• vom 23.12.2010, 15:04 Uhr

Kompendium

Update: 23.12.2010, 15:08 Uhr

Religion

Wintersonnenwende in der Kirche?




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Von Heiner Boberski

  • Das Jahr 2010 war wohl eines der bisher dunkelsten in der gegenwärtigen Krise der Kirche: Zarte Lichtblicke kämpfen mit hartnäckigen Schatten der Vergangenheit. Eine Bilanz.

Wenn durch eine Öffnung über dem Eingang die Strahlen der aufgehenden Sonne fast bis zum hinteren Ende der inneren Grabkammer von Newgrange dringen, dann ist Wintersonnenwende. Schon rund 3150 Jahre vor jenem Ereignis, das der christlichen Zeitrechnung zugrunde liegt, wies das irische Hügelgrab aus der Jungsteinzeit auf eine wesentliche Wurzel alles Religiösen in unseren Breiten hin: die Erfahrung, dass dem Absterben in der Natur, der Zunahme an Finsternis und Kälte stets ein neues Erblühen der Vegetation mit längeren und wärmeren Tagen folgt.

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Sonne der Gerechtigkeit

Etliche frühgeschichtliche Anlagen - die bekannteste ist sicher Stonehenge in England, dessen älteste Bauphase im gleichen Zeitraum wie Newgrange, etwa 3100 vor Christi Geburt, angesetzt wird - sind nach den Sonnenwenden ausgerichtet. Man feierte im Winter die Wiederkehr des Lichts als Zeichen der Hoffnung.

Nach dem alten Julianischen Kalender fiel die Wintersonnenwende, die jetzt meist am 21. Dezember eintritt, auf den 25. Dezember, an dem die Römer das Fest des Sol invictus , des unbesiegten Sonnengottes, feierten. An diese Tradition knüpfte im 4. Jahrhundert das noch junge Christentum an, als es das Fest der Geburt des Herrn - Weihnachten - auf diesen Tag legte. Der wahre Geburtstag Jesu - den die Christen sicher nicht als Sonnengott verehrten, aber symbolisch als "Sonne der Gerechtigkeit" ansahen - war wohl nicht bekannt. Er fiel jedenfalls mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht auf den 25. Dezember und mit absoluter Sicherheit bereits in eines der Jahre "vor Christi Geburt", zumal König Herodes der Große, der als Urheber des Kindermordes von Bethlehem in die Bibel einging, bereits im Jahr 4 vor Christus das Zeitliche segnete.

2010 gab es weder für Papst Benedikt XVI. noch für Kardinal Christoph Schönborn viel zu lachen... Foto: apa/Helmut Fohringer

2010 gab es weder für Papst Benedikt XVI. noch für Kardinal Christoph Schönborn viel zu lachen... Foto: apa/Helmut Fohringer 2010 gab es weder für Papst Benedikt XVI. noch für Kardinal Christoph Schönborn viel zu lachen... Foto: apa/Helmut Fohringer

Anno Domini 2010, nach zwei Jahrtausenden des Auf und Ab, macht das Christentum wieder schwere Zeiten durch. In einigen Weltregionen, vor allem im Ursprungsgebiet im Nahen Osten, werden Christen von radikalen Vertretern anderer Religionen massiv bedroht. Weltweit hat der Islam - der seinerseits auch aus verschiedenen Richtungen, vornehmlich Sunniten und Schiiten, besteht - in der Zahl der Gläubigen die römisch-katholische Kirche überholt. In unseren Breiten steckt das Christentum - und mit ihm in hohem Maß die katholische Kirche - in einer wahrscheinlich nur von seinen engstirnigsten Vertretern nicht wahrgenommenen Krise.

Diese Krise beruht aber nicht nur auf Angriffen von außen, von einem wieder anwachsenden militanten Atheismus, der Religion an sich zur Illusion erklärt und sie oft mit ihren fundamentalistischen Strömungen und deren oft entsetzlichen Auswirkungen gleichsetzt. Die Frage nach Gott wird in einer weitgehend naturwissenschaftlich erklärbaren Welt als lächerlich abgetan.

Schatten der Übergriffe

Dabei sehen andere gerade in Gott die Ursache dieser Erklärbarkeit. Aber nicht die seit der Aufklärung zunehmende Auffassung, Gottes Rolle sei höchstens so groß wie die noch vorhandenen Lücken im Weltbild der Wissenschaft und werde folglich immer kleiner, spitzte die jüngste Krise zu, nein, sie ist vielmehr zu einem großen Teil hausgemacht.

Ein gewichtiger Faktor dabei sind die in den letzten Jahren vermehrt bekannt gewordenen Fälle von Gewalt und sexuellen Übergriffen gegenüber Kindern und Jugendlichen in kirchlichen Einrichtungen. Wer gemeint hatte, die einschlägige Affäre um Kardinal Hans Hermann Groer, der 1995 unrühmlich aus seinem Amt als Wiener Erzbischof schied, sei ja lediglich ein Einzelfall gewesen, musste sich spätestens heuer eines Schlechteren belehren lassen. War die Causa Groer, wie es damals ein Theologe formulierte, ein "Karfreitag für die Kirche" (sie brach nämlich knapp vor Ostern aus), so ist ihr noch keine echte "Auferstehung" gefolgt. Für die Kirche brachen vielmehr winterliche Zeiten an, selbst wenn ihr vorübergehend auch positive mediale Aufmerksamkeit zuteil wurde. Es war aber vielleicht bezeichnend, dass dies vor allem im Zusammenhang mit Todesfällen geschah - weltweit, als 2005 Papst Johannes Paul II. starb; in Österreich, als man 2004 um Kardinal Franz König trauerte.

Krise des Glaubens

Wer gedacht hatte, die Wogen um die 1995 im "Kirchenvolksbegehren" thematisierten Reformwünsche zahlreicher Katholiken würden sich bald wieder glätten, muss heute feststellen: Der Graben zwischen sogenannten Konservativen und Progressiven ist keineswegs kleiner geworden, geschrumpft ist allerdings die Zahl der praktizierenden Katholiken, gesunken ist das Interesse der Öffentlichkeit an der Kirche, sogar an den von manchen Medien zeitweise fast genüsslich begleiteten innerkirchlichen Konflikten, geschwunden auch die Bedeutung kirchlicher Aussagen zu gesellschaftlichen Fragen.

Dabei spielen die sattsam bekannten Reformwünsche - das Priesteramt auch für verheiratete Männer und für Frauen, mehr Mitsprache der Ortskirche bei Bischofsernennungen, weniger rigorose Verbote in der Sexualmoral - gar nicht mehr entscheidende Rollen. Die Krise der katholischen Kirche ist nicht nur eine mangelnder Reformbereitschaft - auch die reformierten Kirchen, in denen Amtsträger verheiratet oder weiblichen Geschlechts sind und an Empfängnisverhütung oder Homosexualität keinen Anstoß nehmen, verlieren an Boden. Letztlich ist die Krise der Kirche eine Krise des Glaubens, ein Zweifeln an der Existenz eines liebenden christlichen Gottes, ein Zweifeln, das auch in der schwindenden Glaubwürdigkeit der kirchlichen Amtsträger wurzelt. Nichts nagt mehr am Glauben, als wenn seine Verkünder sich als Heuchler oder Scheinheilige erweisen.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2014
Dokument erstellt am 2010-12-23 15:04:21
Letzte Änderung am 2010-12-23 15:08:00


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