• vom 15.10.2010, 16:02 Uhr

Kompendium

Update: 15.10.2010, 16:07 Uhr
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Beethovens Ohren und die Nachwelt


Von Helmut Jasbar

  • Ludwig van Beethoven hat sein Taubheit womöglich weniger tragisch genommen als seine späteren Verehrer. Ein Essay über Künstlermythen.

Introduktion (Declamando) : Stellen Sie sich vor, Sie wandern einen Waldweg entlang. Allmählich lichtet sich der Wald, Sie gelangen an eine Weggabelung. Würden Sie die rechte Abzweigung nehmen, dann läge ein Reich der Ordnung und Vernunft vor Ihnen. "Glaube" ist nicht notwendig, denn von nun an wissen Sie: Alles Geschehen ist dem Wohl ihres unzerstörbaren Selbst verpflichtet, selbst die Krankheiten sind ausschließlich an Ihrer persönlichen Weiterentwicklung interessiert. Sie sind der stabile Mittelpunkt einer Welt, die den Zufall nicht kennt.

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Wählten Sie hingegen die linke Abzweigung, kämen Sie ins Chaos und gerieten in instabile Verhältnisse. Der Beliebigkeit der Ereignisse ist nur mit einer gehörigen Portion Selbstbetrug und Anstrengung Sinn abzutrotzen, hinter jeder Ecke lauert der Verdacht, das "Schicksal" könnte bloß eine Erfindung sein. Sinnstiftung geschieht nur, wo man sie selber in die Wege leitet. Was die linke Abzweigung für Sie allerdings auch bereithält, ist ein helleres Licht, ein Staunen über die Absonderlichkeiten der Welt . . .

Marcia funebre

Titan der Töne, mit Postamt im Hintergrund: das Beethoven-Denkmal in Bonn. Foto: Schlösser

Titan der Töne, mit Postamt im Hintergrund: das Beethoven-Denkmal in Bonn. Foto: Schlösser Titan der Töne, mit Postamt im Hintergrund: das Beethoven-Denkmal in Bonn. Foto: Schlösser

( Adagio assai ) Wir haben uns angewöhnt, die Großen, die Genies, streng an den Fakten, an Briefen und Zeitzeugnissen entlang zu betrachten und zu katalogisieren. Das Ergebnis ist leider oft so lebensnah und unvorhersehbar wie eine diplomatische Grußnote. Chaos, Unberechenbarkeit und Willkür, die heimliche Dreifaltigkeit der Wirklichkeit, wirken wie wegretuschiert. Ist das böse Absicht oder Unvermögen? Vielleicht ist das Eine ja eine Folge des Anderen.

Die "Biografie" des "Genies" ist immerhin bestens dazu geeignet, um mit ihr wie mit einer Gipsfigur in unbestimmte Richtung wedeln und drohen können. (Immerhin kann man mit ihr klarstellen, welche gesellschaftliche Gruppe den "unsterblichen Komponisten" bei festlichen Anlässen für sich beansprucht.)

Doch treten wir einen Schritt zurück: Ludwig van Beethovens Gesundheitszustand war für ihn selbst kein Thema der künstlerischen Auseinandersetzung. Es sollte noch eine Weile dauern, bis die Künstler Interesse an einer subjektiven Darstellung ihrer eigenen Krankheitsgeschichte fanden. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts wird Hiob, der mit fatalistischer Geduld alle seine Schmerzen als gottgegeben versteht und mutig erträgt, in Europa langsam zum Auslaufmodell.

Die Gründe dafür liegen im Heraufdämmern der modernen Medizin. Ab 1867, also vierzig Jahre nach dem Tod des europaweit bekannten Komponisten Ludwig van Beethoven, werden durch keimfreie chirurgische Verfahren Erfolg versprechende Heilungsmethoden entwickelt, die Narkose wurde bereits ab 1846 praktiziert.

Langsam veränderte sich die allgemeine Einstellung gegenüber Krankheiten und körperlichen Gebrechen. Ein schmerzfreies, langes Leben schien nicht mehr allein dem Zufall überlassen zu sein. Plötzlich war Schmerz etwas, das man durch mehr als bloßes Gottvertrauen bekämpfen konnte.

In diesen Jahrzehnten entdeckt die Kunst den kranken Menschen in seiner seelischen Not als Motiv, um "dem Ausdruck des Leids, dem Kern des menschlichen Daseins, eingewoben in den unergründlichen Zyklus der Natur, näher zu kommen", wie der Medizinhistoriker Axel Murten schreibt.

Künstler thematisierten ihr Leid wohl auch, um die Unheimlichkeit des Ausgeliefertseins zu bannen. "Ich kämpfe mit all meiner Kraft, um meine Arbeit zu meistern, und sage mir, wenn ich gewinne, so ist es der beste Blitzableiter für meine Krankheit", schrieb Vincent von Gogh; sein "Selbstbildnis mit Ohrverband" entstand 1888 und ab dieser Zeit häufen sich die künstlerischen Zeugnisse dieser Veräußerung des Leidens. Die Schmerzenskunst erreichte ihren Höhepunkt im 20. Jahrhundert, von Edvard Munch bis Frida Kahlo, von Georg Trakl bis Elfriede Jelinek reicht die Galerie der profund und öffentlich an sich selber Leidenden.

Tema con variazioni

Soviel zur Perspektive, unter der wir Beethovens körperliche Leidensgeschichte zu betrachten pflegen. Trainiert durch die Moderne, besteht für den aufgeklärten Menschen nicht nur die geradezu köstliche Versuchung, das Werk in der Krankheit und umgekehrt zu sehen, sondern auch das Risiko, einen Schmerzenskünstler am falschen Ort zur falschen Zeit zu suchen und psychologisierend - also sinnstiftend - zurecht zu denken. Vielleicht ist das so, weil die Vielschichtigkeiten und Ambivalenzen, die zwischen Leben und Werk eines Menschen bestehen, einfach nicht befriedigend geklärt werden können.

Den Vogel schoss in dieser Hinsicht der russische Pianist Valéry Afanassiev ab, der in einem Aufsatz über die "Diabelli-Variationen" den Ursprung von Beethovens Taubheit einem "unbewussten Verlangen" zuschreibt, sich "gegen die Wiener Schule abzuschirmen" - wohl in der Annahme, das "Unbewusste" Beethovens sei so groß und tief wie der Baikalsee.

Die früheren Zweifel an der Echtheit von Beethovens "Heiligenstädter Testament" von 1802 beruhten auf einem ähnlichen Kurzschluss: Die depressive Grundhaltung des "Testaments" stehe in so krassem Widerspruch zur gleichzeitig entstandenen, lebensfrohen Zweiten Sinfonie, dass man annehmen müsse, beides könnte nicht von ein und demselben Menschen stammen, und schon gar nicht gleichzeitig entstanden sein. Dabei schrieb Beethoven doch im "Heiligenstädter Testament": "Es fehlte wenig, und ich endigte selbst mein Leben + nur sie die Kunst, sie hielt mich / zurück, ach es dünkte mir unmöglich, die welt / eher zu verlassen, bis ich das alles hervorgebracht, / wozu ich mich aufgelegt fühlte, und so fristete / ich dieses elende Leben".




Schlagwörter

Musik, Kultur, Geschichte

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2010-10-15 16:02:02
Letzte Änderung am 2010-10-15 16:07:00


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