Die Bordkamera hält die heranrasende Marsoberfläche in zehn Bildern fest, wenn der Polar Lander heute, am 3. Dezember, gegen 21 Uhr MEZ niedergeht. Minuten vor der Landung setzt er zwei jeweils 3 kg leichte Mikrosonden aus, deren Spitzen sich mit über 600 km/h in den Boden bohren, brutal wie einst die Invasionsschiffe der
Marsmenschen eines H. G. Wells. Die NASA-Späher graben nach Wassereis, Rest jenes "Lebenselixiers", das einst reichlich floss. Die Suche nach Marswasser beschäftigt Astronomen aber bereits seit
Jahrhunderten.
Der Lauf des Mars am Himmel bereitete Kopfzerbrechen. Selbst Kalkulationen mit Hilfe der kopernikanischen Lehre, nach der die Planeten auf Kreisen um die Sonne zogen, wichen vom beobachteten
Anblick ab. Nach mühevoller Rechenarbeit erkannte Johannes Kepler, dass sich die Marsbahn nur als Ellipse begreifen ließ. Daraufhin gelang ihm dieser Nachweis auch bei den anderen Planeten und 1609
formulierte er seine beiden ersten Planetengesetze. Stolz berichtete Kepler Kaiser Rudolf II., Mars nach schwierigem "Krieg" nun als edlen "Gefangenen" vorführen zu können. Dieser habe viel zu oft
Maschinen und Experimente der Astronomen zerstört, die ihrerseits all ihre Truppen in die Schlacht geworfen hätten. Die kämpferische Metapher wählte Kepler in Anspielung auf antike Mythen. Schon die
Griechen hatten den hellen Wandelstern, dessen rötlicher Glanz an Blut und Feuer denken lässt, mit dem Kriegsgott Ares verbunden. Bei den Römern hieß diese Gottheit Mars. Der Begriff "martialisch"
erinnert an sie ebenso, wie der "März" · der erste Monat, in dem man wieder Truppen über altitalienische Straßen führen konnte.
Im Jahr von Keplers Sieg richtete Galilei erstmals ein Fernrohr zum Himmel. Auf dem winzigen Marsscheibchen konnte er keine Einzelheiten ausmachen. Italienische Jesuiten sahen später mit besseren
Teleskopen erste, diffuse Flecken. Einer ihrer Schüler, Giovanni Cassini, und der Holländer Christian Huygens nutzten die matten Schattierungen, um die Taglänge auf Mars zu bestimmen. Cassini kam auf
knapp 25 Stunden. 1672 beobachteten beide in Paris ein weißes Gebilde im tiefsten Süden des Planeten · seine Südpolkappe. Später sollte Cassinis Neffe Giacomo Maraldi mit dem Fernrohr des Onkels auch
die nördliche Polkappe studieren.
Leben überall
Huygens zählte zu den ersten großen Astronomen, die an außerirdisches Leben glaubten: Die anderen Planeten stünden der Erde in Schönheit nicht nach, spekulierte er, erfreuten sich ebenfalls Flora
und Fauna. Zwar hatte es ähnliche Überlegungen schon in der Antike gegeben, doch das Christentum favorisierte eher die Idee eines Menschen, der als Ebenbild Gottes alleine im Universum stand. Als
Kopernikus die Erde aus ihrer Sonderstellung im Zentrum des Kosmos stieß, relativierte er letztlich auch diese Vorstellung. Bald hielten Astronomen so ziemlich alle Himmelskörper für bewohnt ·
inklusive der heißen Sonne.
Der Nachbarplanet Mars geriet zur besonders beliebten Projektionsfläche menschlicher Fantasien. Im Schnitt nur 1,5-mal weiter von der Sonne entfernt als die Erde, erreichen ihn immerhin noch 44
Prozent des Sonnenlichts. Ein Tag dauert keine Dreiviertelstunde länger, die erdähnliche Achsneigung sorgt außerdem für ausgeprägte Jahreszeiten. Uranusentdecker Wilhelm Herschel kürte Mars nach
eingehender Beobachtung 1783 zum verwandtesten aller Planeten · mit im Sonnenlicht schmelzenden Polen, Wolken und Dunstschleiern. Marsbewohner fänden Bedingungen vor, die in vielem jenen der
Erdenbürger glichen, meinte er.
1830 wandten sich die Deutschen Mondkartografen Johann Mädler und Wilhelm Beer dem Roten Planeten zu, um gemeinsam die erste detaillierte Marskarte anzufertigen. Neun Jahre später verfolgten sie
einen dunklen Ring um die Nordpolkappe: ihrer Ansicht nach "Schmelzwasser" des im Frühling zurückweichenden Polareises.
Weite Ozeane
Vermeintlich existierte Wasser auf dem Nachbargestirn. Herschels Sohn John vermutete sogar in allen dunklen Gebieten, die immerhin ein Drittel des Planeten bedecken, weite Ozeane. Sie wurden von
vielen Betrachtern tatsächlich als "grün- oder bläulich" beschrieben. Allerdings hätte sich die Sonne in diesen Meeren punktförmig wie in einer Christbaumkugel spiegeln müssen · ein Phänomen, nach
dem man vergeblich Ausschau hielt. Deshalb sahen andere Astronomen, wie der Franzose Emmanuel Liais, in den Dunkelgebieten lieber Landflächen mit Pflanzenbewuchs. Da sich deren Umrisse mitunter
veränderten, glaubte man, saisonal bedingte Vegetationszyklen zu beobachten. Helle Wolken über der Marslandschaft schienen überdies eine vergleichsweise dichte Atmosphäre zu belegen.
Mars nähert sich alle 26 Monate der Erde, doch fallen diese Oppositionen aufgrund seiner elliptischen Bahn verschieden günstig aus. Bestenfalls kommt er, wie im August 2003, auf 56 Mill. km heran.
Selbst dann sind Vergrößerungen von mehreren hundert Mal nötig, um den bloß 6.794 km kleinen Planeten im Teleskop unter bequemem Winkel zu sehen. Die stets vorhandene irdische Luftunruhe wird