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  • Artikel vom 05.11.1999, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 16:46 Uhr
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In der Nacht vom 17. zum 18. November treffen die Partikel des Leonidenstromes auf die Erde

Leuchtgewitter am Firmament


Von Christian Pinter

Hunderttausende Lichtblitze schossen in der Nacht des 13. November 1833 über den Himmel Amerikas. Der Widerschein war manchmal so grell, dass er Menschen aus dem

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Schlaf riss. Überrascht rannten sie auf die Straße, blickten fassungslos hoch. Mit dem Zählen der "herabfallenden Sterne" kam man nicht mehr nach.

Obwohl diese jeweils nur Zehntelsekunden aufleuchteten, eilten bis zu 20 gleichzeitig über den Himmel. Man verglich ihre Zahl mit der Hälfte der Flocken während eines Schneesturms. Manche Betrachter

wunderten sich, dass am nächsten Abend überhaupt noch Gestirne am Firmament hingen.

Prediger zitierten mahnend aus dem Evangelium des Matthäus und der Apokalypse des Johannes: beide lassen vor dem jüngsten Gericht die Sterne herabstürzen. Einige Menschen starben vor Aufregung.

Wissenschaftler suchten nach Erklärungen. Manche spekulierten mit dem Wasserstoffgas erfrorener Pflanzen, das sich hoch droben entzündet hätte, oder machten elektrisch geladene Luft verantwortlich.

Nur wenige wähnten die Ursache im Weltraum. Denn als Störenfriede der perfekten Himmelsordnung hatte schon die Antike solche Leuchterscheinungen zum bloßen Phänomen der irdischen Luft degradiert,

sie, ähnlich den Wolken, der Meteorologie überantwortet. Die Bezeichnung "Meteore" spiegelt dies wider.

Mitte August huschen jedes Jahr vermehrt Meteore übers Firmament. Doch richtige Meteorstürme waren den Gelehrten bis 1833 praktisch unbekannt. Auch Denison Olmsted, Professor für Mathematik an

der Yale-Universität von New Haven, Connecticut, verfolgte das Schauspiel fasziniert. Er bemerkte, dass die Meteore vom Hals des Löwen ausstrahlten. Und als das Sternbild im Lauf der Nacht höher

kletterte, bewegte sich auch dieser Radiant mit. Offenbar, schloss er, kamen die Meteore sehr wohl aus dem All. Dort mussten sie sich auf parallelen Bahnen bewegt haben. Doch so, wie sich die beiden

Ufer eines Stroms in der Ferne zu treffen scheinen, ließ die Perspektive auch die himmlischen Leuchtspuren vermeintlich vom gleichen Punkt aus in alle Richtungen zielen.

"Snuppen"

Olmsted glaubte an eine dünne Materiewolke im All, "nebelhaft" wie der Schweif eines Kometen, deren Teilchen in dieser Nacht in der Lufthülle "verbrannt" wären. Die Wolke musste klein sein. Denn

als Stunden zuvor Nacht über Europa herrschte, war den Menschen dort noch nichts Ungewöhnliches aufgefallen. Dafür hatten sie exakt ein Jahr zuvor über viele Sternschnuppen gestaunt, wie unter

anderem ein Bericht aus Tirol erzählte.

Die Bezeichnung "Sternschnuppe" hatte sich im Deutschen seit dem 18. Jahrhundert eingebürgert. "Snuppe" hieß das abgeschnittene, verkohlte Ende des Kerzendochts, weil man das Putzen des Lichts mit

dem Schnäuzen der Nase, dem "Schnuppen" verglich. Im Volksglauben betrachtete man Sternschnuppen mitunter sogar als Putzreste der Sterne.

Das Schauspiel von 1833 weckte das Interesse der Astronomen. Zunächst durchforsteten sie alte Berichte nach ähnlichen Vorkommnissen. So hatte etwa Alexander von Humboldt einen gewaltigen Meteorsturm

im November 1799 über Venezuela beobachtet und sich dort von Indianern vom "Sternenregen" des Jahres 1766 erzählen lassen.

Chroniken hielten derartige Erscheinungen bis zurück ins Jahr 902 fest. Yale-Professor Hubert Newton analysierte diese und fand, dass der Novemberschauer früher oft im Abstand von 33 Jahren

wiedergekehrt war. Daher sagte Newton das erneute Erscheinen für 1866 voraus.

"Tempel-Tuttle"

Gleich zu Jahresbeginn meldeten Ernst Tempel und Horace Tuttle einen Kometen, den man später "Tempel-Tuttle" taufte. Für Tuttle war es nicht der erste Fund. So hatte er bereits 1862 mit dem US-

Amateur Lewis Swift einen anderen Schweifstern, heute "Swift-Tuttle" genannt, entdeckt. In Mailand untersuchte Giovanni Schiaparelli die alljährlichen Augustmeteore. Da sie aus dem Sternbild Perseus

auszustrahlen schienen, schenkte er ihnen den Namen "Perseiden". Außerdem gelang es ihm, ihre Bahnen in den Raum zurück zu rechnen. Offenbar teilten sie sich den Orbit mit Swift-Tuttle, waren Materie

dieses Kometen.

Im November 1866 brüllte dann erneut der Himmelslöwe, schickte zehntausende Meteore übers Firmament. Wieder gelang es Schiaparelli, die Raumbahn festzulegen. Der Franzose Urbain Leverrier arbeitete

am gleichen Problem und der Österreicher Theodor Ritter von Oppolzer analysierte den Orbit des Kometen Tempel-Tuttle. Auch hier fand sich schließlich verblüffende Übereinstimmung. Komet und

Sternschnuppen hatten die gleichen Bahnelemente. Die Novembermeteore wurden nun nach ihrem Radianten im Löwen (lat. leo) "Leoniden" getauft.

1867 legte Edmund Weiß, später Direktor der Wiener Sternwarte, eine Liste mit 33 erdnahen Kometen vor. Man war optimistisch, bald zu allen Meteoren passende Schweifsterne ausfindig machen zu können.

Doch die für 1899 vorhergesagte Wiederkehr der Leoniden blieb aus. Zweifel an der Rechenkunst der Astronomen wurden laut und das Interesse an Meteoren schwand. Kaum jemand nahm von den kurzen




Schlagwörter

Astronomie

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2012
Dokument erstellt am 1999-11-05 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 16:46:00

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