• vom 15.11.2002, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 12:18 Uhr

Astronomie

Glas aus der Sandsee




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Von Christian Pinter

  • Funde in der libyschen Wüste geben bis heute Rätsel auf

Selbst Skorpione und Schlangen finden hier, im nordöstlichen Teil der Sahara, kaum Nahrung: Bewohnbar ist die libysche Wüste nur an wenigen Plätzen, wie den ägyptischen Siwa- oder den libyschen Kufrah-Oasen. In diesem Extremgebiet erstreckt sich die Große Sandsee, eine der trockensten Regionen der Erde. Vom Flugzeug aus wirkt sie wirklich wie ein Meer aus Sand: Wellen ragen gleich Dünen 150 Meter hoch auf. Jeweils Hunderte Kilometer lang ziehen sie nach Süden. Dazwischen tun sich


3 bis 4 Kilometer breite "Wellentäler" auf.

In den Dreißigerjahren erforschte der Engländer Patrick Clayton die Sandsee. Dabei stieß er am 29. Dezember 1932 im ägyptischen Abschnitt der libyschen Wüste auf höchst seltsame Objekte aus Glas. Sie muteten fast wie Edelsteine an. Im folgenden Jahr kehrte der 37-jährige Clayton mit einer internationalen Expedition zurück. Unter den Teilnehmern: László Almásy. Der Ungar war 1895 in Bernstein geboren worden, dessen Burg seine Familie kurz zuvor erworben hatte. 1921 kam das Burgenland zu Österreich. Almásy, zunächst Autorennfahrer, fuhr nun mit Steyr-Fahrzeugen in die Wüste. Schließlich wollte er mit Clayton die verschollene Oase Zarzura suchen.

Diese Expedition setzte auf Automobile und einen kleinen Doppeldecker. Almásy sollte später Modell für den Roman und den Film "Der Englische Patient" stehen. Doch im Gegensatz zur Hauptfigur des 1996 gedrehten Films starb der Flugpionier nicht im Zweiten Weltkrieg, nach Abschuss und schweren Verbrennungen, sondern 1951 in einem Salzburger Krankenhaus an den Folgen der Ruhr. Auch die tragische Liebesbeziehung gab es nur im Buch und im Kino.

Wunderbare Klarheit

Gleich nach seiner Abenteuerreise mit Almásy brachte Clayton Leonard Spencer vom Britischen Museum in die Sandsee, wo er ihm den Fundort des rätselhaften Glases zeigte. Gemeinsam publizierten die beiden 1934 einen Aufsatz, der Mineralogen aufhorchen ließ. Unter den Lesern war auch der österreichische Wissenschaftler Franz Eduard Suess, der bald selbst die "wunderbare Klarheit des blassgelblichgrünen, oft vollkommen durchsichtigen Glases" bewunderte.

Allerdings war Clayton nicht der Erste, der das libysche Wüstenglas in Händen hielt. Schon 1850 hatte es der französische Altertumsforscher Fulgence Fresnel erwähnt. Auch in den berühmten Grabbeigaben des Pharaos Tutanchamun fand man ein solches Objekt. Es zeigt den Skarabäus im Zentrum eines kostbaren Brustschmucks. Grabentdecker Howard Carter hielt den Stein 1922 für einen Chalzedon, eine Quarzvarietät. Erst 1998 entlarvten italienische Forscher den Fund aus dem Tal der Könige als Wüstenglas. Ägyptische Künstler hatten es im 14. Jh. v. Chr. bearbeitet. Unter den in der Sandsee eingesammelten Glasbrocken entdeckt man gelegentlich auch besonders scharfkantige Stücke. Offensichtlich haben Menschen vor 10.000 bis 20.000 Jahren abgeschlagene Splitter als Schaber, Messer, Klingen oder Pfeilspitzen verwendet. Damals herrschte dort ein viel freundlicheres Klima. Das belegen Felszeichnungen, die teilweise bei der Almásy-Expedition entdeckt wurden.

Heute prägen riesige Dünen die Landschaft. Sie wandern wie im Schneckentempo, geben den steinigen Boden nur ganz langsam frei. Dann tauchen die Wüstengläser auf, manchmal weiß, manchmal hellgrün, meist jedoch gelb. Oft sind die Exemplare nur wenige Zentimeter klein, bringen um die 100 Gramm auf die Waage. Man hat aber auch schon Brocken mit mehreren Kilogramm Gewicht geborgen. Die Fundstücke bestehen fast zur Gänze aus Siliziumdioxid. Im Sand verborgen, hat der Zahn der Zeit am Glas genagt, das Antlitz der Steine angegriffen. Doch einmal exponiert, sorgt der sandbeladene Wüstenwind für Schliff und glättetet die Oberflächen wieder.

Bei der künstlichen Glasproduktion dienen quarzhältige Sande als Rohstoff. In mächtigen Wannenöfen wird die Schmelze mehrere Stunden lang auf weit über 1.000 Grad Celsius erhitzt. In der libyschen Wüste muss das Glas aber ohne menschliches Zutun hergestellt worden sein. Wie Altersmessungen ergaben, existiert es dort nämlich bereits seit 28,5 Millionen Jahren.

Zunächst dachte man an chemische Prozesse, die bei normalen, niedrigen Temperaturen ablaufen könnten: an Ausfällung aus siliziumreichem Wasser, an Kieselsäureablagerung in einem austrocknenden See. Doch im Wüstenglas fanden sich die Hochtemperaturformen Lechatelierit und Baddeleyit, die sich nur unter extremer Hitze aus Quarz bzw. Zirkon formen. Temperaturen von über 1.700 Grad sind dazu notwendig. Manche Eigenschaften des Glases deuten sogar auf noch höllischere Hitze während seiner Entstehung hin. Doch was hätte die nötige Energie dafür liefern können?

Im Weltraum sind Meteorite mit mindestens 11 km pro Sekunde unterwegs, wenn sie unseren Planeten treffen. Kleinere Sendboten aus dem All werden von der Lufthülle effizient abgebremst - mächtigere nicht mehr, sie nehmen ihr kosmisches Tempo bis zum Erdboden mit. Die beim Einschlag - dem sogenannten "Impakt" - frei werdende Energie wächst linear mit der Masse und quadratisch mit der Geschwindigkeit des Objekts. Bei großen, schnellen Himmelsgeschossen ist sie verheerend.

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Schlagwörter

Astronomie, Steine

Dokumenten Information
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Dokument erstellt am 2002-11-15 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 12:18:00


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