• vom 08.04.2011, 15:12 Uhr

Kompendium

Update: 08.04.2011, 15:23 Uhr

Geschichte

Wettlauf ins Weltall




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Von Christian Pinter

  • Mit Juri Gagarins "Wostok"-Flug vor 50 Jahren begann die Ära der bemannten Raumfahrt, bei welcher die USA gegenüber den Sowjets vorerst das Nachsehen hatten.

Am 12. April 1961 ragt am sowjetischen Weltraumbahnhof Tjura Tam in Kasachstan eine umgebaute, atomwaffenfähige Langstreckenrakete vom Typ R7 in den Himmel. An ihrer Spitze hat man eine Stahlkapsel mit 2,5 Tonnen Gewicht montiert, getestet mit Hündinnen. die nicht alle überlebt haben.


Nun sitzt der 27-jährige Major Juri Gagarin in der 2,3 Meter weiten Kugel, die den Namen "Wostok" ( russ.: Osten ) trägt. Er kann halbwegs sicher sein, die nächsten beiden Stunden heil zu überstehen - aber mehr nicht. Um 7.07 Uhr MEZ feuern die Raketentriebwerke los. Juri stößt ein "Pojechali!" ("Los geht´s!") aus, dann wird er in den Sitz gepresst. Minuten später schießt er schon mit 28.000 km/h gen Osten dahin, 320 km über dem Boden. Dabei bricht er den Höhen- und Geschwindigkeitsrekord. Und er ist der erste Mensch im All!

Eine russische Briefmarke erinnerte 2004 an den nationalen Helden Juri Gagarin. Foto: Pinter

Eine russische Briefmarke erinnerte 2004 an den nationalen Helden Juri Gagarin. Foto: Pinter Eine russische Briefmarke erinnerte 2004 an den nationalen Helden Juri Gagarin. Foto: Pinter

In Düsenjets hat man die Schwerelosigkeit bisher bei speziellen Flugmanövern bestenfalls ein paar Sekunden herstellen können. Nun wirkt sie eineinhalb Stunden lang auf Gagarin ein. Niemand weiß, wie sein Körper darauf reagieren wird. Daher fliegt die Wostok vollautomatisch. Nur bei einer technischen Störung darf Juri selbst das Steuer übernehmen. Während er immer wieder über sein Befinden berichten muss, bewundert er die Farben der irdischen Landschaften oder die Sterne. Hier oben, fernab der dichten Erdatmosphäre, funkeln sie nicht mehr.

Der am 9. März 1934 geborene Jagdflieger Gagarin ist einer jener jungen Militärjetpiloten, die sich für den Flug einer "speziellen Maschine" gemeldet hatten. Erst die zwanzig handverlesenen Kosmonautenanwärter erfuhren später mehr. Sie trainieren im Verborgenen. Nicht einmal Eltern oder Freunde wissen, um welche "Maschine" es tatsächlich geht. Jetzt, als Juri bereits Nordostsibirien hinter sich gelassen hat, bricht Moskau das Schweigen. Die Nachrichtenagentur TASS sendet die Erfolgsmeldung in alle Welt: Ein Sowjetbürger umkreist die Erde! Und das nur dreieinhalb Jahre, nachdem man das Raumfahrtzeitalter mit dem Satelliten "Sputnik" eröffnet hat.

Juri hetzt über Nordamerika, dann über den Atlantik. Knapp bevor er Afrikas Westküste sieht, zündet das Bremstriebwerk und bremst seine Wostok ein wenig ab. Die Kapsel sinkt in der Folge ab und taucht in dichtere Schichten der Lufthülle ein. Die Reibung übernimmt die weitere Bremsarbeit. Der kragenförmige Versorgungsteil sollte jetzt bereits längst abgesprengt sein. Doch ein Steckkontakt hat sich nicht gelöst. Ein Kabel zieht den gefährlichen Ballast hinter der Kapsel her und schmilzt erst Minuten später durch.

Jeder dieser sieben Mercury-Astronauten, die bereits 1958 ausgewählt worden waren, wollte als erster Mensch ins All. Doch Juri Gagarin kam ihnen 1961 zuvor. Foto: NASA

Jeder dieser sieben Mercury-Astronauten, die bereits 1958 ausgewählt worden waren, wollte als erster Mensch ins All. Doch Juri Gagarin kam ihnen 1961 zuvor. Foto: NASA Jeder dieser sieben Mercury-Astronauten, die bereits 1958 ausgewählt worden waren, wollte als erster Mensch ins All. Doch Juri Gagarin kam ihnen 1961 zuvor. Foto: NASA

Grelles, feurig heißes Plasma umgibt nun die Kugel, die rundherum mit einem Thermoschutz versehen ist. Dann, in knapp 7000 Metern Höhe, wird der Kosmonaut mitsamt seinem Sitz aus der Wostok geschleudert. Kapsel und Passagier gleiten programmgemäß an getrennten Fallschirmen erdwärts; ein Faktum, das Moskau verschweigen wird. Die Kapsel kracht in der 108. Flugminute in den Boden, mit 32 km/h. Juri landet in seinem orangefarbigen Raumanzug kurz danach.

Präsident Nikita Chrusch- tschow umarmt ihn bewegt. Zwei Wochen später wird der neue Nationalheld Gagarin auf Reisen geschickt. Optimistisch, freundlich und meist lächelnd, kommt Juri auch im Ausland gut an. Er soll Sympathien für das Sowjetsystem wecken.

Die USA aber erleiden mit Gagarins Premierenflug eine weitere Weltraumschlappe. Dabei hatten sie der Sowjetunion doch auf jeden Fall zuvorkommen wollen. Schon 1958 suchte man Kandidaten für ein "bemanntes Satelliten-Projekt". Es sollte einen Menschen mit Hilfe der weitgehend schon vorhandenen Technologie ins All bringen. Dabei betritt man völliges Neuland. Sieben Männer werden der Presse präsentiert: allesamt Militär- und Testpiloten, Familienväter und Patrioten. Anders als ihre geheim gehaltenen Kollegen in der UdSSR stehen die hoffnungsvollen Amerikaner schon seit zwei Jahren im Scheinwerferlicht. Die Zeitungen spekulieren, wer von ihnen der Erste im All sein wird. Doch jetzt haben alle das Nachsehen. Die NASA-Mitarbeiter erleben Gagarins Weltraumpremiere mit "Frustration und Bewunderung", erinnert sich später Gene Kranz. Er wird bald verantwortlicher Flugdirektor in Houston sein. Jeder Erfolg der Russen ist für ihn und seine Kollegen "ein Schock": Was immer man tut, Moskau scheint stets einen Schritt voraus zu sein.

Die Mercury-Kapsel ist nach dem flinken römischen Götterboten Merkur benannt; sein Name soll die Geschwindigkeit des Gefährts und des ganzen US-Programms rühmen. Anstatt einer einfachen Kugelform nehmen die Amerikaner einen Kegelstumpf als Vorlage. Nur die breite Grundfläche der Mercury wird von einem Hitzeschild geschützt. Entsprechend wichtig ist die korrekte Lage der Kapsel beim Wiedereintritt. Am anderen Kegelende findet ein zylindrischer Fallschirmbehälter Platz. Dennoch ist ein harter Aufprall zu erwarten. Daher landet das US-Gefährt nicht, sondern "wassert" im Ozean.

Schmale Mercury-Kabine

Anders als ihr russisches Pendant, besitzt die Mercury keinen separaten Versorgungsteil. Alles wird in die Kabine selbst gezwängt: Lebenserhaltungssystem, Funkausrüstung, Tanks, Batterien, armdicke Kabelstränge und Schläuche. Dazwischen bleibt gerade genug Platz für den einsamen Piloten. Mit einem maximalen Außendurchmesser von 188 cm ist die Mercury deutlich schmächtiger als die Wostok und wiegt auch bloß 1400 kg. Man zollt der schwächeren Leistung amerikanischer Raketen Tribut.

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Dokument erstellt am 2011-04-08 15:12:12
Letzte Änderung am 2011-04-08 15:23:00



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