• vom 23.01.2004, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 12:15 Uhr

Astronomie

Schmuckkästchen am Himmel




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Von Christian Pinter

  • "Offene Sternhaufen" -die Kinderkrippen der Galaxis

Einst lebte der kräftige Riese Atlas am Westrand des Erdkreises. Gemeinsam mit Pleione hatte er sieben Töchter: Alkyone, Asterope, Taygete, Elektra, Kelaino, Merope und Maia. Der Jäger Orion stellte den Schwestern jahrelang nach. Doch Zeus rettete die Bedrängten, verpflanzte sie ins Firmament. Seither glänzen die Plejaden im Sternbild Stier. Sie sind dort an klaren Winterabenden leicht zu erkennen.


Obwohl manche Menschen sechs, andere bis zu neun Lichtpunkte sehen, nennt man die Plejaden "Siebengestirn". Tatsächlich bringen alte Erzählungen sie besonders gern mit dieser Zahl in Verbindung. In China sah man in ihnen sieben fleißige Schwestern, in Indien das Symbol des siebenzüngigen Feuergottes Agni. In Amerika galten sie als sieben nimmersatte Söhne, die ihre Mutter in Rage brachten. Oder als eine Mutter mit Sohn und fünf Töchtern, die vor ihrem zornigen Gatten in den Himmel geflüchtet waren.

Andere Legenden erzählten von "Tänzern" oder "Tänzerinnen", "Tauben", einer "Henne mit Küken", einem "Kuckuck", der "Rassel einer Klapperschlange", einem "Leiterwagen" oder einem "Blumenstrauß". Oft diente das erste oder letzte Erscheinen der Sternengruppe im Jahreslauf als himmlischer Zeitgeber. So riet um 700

v. Chr. Hesiod den griechischen Bauern, sich bei der Terminwahl für bestimmte Feldarbeiten an den Plejaden zu orientieren.

Das Regengestirn

Nicht allzu weit links vom Siebengestirn stößt man auf eine weitere, deutlich ausgedehntere Gruppe: die Hyaden. Sie schmiegt sich an Aldebaran, den hellen, leicht rötlichen Hauptstern des Stiers. Er selbst gehört allerdings nicht zu den Hyaden. Römische Bauern sahen in diesen Lichtpünktchen Schweine, arabische Astronomen Kamele. Nordische Völker erinnerte ihre V-förmige Anordnung an den weit aufgerissenen Rachen des mächtigen Fenriswolfs, dem man sogar zutraute, Odin zu verschlingen.

Für die Griechen waren die Hyaden jene Nymphen, die einst den Gott Dionysos genährt hatten. Manchmal hielt man sie auch für weitere Töchter des Atlas, also für Halbschwestern der Plejaden: Eine Löwin zerriss ihren Bruder Hyas. Seither verzehrten sich die Hyaden vor Trauer. Gnädig wurden sie, so berichtet Ovid, ans Firmament gesetzt.

Vergil spricht ausdrücklich von den "feuchten Hyaden", und auch die alte Bezeichnung "Regengestirn" verrät es: Die Tränen flossen ungehemmt weiter, stürzten nun als Regen zur Erde. Die Griechen machten das Auftauchen der Sternengruppe für den Beginn der nassen Jahreszeit verantwortlich.

Im Krebs erahnt man noch ein anderes außergewöhnliches Himmelsobjekt: Ein Sternduo umgibt ein zartes Lichtgebilde, wie Tiere den Futtertrog. Die beiden Sterne wurden "nördliches" und "südliches Eselchen" (lateinisch: asellus borealis, asellus australis) getauft, der Schimmer zwischen ihnen "Praesepe" - die Krippe. Die himmlische Futterkrippe diente einst zur kurzfristigen Wetterprognose. Schon Federwolken reichen nämlich, um sie vor unserem Blick zu verbergen. Und solche eilen Schlechtwetterfronten gern voraus.

Unter sehr günstigen Bedingungen fallen am winterlichen Sternenzelt noch weitere vergleichbare Himmelsobjekte auf - vor allem in den Zwillingen, im Fuhrmann, im Perseus und im Großen Hund. Leider sind ihre hellsten Sterne viel schwächer als jene der Hyaden oder der Plejaden. Mit freiem Auge nehmen wir daher bloß matte, verschwommene Fleckchen wahr. Diffuse Objekte werden von Astronomen, einer alten Tradition folgend, "Nebel" genannt (nach dem lateinischen nebula, Dunst oder Wolke). Erst als Galileo Galilei ein Fernrohr zum Himmel richtete, entpuppten sich manche von ihnen als Ansammlungen lichtschwacher Sterne: unter anderem auch die Krippe im Krebs.

Charles Messier, vor allem aber Wilhelm Herschel erstellten im 18. Jahrhundert ganze Listen von Himmelsnebeln. Wie sich später herausstellte, umfassten ihre Kataloge höchst unterschiedliche Objekte - von den Resten explodierter Sterne bis hin zu fernen Galaxien. Es waren aber auch etliche Sternhaufen vom Typ der Hyaden, der Plejaden oder der Praesepe darunter. Sie stimmten Herschel nachdenklich. Er revidierte seine ursprüngliche Ansicht, wonach alle Sterne gleichmäßig, also mit einheitlichem Abstand zueinander in der Milchstraße verteilt wären. Denn in den Haufen drängten sich die Sonnen ja ganz offensichtlich eng zusammen, mussten also durch gegenseitige Anziehungskraft aneinander gebunden sein.

Zarte Lichtpünktchen

Ihre wahre Pracht entfalten Sternhaufen meist erst durch ein kleines Fernrohr. Das dunkle Bildfeld wird von einer Vielzahl zarter Lichtpünktchen erfüllt. Mancher Betrachter denkt dabei an eine von schwarzem Samt ausgekleidete Schatulle mit Diamanten. Tatsächlich taufte Wilhelm Herschels Sohn John einen Sternhaufen im Kreuz des Südens "Schmuckkästchen".

Heute nimmt man an, dass mehr als 15.000 solcher Gruppen existieren. Typischerweise teilen sich dabei jeweils Dutzende, ja Hunderte Sonnen ein Raumgebiet von 10 bis 20 Lichtjahren Durchmesser. Trotzdem lässt sich leicht zwischen den Haufenmitgliedern "hindurchblicken". Das unterscheidet die offenen Sternhaufen von den extrem kompakten Kugelsternhaufen, die aus vielen Hunderttausenden oder gar Millionen Sonnen bestehen. Kein optisches Instrument könnte die fernen Kugelhaufen gänzlich in Sterne auflösen. Sie bilden ein uraltes, sphärisches Gerüst rund um unsere linsenförmige Galaxis. Offene Haufen bevorzugen dagegen die galaktische Zentralebene. Deshalb suchen sie auch am irdischen Firmament die Nähe des matten Milchstraßenbands.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2004-01-23 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 12:15:00



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