Wie Modellrechnungen zeigen, tauschen die inneren Mitglieder des Sonnensystems Gesteinsproben aus. Schwerste Meteoritentreffer schleudern Material der Oberflächen von
Merkur, Venus, Erde, Erdmond oder Mars empor, so kräftig, dass es mitunter die Schwerkraft überwindet und fortan auf Ellipsenbahnen um die Sonne zieht. Viele Splitter kollidieren im Lauf von
Jahrmillionen wieder mit ihrem Mutterkörper, andere fallen in die Sonne oder werden von Jupiter aus dem Sonnensystem katapultiert. Ein Bruchteil kreuzt den Orbit anderer Planeten, stürzt dort als
steinerner Gruß einer fernen Welt herab.
Auch Proben irdischen Materials müssten so auf den Mond, auf Merkur, Venus oder Mars gelangt sein. Vielleicht sammeln sie Raumfahrer der Zukunft ein. Sicher ist, dass auf Erden Steinmeteorite vom
Mond gelandet sind. Ein Dutzend wurde bislang entdeckt. Als Herkunftsnachweis dient der Vergleich mit jenem Mondgestein, das Apollo-Astronauten mitgebracht haben. 14 bisher gefundene Meteorite
stammen wahrscheinlich vom Mars. Die Häufigkeit der Gase in einigen dieser Steine passt zu jener, die die Viking-Sonden 1976 in der Marsatmosphäre gemessen haben. Dieser "Vaterschaftstest" ist aber
nicht unumstritten. Vermutlich warten irgendwo auf der Erde auch Meteorite von Venus und Merkur auf ihre Entdeckung. Da wir auf diesen Planeten jedoch noch keine Vergleichsproben ziehen konnten,
würde die sichere Identifikation schwer fallen. Übrigens müssten auch irdische Meteorite existieren, die nach langem Aufenthalt im All wieder "heimgekehrt" sind.
Es gibt Eisen- und Steinmeteorite. Während man die eher selten herabstürzenden Himmelseisen gern mit Metalldetektoren sucht, dient bei Steinmeteoriten das dunkle, äußere Antlitz als erstes
Erkennungsmerkmal. Ein frisch gefallener, steinerner Bote aus dem Weltall zeigt meist die charakteristische Schmelzkruste. Sie entsteht erst in den letzten Augenblicken vor seiner Ankunft. Mit meist
deutlich über 40.000 km/h treten die Geschosse in die obersten Schichten der Erdatmosphäre ein. Sie kollidieren mit Luftmolekülen. Die dabei frei werdende Energie wächst mit dem Quadrat der
Geschwindigkeit und ist bei solchem Tempo enorm. In rund 100 km Höhe wird daher die Luft rund um den Eindringling stark aufgeheizt. Eine mitunter hunderte Meter weite, leuchtende Gaskugel hüllt ihn
ein.
Die Hitze lässt das Material seiner Oberfläche schmelzen und verdampfen. Jede Sekunde schrumpft der Brocken um einen halben Zentimeter. Ein allzu kleiner übersteht die Tortur nicht, beendet seine
Existenz rasch als "Sternschnuppe". Ein größerer mag einen Bruchteil seiner Anfangsmasse retten, denn das verdampfte Material bildet eine Wolke, die die Umgebungshitze teilweise abblockt. Während
sich Schicht um Schicht opfert, ist die darunter liegende Zone thermisch halbwegs isoliert. Der Vorgang ähnelt der Ablations- oder Schmelzkühlung, die man aus der Raumfahrt kennt: so schützte ein bis
zu 64 mm dicker, abschmelzender Überzug auf Phenolharz-Epoxydharz-Basis die Apollo-Kapseln vor dem Verglühen.
Die Eindringlinge erleiden die stärkste Abbremsung 50 bis 10 km über Grund. Die Restmasse geht in freien Fall über, bewegt sich nur noch mit Promille der Eintrittsgeschwindigkeit. Die Haut kühlt ab
und erstarrt zur Kruste. Sie besteht aus Schmelzprodukten des Meteoritenmaterials. Meist ist sie schwarz, glänzend und von glasartiger Beschaffenheit. Mitunter papierdünn und entsprechend fragil kann
sie zerspringen, wenn der Körper schließlich mit rund 160 km/h am Boden aufschlägt. Als äußerste Schicht wird die Kruste vor allem in feuchten Regionen rasch Opfer der Verwitterung.
In Eis gefangen
Selten kann man Meteorite tatsächlich herabstürzen sehen und sie anschließend gezielt bergen. Wissenschaftler sprechen dann von einem "Fall". Zufällige Funde ohne vorangehende Beobachtung des
Niedergangs gelingen meist nur, solange noch Teile der dunklen Schmelzkruste existieren. Ist sie erodiert, unterscheiden sich Steinmeteorite auf den ersten Blick kaum noch von irdischem Gestein: sie
werden schlicht übersehen. Fast alle bekannten Meteorite sind Splitter aus dem Kleinplanetengürtel zwischen Mars und Jupiter. Proben von größeren Himmelskörpern wie Mond oder Mars stellen nur grob
ein Promille. Die wenigen dem Roten Planeten zugeordneten Boten wurden bislang recht prosaisch unter dem Kürzel "SNC-Meteorite" zusammengefasst. Es steht für die Anfangsbuchstaben dreier prominenter
Fälle, die sich 1865 im indischen Shergotty, 1911 im ägyptischen Nakhla und 1815 im französischen Chassigny ereigneten.
Sechs SNCs wurden in der Antarktis gefunden. Dort begannen 1973 japanische und später US-amerikanische Teams mit systematischen Suchexpeditionen. Sie konzentrieren sich auf so genannte
"Blaueisfelder". Gletscher treffen auf dem Weg zum Meer auf ein Hindernis. Winderosion und Gletscherbewegung legen eingeschlossene Himmelsboten dann nach tausenden Jahren Gefangenschaft frei. So ging
auch der ALH84001 ins Netz, den die NASA 1996 zum berühmtesten Meteoriten der Welt machte. Mittlerweile ist allerdings sehr umstritten, ob die Einschlüsse in diesem SNC tatsächlich als fossile