• vom 09.06.2000, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 15:56 Uhr

Astronomie

Der Gott, der den Markt erfand




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Von Christian Pinter

  • Wie die alten Mythen um Merkur die moderne Zeit beflügeln

Die Griechen nannten ihn Hermes, die Römer Merkur. Sie verehrten ihn als Gott der Wege, der Reisenden, der Händler und der Diebe, sahen in ihm einen geflügelten Boten zwischen Himmel und Erde, Göttern und Menschen, Lebenden und Toten.


Überraschenderweise waren es die astronomischen Eigentümlichkeiten des innersten Planeten, die zu solchen Vorstellungen führten. Manche haben in Firmennamen und -zeichen sogar bis heute überlebt.

Rarer Gast

Fünf helle Planeten ziehen ihre Schleifen zwischen den Fixsternen. Vier davon - Venus, Mars, Jupiter und Saturn - prangen in den meisten Nächten recht auffällig am Firmament. Nur wenn sie gerade in Sonnennähe weilen, ziehen sie sich für ein paar Wochen völlig unbeobachtbar an den Taghimmel zurück. Ganz anders Merkur, der innerste aller Planeten. Sein geringer Abstand zur Sonne lässt ihn die meiste Zeit im Himmelsblau ertrinken. Keiner macht sich so rar wie er.

Manchmal entfernt sich Merkur am Firmament bis zu drei Fäuste weit vom Tagesgestirn. Nur dann hat man eventuell die Chance, ihn am Abend- oder Morgenhimmel aufzustöbern. Bald eilt er jedoch wieder auf die Sonne zu. Er sinkt dabei von Tag zu Tag tiefer zum Horizont hinab und verschwindet schließlich aus unseren Augen. Den Alten schien es, als würde er in die Unterwelt hinabsteigen.

Daher geleitete gerade Gott Hermes, der von den Griechen mit dem innersten Planeten verbunden wurde, die Seelen Verstorbener in das dunkle Reich des kalten und gnadenlosen Hades. Hermes trug dabei einen Heroldsstab aus Lorbeer- oder Olivenholz, umrankt von Schlangen. Als Mittler zwischen den Welten der Lebenden und der Toten kehrte er natürlich stets unbeschadet zurück. So führte Hermes einst auch den Helden Herakles, römisch "Herkules", aus der Unterwelt hinauf in die göttlichen Höhen des Olymp.

Im All umrundet Merkur die Sonne in bloß 88 Tagen, ist schnellster aller Planeten. Entsprechend flott wandert er am irdischen Himmel durch die Sternbilder. Die Griechen machten ihren Hermes daher zum Gott der Wege und der Wanderer. An Kreuzungen stand sein Kultbild, ein bärtiger Kopf auf einem Pfeilerschaft. Diese Form des Porträts hieß passend "Herme". In römischer Zeit erfreute sie sich besonderer Beliebtheit, wenn es darum ging, prominente Persönlichkeiten zu verewigen.

Der flinke Lauf des Planeten ließ den griechischen Hermes ebenso wie seine römische Entsprechung Merkur zum Gott aller werden, die es eilig hatten. Menschen, die nur kurz auftauchen und nirgends lange verweilen, nennen wir heute "Touristen". Früher waren sie einfach "Reisende".

Erinnerungen an Merkurs alte Funktion als Gott der Reisenden begegnen wir im Namen der seit 1939 produzierten Ford-Autoserie Mercury. Auch die ersten Raumschiffe der USA hießen so. In einsitzigen Mercury-Kapseln schrieben Heroen wie Alan Shepard oder John Glenn zwischen 1961 und 1963 Geschichte. Vier der sechs Gefährte umrundeten die Erde mit 28.000 km/h.

Diebe hatten es freilich auch eilig, sie kürten Hermes gleichfalls zu ihrem Gott. Schließlich stahl Hermes, kaum dass er laufen konnte, schon die Rinder seines Bruders Apollo. Der Dreizack des Poseidon (röm. Neptun) und das Schwert des Ares (röm. Mars) sollten ebenfalls nicht vor seiner Dreistigkeit sicher gewesen sein. Antike Diebe wären sicher erstaunt, das Antlitz ihres Gottes auch an der Fassade des Bezirkspolizeikommissariats Wien-Hietzing vorzufinden.

Zu Diensten

Hermes war Sohn der Bergnymphe Maia und des Zeus (röm. Jupiter). Listig und verschmitzt half er seinem Vater bei vielen amourösen Abenteuern.

Als Zeus in Leidenschaft für Europa verfiel, die Tochter des phönizischen Königs, tarnte sich der Göttervater als herrlicher, weißer Stier und mischte sich in die königliche Herde. Hermes, der übrigens auch als Hirtengott verehrt wurde, trieb die Rinder zum Strand. Dort erregte das prächtige Tier Europas Aufmerksamkeit. Kaum hatte sie sich auf seinen Rücken geschwungen, trabte Zeus schon mit ihr ins Mittelmeer. Erst auf der Insel Kreta gab er sich zu erkennen und zeugte mit Europa den späteren König Minos. Europa war auf Kreta so beliebt, dass man gleich einen ganzen Kontinent nach ihr taufte.

Auch Europas Nichte Semele trug das Kind des liebestollen Zeus unter ihrem Herzen. Als sie starb, vertraute man den kleinen Bacchus dem flinken Hermes an. Er sollte ihn vor der Rache der stets eifersüchtigen Zeus-Gattin Hera schützen. Besonders keck verhielt sich Hermes bei einem anderen Spross des Zeus, dem schon erwähnten Herakles. Um ihn unsterblich zu machen, legte er den Kleinen der schlafenden Hera einfach an die Brust. Herakles saugte allerdings zu heftig. Hera erwachte und stieß ihn entsetzt von sich. Wegspritzende Milch formte die Milchstraße.

Zu Hermes eigenen Kindern zählten ungewöhnliche Personen. Aus der Verbindung mit Aphrodite (röm. Venus) wurde der Hermaphrodit, ein Zwitterwesen. Beim Himmelsjäger Orion teilte sich Hermes die Vaterschaft mit Poseidon und Zeus. Der Riese wurde nämlich gezeugt, als die drei Götter gemeinsam auf eine Stierhaut urinierten. Später stellte Orion wiederum der Maia nach, die ja eigentlich seine Großmutter war.

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Schlagwörter

Astronomie, Sachbuch

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2000-06-09 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 15:56:00



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