• vom 03.12.2010, 15:21 Uhr

Kompendium

Update: 03.12.2010, 15:23 Uhr

Österreich

Ein Außenseiter des Kunstbetriebs




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Von Oliver Bentz

  • Der bei Salzburg lebende Maler Rudolf Kortokraks, einst erster Assistent von Oskar Kokoschka, blickt auf ein bewegtes Künstlerleben zurück.

Wien, 1. Bezirk, Stallburggasse 2, "Café Bräunerhof": Ein elegant gekleideter Mann betritt das Lokal. Der ältere Herr mit Gehstock, im noblen Anzug und schwarzen Mantel, ist der 1928 im deutschen Ludwigshafen geborene Maler Rudolf Kortokraks, der viele Jahre in Österreich gelebt hat und heute in einem Gasthof in Maria Plain bei Salzburg wohnt.

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Wäre Rudolf Kortokraks ein "einfacher Zeitgenosse", würde er sich als hervorstechender Künstler gewiss schon seit langem großer Bekanntheit erfreuen. Da er aber zeitlebens nicht bereit war, in seiner Kunst Kompromisse einzugehen, und bis heute keine Gelegenheit auslässt, mit "wichtigen" Vertretern der Kulturpolitik und der Kunstszene die Klingen zu kreuzen, blieb er ein mit dem Kunstbetrieb nicht kompatibler Außenseiter.

Ohne lange Umschweife kommt Rudolf Kortokraks, nachdem er sich in einer Caféhausnische niedergelassen hat, ins Erzählen, berichtet über die kleine aber feine Ausstellung, die man ihm zum 80. Geburtstag 2008 in Salzburg - wo er, neben seinen Wohn- und Arbeitsorten in London und Tuscania bei Rom, meist lebt - eingerichtet hat; von seiner Zeit als Mitarbeiter Oskar Kokoschkas in der Salzburger "Schule des Sehens" in den 1950/60er Jahren; von seinen Malkursen in jenem alten Turm in Italien, den er wegen gesundheitlicher Probleme verlassen musste; von seiner Kindheit während der Nazizeit in Ludwigshafen; und von den Schwierigkeiten, die man schon immer, nicht nur in seiner Heimatstadt, mit ihm, seiner Art und seiner Kunst gehabt hat.

Rudolf Kortokraks: Salzburg, 1982. Foto: Bentz

Rudolf Kortokraks: Salzburg, 1982. Foto: Bentz Rudolf Kortokraks: Salzburg, 1982. Foto: Bentz

An das Ludwigshafen seiner Kindheit, das er 1941 nach der Trennung der Eltern mit der Mutter in Richtung Graz verließ, kann er sich noch gut erinnern. Etwa an den Tag der Machtergreifung Hitlers 1933, als er einen Aufmarsch der Nazis miterlebte. Weil das Pferd eines SA-Mannes dauernd wieherte, sagte ein Bekannter zu seinem Vater: "Da lachen ja sogar die Pferde." Doch das Lachen sollte den beiden Männern, sie waren Kommunisten, bald vergehen. Noch heute überkommen Rudolf Kortokraks Stolz und Angst bei dem Gedanken, wie sein Vater damals in seinem Beisein einen "Stürmer-Kasten" mit Hetzparolen der Nazis zertrümmerte - und noch heute fröstelt ihn die Erinnerung an die Hausdurchsuchungen in der Wohnung seiner Eltern, die er während des Dritten Reiches erleben musste.

Lehrjahre in Graz

Auch an seine erste Ausstellung 1951 in Bremen hat er noch lebhafte Erinnerungen. Kortokraks teilte die Schau mit dem in den letzten Jahrzehnten wieder entdeckten und nun hoch geschätzten Surrealisten Richard Oelze: "Uns verband auch besonders, dass wir stempeln gingen. Arbeitslosen-Unterstützung hieß das damals. Oelze hatte ein Hauptwerk im New Yorker Museum of Modern Art, aber das interessierte in Deutschland damals niemanden."

Fünfeinhalb Jahre Volksschule in Ludwigshafen und ein Jahr in Graz hat Rudolf Kortokraks, wie er lächelnd betont, an Schulbildung aufzuweisen. "Ich würde heute an keiner höheren Lehranstalt angenommen, höchstens als Lehrer." In Graz entdeckte man zum Glück sein zeichnerisches Talent und nahm ihn 1942 mit nur 14 Jahren an der Kunstgewerbeschule auf, wo die renommierten Maler Rudolf Szyszkowitz und Alfred Graf Wickenburg seine Lehrer waren. Einseitig begabt oder auf manchen Gebieten faul könnte man ihn wohl nennen, denn dem Besuch der Kurse zog er das Zeichnen im Stadtpark und im Zirkus vor. Immer wieder, erzählt Rudolf Kortokraks belustigt, musste ihn sein von den Professoren bewundertes Zeichentalent vor den Folgen der Unzulänglichkeiten in anderen Unterrichtsfächern retten.

In die Pfalz zurückgekehrt, besuchte Rudolf Kortokraks 1946 die Freie Akademie Mannheim; danach ging er nach Worpswede und für einige Jahre nach Paris, bevor er 1954, auf Vermittlung des Direktors der Mannheimer Kunsthalle, mit Oskar Kokoschkas Salzburger "Schule des Sehens" in Kontakt kam. Als Grund, warum Kokoschka gerade ihn zu einem seiner engsten Mitarbeiter berief, nennt Rudolf Kortokraks "nicht unbedingt" sein künstlerisches Können, sondern vielmehr die Tatsache, dass er aus Mannheim kam. Die Stadt habe in Kokoschka immer schöne Erinnerungen an die 20er Jahre wachgerufen, als er an der dortigen Kunsthalle, damals ein Zentrum der künstlerischen Moderne in Europa, mit großem Erfolg ausgestellt hatte. "Vielleicht aber", ergänzt Kortokraks augenzwinkernd, "hat Kokoschka ja auch nur meine hübsche Freundin gefallen."

Wenn Rudolf Kortokraks an Oskar Kokoschka denkt, dann fällt ihm zuerst die ungeheuere Subjektivität ein, mit der dieser künstlerische Werke beurteilte. Oft hätten sich Schüler in Salzburg verzweifelt an ihn als ersten Assistenten Kokoschkas gewandt: "Gestern fand der Professor meine Zeichnung sehr gut und heute beurteilt er sie als wenig gelungen." Damals sei ihm diese Eigenschaft Kokoschkas unverständlich gewesen, "aber heute, ich musste fast 80 Jahre für diese Erkenntnis werden", sagt Rudolf Kortokraks, "verstehe ich ihn sehr gut. Objektivität ist in unseren Dimensionen ein unerreichbares Ideal. Objektiv gut ist, was nach 300 Jahren Bestand hat." Den Schülern habe er übrigens, wie er mit der ihm eigenen Verschmitztheit bemerkt, den Rat gegeben, die Zeichnung dem Meister am nächsten Tag einfach noch einmal zu zeigen.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2010-12-03 15:21:51
Letzte Änderung am 2010-12-03 15:23:00



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