• vom 29.10.2004, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 12:13 Uhr

Tod

Schattenreich am Sternenzelt




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Von Christian Pinter

  • Wie das antike Totenreich in den Himmel kam

Hesiod, Homer, Ovid oder Vergil führten ihre Leser hinab in den Hades, den Aufenthaltsort der Verstorbenen. Manche Gestalten des antiken Schattenreichs aber besaßen schon damals einen Zweitwohnsitz: als Sternbilder am Firmament. In den letzten zwei Jahrhunderten galt es zudem, Kleinplaneten oder "Asteroide" zu taufen. Sie ziehen großteils zwischen Mars und Jupiter um die Sonne. 11.500 von ihnen tragen heute Eigennamen. Dazu kommen noch 6.700 Bezeichnungen, die man bisher für Oberflächendetails auf anderen Planeten, Monden und sogar einigen Asteroiden benötigt hat. Auch in diesen Fällen griffen Astronomen immer wieder auf Motive und Figuren der klassischen Unterwelt zurück.


Die Zwillinge

Zeus (römisch: Jupiter) verführte Leda in Gestalt eines Schwans und zeugte dabei Polydeukes (Pollux). Am selben Tag empfing sie von ihrem königlichen Gemahl einen Sohn: Castor. Leda gebar Zwillinge. Als Castor im Kampf fiel, wollte Polydeukes auf seine Unsterblichkeit verzichten und dem Bruder in die Unterwelt folgen. Zeus war von dieser Treue gerührt. Er erlaubte den beiden, jeweils einen Tag gemeinsam im Schattenreich, den nächsten aber im Olymp zu verbringen. Das Sternbild der Zwillinge erinnert an die Legende.

Später taufte man auch noch die Einschlagsnarben auf zwei Saturntrabanten nach den Geschwistern. Castor ist heute ein Krater auf Janus, Pollux einer auf Epimetheus. Auch dort sind die Brüder fast "unzertrennlich". Janus und Epime-theus sind nämlich Nachbarmonde. Sie tauschen sogar regelmäßig ihre Orbits aus.

Drei göttliche Brüder teilten sich einst mittels Los die Regentschaft über die Welt. Zeus fielen Himmel und Erde zu, Poseidon (Neptun) erhielt das Meer. Hades blieb nur das Totenreich, das seither seinen Namen trägt. Dafür bestimmte er länger als jeder andere Gott über die Menschen.

Weit weg von seinem Herrschaftsgebiet, in einem Feld auf Kreta, liebten einander Iasion und Demeter. Sie war die Göttin des Ackerbaus und hatte den Menschen einst das Getreide geschenkt. Jetzt erblickte ihr Sohn Plutos das Licht der Welt. Anfangs Gott des Reichtums, verschmolz er im Lauf der Zeit mit dem finsteren Unterweltgott Hades. Als Hades-Plutos wachte er nun nicht nur über die Toten, sondern auch über den Reichtum im Erdinneren - die begehrten Bodenschätze.

Das Klagelied des Sängers

Bei seinem legendären Abstieg in die Unterwelt wollte Orpheus den gnadenlosen Hades-Plutos zur Herausgabe seiner jung verstorben Braut Eurydike bewegen. Das Klagelied des Sängers rührte selbst die Toten zu Tränen. Seine berühmte Lyra, eigentlich eine Erfindung des schlauen Gottes Hermes, schaut als Sternbild Leier auf uns herab.

1862 schenkten Astronomen der armen Eurydike eine kleine Welt. Orpheus schaffte seinen Aufstieg ins Kleinplanetenreich erst 1982. Seit kurzem trifft man das Paar auch auf dem Asteroiden Eros an: Seine Einschlagskrater sind berühmten Liebespaaren gewidmet.

Die Römer setzten die griechische Demeter mit ihrer Fruchtgöttin Ceres gleich, die nebenbei als Schutzgöttin Siziliens fungierte. In Palermo stöberte Giuseppe Piazzi 1801 den allerersten Kleinplaneten auf. Er taufte ihn deshalb "Ceres".

Die Göttin besitzt den eindrucksvollsten Himmelskörper im ganzen Asteroidengürtel. Durchmesser: 900 km. Die Demeter musste sich 1929 mit einem bloß 27 km kleinen Objekt zufrieden geben.

Einst war die griechische Liebesgöttin Aphrodite empört, weil sie keine Macht im Hades besaß. So wies sie Eros (Amor) an, den schärfsten seiner Pfeile auf den Unterweltgott zu richten. Der Getroffene verliebte sich umgehend in Demeters Tochter. Mit seinen schwarzen Rossen jagte Hades zur Erdoberfläche hoch und entführte Persephone (Proserpina). Sie musste seine Gattin werden.

Das Sternbild der Jungfrau

Aus Trauer und Wut zerbrach Demeter die Pflüge und befahl den Äckern, alle Saat zu unterschlagen. Siziliens Bauern verhungerten. Schließlich entschied Zeus: Persephone sollte ein Drittel des Jahres als Königin der Unterwelt über die Toten regieren. Die übrige Zeit durfte sie mit ihrer Mutter im Olymp weilen. War Persephone mit Demeter vereint, trugen die Felder schwere Ähren. Kehrte sie jedoch zu ihrem finsteren Gemahl zurück, fegten eisige Winde über das Land. Seither verändert sich die Vegetation im Wandel der Jahreszeiten.

Am abendlichen Frühlingshimmel können wir das Sternbild der Jungfrau erkennen. Manche Autoren verwoben es mit Persephone, andere mit Demeter. Im alten Mesopotamien hatte man an dieser Himmelsstelle noch eine Ackerfurche gesehen - oder eine Getreideähre. Auch diese Vorstellung hinterließ Spuren: Bis heute heißt der hellste Stern der Jungfrau "Spica" (lat. Ähre).

Vielleicht stellt das Sternbild aber vielmehr Astraea dar, die Göttin der Gerechtigkeit: Sie flog davon, als Plutos Schätze - damals vor allem Eisen und Gold - zur Ursache von Krieg, Raub und Misstrauen zwischen den Menschen wurden. Es scheint, als wollte Postmeister Karl Hencke die Astraea zurück holen: Er weihte ihr 1845 den ersten seiner beiden Kleinplanetenfunde.

1930 stieß man hinter dem Neptun auf einen neuen Planeten. Als fernster der damals beobachtbaren Himmelskörper zog er durch die denkbar dunkelste und frostigste Region des Sonnensystems. Eine elfjährige Engländerin schlug den passenden Namen vor: "Pluto".

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Dokument erstellt am 2004-10-29 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 12:13:00


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