrümmertes Material schießt in die Höhe, Gestein wird in Schollen zerlegt. Die Wucht der Explosion schiebt diese oft hunderte Meter weit. Es kommt zu Rempeleien, Schollen verkeilen sich, werden schräg gestellt. Auswurfmaterial türmt sich am Rand zu einem steilen Ringwall auf. Einen Moment lang könnte man hier den Wiener Donauturm versenken, so tief ist der Explosionskrater. In seiner Mitte federt das zusammen gestauchte Deckgebirge aber rasch wieder zurück, bildet eine Aufwölbung, die den Stephansdom überragt. Doch schon hageln die empor geschleuderten Gesteinstrümmer herab. Sie füllen die Senke rund um den Zentralberg teilweise auf.

Nicht nur im Krater selbst, auch in dessen Umgebung regiert der Tod. Ein drei Sekunden währender Strahlungsblitz hat Tiere, Gras und Blätter in Flammen gesetzt. Nun rast eine Druckwelle mit 1.800 km/h daher und fällt alles, was ihr im Weg steht. Selbst in 30 km Distanz, wo man später die Stadt Ulm gründen wird, überlebt nur jeder zehnte Baum - ohne Äste.

Schließlich bleibt ein etwa 3,5 km weiter, kreisrunder Kessel zurück, in dem sich Regen- und Grundwasser sammeln. Der Zentralberg guckt als idyllische Insel aus dem See. Manchmal entsteht eine Landbrücke zwischen ihm und dem Ufer. Dann wiederum versinkt er gänzlich im Wasser. Der abflusslose Kratersee ist eine willkommene Abwechslung in der trockenen Alblandschaft. Mindestens 320 Tier- und Pflanzenarten siedeln sich an, darunter Flamingos, Papageien, Tölpel und Bartvögel, Haarigel, Säbelzahntiger und Krallentiere. Dachsgroße Bären, kniehohe Zwerghirsche, hornlose Nashörner und kurzhalsige Verwandte der Giraffe gesellen sich dazu.

Fortwährend lagert sich Kalksand und Faulschlamm am Seeboden ab. Unzählige Süßwasserschnecken werden darin zur letzten Ruhe gebettet; auch die Reste anderer Tiere. Nach einer Million Jahren füllen die Ablagerungen den Kessel völlig aus, der See "verlandet". So bleibt es zwölf weitere Millionen Jahre. Dann bahnt sich der Wentalfluss einen Weg durch den Friedhof, spült die Seesedimente zum Teil fort - und das Loch in der Alb taucht wieder auf.

In der Hallstattzeit besiedeln Menschen das Becken. Später entsteht die Siedlung Steinheim am Albuch, urkundlich erstmals 839 n. Chr. erwähnt. 1190 errichten die Augustiner-Chorherren ein Stift am 50 Meter hohen Zentralhügel. Er heißt nun "Klosterberg". An seinen Hängen baut man Feg- und Scheuersand zum Bearbeiten

hölzerner Böden und Gefäße ab. Der Sand lässt sich gut verkaufen. 1711 findet der Arzt Rosinus Lentilius darin winzigste, blendend weiße Schälchen. Ihr Glanz erinnert ihn an frisch gefallenen Schnee.

Goldgruben für Paläontologen

1862 untersucht der 23-jährige Franz Hilgendorf die Steinheimer Schneckenschalen genauer. Jene aus den tiefsten, also ältesten Sandschichten ebenso wie jene aus den oberen, jüngeren Lagen. Er macht eine epochale Entdeckung: Die Gehäuseform der Tellerschnecken verändert sich im Lauf der Zeit. Offenbar entwickelten sie sich weiter. Hilgendorf belegt damit die Evolutionstheorie, die drei Jahre zuvor von Charles Darwin veröffentlicht worden war.

Überhaupt entpuppen sich die drei großen Sandgruben als Goldgruben für die Paläontologie - jene Wissenschaft, die das Leben der Vorzeit erforscht. Der Kratersee bot einst günstige Bedingungen für die Fossilisation. Als er verlandete, wurde dieser Schatz sicher verwahrt. Die reichen, gut 14 Millionen Jahre alten Fossilienfunde aus dem Tertiär machen Steinheim schon im 19. Jahrhundert weltbekannt.

Geologisch galt das 115 Meter tiefe Becken damals als "Unikum". Kaum jemand glaubte an die Existenz von Meteoritenkratern. Selbst die Abertausenden Krater auf dem Mond hielt man noch für erloschene Vulkane. Einen ähnlichen Ursprung schrieb man Steinheim zu. Kopfzerbrechen bereitete bloß das Fehlen vulkanischen Gesteins. 1912 variierte Walter Kranz deshalb die Vulkantheorie. Er meinte, hier wäre heißes Magma auf Grundwasser gestoßen; die resultierende Wasserdampfexplosion hätte den Krater ausgesprengt.

60 Kilometer östlich von Flagstaff, Arizona, blickt man in ein 1.200 Meter weites und 170 Meter tiefes Loch. Auch dort glauben Geologen zunächst an eine Dampfexplosion. Nur Bergbauingenieur Daniel Barringer bringt den Krater mit Meteoriten in Verbindung, die man in der Umgebung eingesammelt hat.

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Dokument erstellt am 2004-11-26 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 12:13:00



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