• vom 18.08.2000, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 08.04.2005, 16:03 Uhr

Vor 75 Jahren ging der Meteorit von Lanzenkirchen nieder

Österreich im Visier




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Von Christian Pinter

Freitag, den 28. vorigen Monats, gegen halb 8 Uhr abends wurde südlich von Wiener Neustadt ein Meteoritenfall beobachtet und tags darauf in unmittelbarer Nähe des Ortes Lanzenkirchen durch den Landwirt Flickentanz ein Meteorstein gefunden, der auf seiner Wiese in der Tiefe von einem halben Meter lag.


So berichtete die "Wiener Zeitung" vor 75 Jahren über den Meteoritenfall von Lanzenkirchen. Tatsächlich war an diesem 28. August 1925 nicht nur der erwähnte 5 kg schwere Stein mit weithin sichtbarem Feuerball und Detonationsgeräuschen zu Boden gegangen; am 7. Oktober fand man gut 2 km nordöstlich in Frohsdorf ein weiteres, immerhin 2 kg schweres Stück. Es muss sich im Flug von der Hauptmasse getrennt haben. Der dunkelgraue Stein von Lanzenkirchen zählt zu den bloß fünf Meteoriten, die man auf dem Territorium des heutigen Österreich eingesammelt hat. Weltweit wurden bisher rund 23.000 geborgen.

Surren in der Luft

Der letzte gesicherte Meteoritenfall über Österreich ereignete sich am späten Abend des 5. November 1932. Nach Flug über die Karnischen Alpen war für einen kosmischen Besucher 27 km westlich von Linz Endstation. Augenzeugen in Steiermark, Oberösterreich, Böhmen und Bayern nahmen seinen Schein am Himmel wahr. In Prambachkirchen fand sich der Landarbeiter Franz Pittrich mehrere Sekunden lang von taghellem Leuchten umgeben, dessen Quelle er im dichten Nebel nicht orten konnte.

Kaum war es wieder dunkel, folgte ein Doppelknall wie von Büchsenschüssen. Nach Momenten der Stille hörte Pittrich ein gurgelndes, sausendes Geräusch, das mit einem dumpfen Aufschlag endete. Der Meteorit wurde am nächsten Tag im frisch bestellten Feld gefunden, wo er sich 23 cm tief in die Erde gebohrt hatte. Pittrich war nur

130 m neben dem Aufschlagspunkt gestanden.

Die Brocken aus Stein oder Eisen treten mit mehr als 40.000 km/h in die Erdatmosphäre ein. Die Luft vor dem Eindringling wird in etwa 100 km Höhe dramatisch komprimiert und erhitzt: Eine 100 m weite Gaskugel hüllt ihn ein. Im heißen Gas bewegen sich Atome rasch und kollidieren miteinander. Elektronen geraten bei dieser Stoßanregung kurzzeitig auf höhere Bahnen um den Atomkern, stürzen wieder zurück und senden dabei Licht aus.

Die hohe Temperatur vermag außerdem die Luft zu ionisieren. Elektronen werden dabei gänzlich vom Kern fortgerissen. Bei der Wiedervereinigung mit anderen Atomen blitzt es ebenfalls. Knapp zwei Prozent der Bewegungsenergie gehen in Licht auf; weil diese mit dem Quadrat zur Geschwindigkeit wächst, erzeugen bereits winzige Himmelsgeschosse auffällige Leuchterscheinungen. Dabei strahlt vor allem die Erdatmosphäre: Sauerstoff grün und rot, Stickstoff blau und violett. Während der bis zu einer Minute dauernden Leuchtphase schießt der Eindringling dutzende km über dem Boden dahin, ist daher weithin sichtbar.

Fast die gesamte Bewegungsenergie wird in Wärme umgewandelt. Die Hitze der umgebenden Luft lässt die Oberfläche des Geschosses schmelzen. Schmelztröpfchen zeichnen manchmal eine auffällige Rauchspur an den Himmel. Der Prozess kostet ihm jede Sekunde einen 1/2 cm Durchmesser.

Die allermeisten Sternschnuppen stammen von kaum 1 mm kleinen Staubteilchen, die Kometen verloren haben. Sie sind zu winzig und zu porös, um den Höllenritt zu überleben. Nur deutlich größere Objekte aus Stein und Eisen können einen Bruchteil der Anfangsmasse retten. Das verdampfte Material wirkt nämlich wie ein Schutzschild, blockt die Hitze ab. Schicht um Schicht des Projektils opfert sich, um die darunter liegende Zone thermisch zu isolieren.

Vor den Himmelsgeschossen gerät die dichter werdende Atmosphäre praktisch zur Wand, hinter ihnen bildet sich fast ein "Vakuumtunnel". Oft halten sie diesem Stress nicht stand, fragmentieren in zwei, drei, ja manchmal hunderte Stücke. 50 bis 10 km über Grund tritt die stärkste Abbremsung ein. Die Energie reicht nicht mehr aus, die Luft zum Leuchten anzuregen. In der folgenden, oft minutenlangen dunklen Flugphase kühlt die heiße Oberfläche aus, erstarrt zur hauchdünnen Schmelzkruste.

Schließlich durchbricht das Projektil die Schallmauer. Der Knall wird in einem deutlich kleineren Gebiet wahrgenommen als die Leuchterscheinung. Die langsamen Schallwellen treffen außerdem mit deutlicher Verzögerung ein. Das Geschoss stürzt jetzt im freien Fall herab. Nur in seiner unmittelbaren Umgebung lässt sich ein Surren hören, wenn es mit etwa 160 km/h daherschießt. Schließlich folgt der Aufschlag.

Skeptische Forscher

Einmal auf Erden angekommen, wird Erosion zum Hauptfeind der Himmelsboten. Ist die dunkle Schmelzkruste verwittert, unterscheiden sich die meisten auf den ersten Blick kaum noch von irdischem Gestein. Die Suche sollte bald beginnen. In heißen oder kalten Wüstengebieten wie der Sahara oder der Antarktis bleiben Meteorite oft Jahrtausende lang konserviert und heben sich zudem besser vom Boden ab. Mit ein Grund, warum Suchteams dort auch ohne vorangehende Fallbeobachtung hohe Fundraten erzielen.

In steinigen und bewachsenen Regionen wie Österreich sind Zufallsfunde Glückssache. 1877 stieß man offenbar ganz nebenbei im Tiroler Mühlau auf einen 5 g leichten Steinmeteoriten, kaum größer als ein Zuckerwürfel. Genau 100 Jahre später entdeckte ein Geologe bei Kartierungsarbeiten einen 15 kg schweren Meteoriten im niederösterreichischen Ybbsitz. Niemand weiß, wann die beiden Steine zur Erde gefallen sind.

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2000-08-18 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-04-08 16:03:00


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