• vom 09.04.1999, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 16:50 Uhr

Astronomie

Schimpansen, Versuchskaninchen und Hühnerbeine




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Von Christian Pinter

  • Herausforderung für Astronauten und Weltraummediziner: Die Schwerelosigkeit ist Fluch und Segen zugleich

Vor genau 40 Jahren, am 9. April 1959, stellte die NASA in Washington jene sieben Männer vor, die als erste ins All aufbrechen sollten: Shepard, Grissom, Glenn, Carpenter, Schirra, Cooper und


Slayton. Alle waren Militärpiloten und Testflieger vom Marine Corps, der Navy und der Air Force. Im folgenden Dezember wählte die Sowjetunion 20 Kandidaten aus, darunter Gagarin und Titow. Auch

Moskau setzte auf Militärpiloten, psychisch extrem belastbar und von außergewöhnlich guter Gesundheit. Während die zukünftigen US-Astronauten lange vor dem ersten Start populär wurden, umhüllte die

russischen Kollegen der Mantel des Schweigens: sogar sie selbst wußten anfangs nur, daß es um die Erprobung einer speziellen Maschine ging.

Ungewisse Reise

Damals konnte niemand mit Sicherheit sagen, was Menschen im Erdorbit erwarten würde. Manche Ärzte glaubten, Organe könnten ohne Schwerkraft nicht funktionieren. Im All ginge der Gleichgewichtssinn

verloren, verformten sich die Augen, bräche der Blutkreislauf zusammen. Andere sorgte das Wechselbad von Gewichtslosigkeit und extremer Belastung. Beim Start mußten die Kapseln in wenigen Minuten auf

28.000 km/h gebracht, beim Wiedereintritt von der Lufthülle ebenso dramatisch abgebremst werden. Dabei war mit Beschleunigungen bis -10 g zu rechnen; Astronauten würden also das Zehnfache ihres

Körpergewichts wiegen.

Schon in den dreißiger Jahren hatten deutsche Flugmediziner die Auswirkungen starker Beschleunigungskräfte studiert. Fingen Piloten ihre Maschinen nach steilem Sturzflug ab, wurde ihr Kreislaufsystem

schwer belastet, die Atmung erschwert. Pumpte das Herz nicht genug Blut in den Kopf, kam es zum gefürchteten "blackout". Spezialisten wie Fritz und Heinz Haber forschten nach dem Krieg in den USA

weiter, wo man bald über mögliche Flüge außerhalb der Erdatmosphäre nachdachte: schon 1948 prägte Hubertus Strughold den Begriff "Weltraummedizin".

In gewaltigen Zentrifugen experimentierten Wissenschaftler mit immer höheren Beschleunigungskräften. Obduzierte Schimpansen zeigten nach 40 g innere Verletzungen. Menschen wurden schonender

behandelt, doch gab es auch hier Brustschmerzen, Atemnot und Bewußtlosigkeit. Generell kamen Testpiloten besser zurecht · ein Befund, der die Auswahlkriterien für Raumflugkandidaten nachhaltig

beeinflußte.

Das andere Extrem, Schwerelosigkeit, ließ sich nur wenige Sekunden lang realisieren, wenn Flugzeuge vertikale Parabeln zogen. Essen, Trinken, Schlafen und Urinieren war dabei möglich, obwohl selbst

routinierte Piloten anfangs unter Desorientierung, Verwirrtsein und Übelkeit litten.

Der Chimponaut

Die USA schoß Anfang der fünfziger Jahre Mäuse und Affen an der Spitze von Raketen hoch in die Luft. Am Scheitel der Flugbahn filmte eine Kamera das Verhalten der schwerelosen Tiere. Sofern die

Landung klappte, überlebten sie. Der Osten setzte Hunde für solche Tests ein. 1957 waren russische Triebwerke stark genug, die Grenze zum Weltraum zu erreichen. Schon kurz nach dem sensationellen

Start des ersten Satelliten, Sputnik-1, brachte die Sowjetunion die Hündin Laika ins All · das erste Lebewesen in einer Erdumlaufbahn. Entgegen den Meldungen aus Moskau war Laika am 40. Jahrestag der

Oktoberrevolution bereits verendet. Die Kapsel überhitzte gleich nach dem Start. Im August 1960 folgten die Hunde Belka und Strelka; Pchelka und Muschka verglühten.

Der erste Amerikaner im All hieß "Ham". Der Schimpanse absolvierte am 31. Jänner 1961 einen ballistischen Flug von 17 Minuten Dauer, davon knapp 5 in Schwerelosigkeit. Er wurde in den US-Medien als

"Chimponaut" gefeiert.

Parabelflüge und Tierversuche ließen hoffen, daß Menschen Exkursionen in den Weltraum gut überstehen würden. Viele Zeitgenossen, so erinnert sich John Glenn, glaubten jedoch, Raumfahrer müßten "eine

Art Yogi" sein und sich während des Flugs in Trance versetzen. Der Russe Juri Gagarin bewies das Gegenteil. Als erster Mensch umkreiste er am 12. April 1961 108 Minuten lang die Erde. Gagarin

versicherte, daß Schwerelosigkeit die Arbeitsfähigkeit nicht beeinträchtigen würde. Sicherheitshalber hatte der Jagdflieger aber Befehl gehabt, nur im äußersten Notfall in die automatische Steuerung

der Wostok-1 einzugreifen.

Drei Wochen später stieg Alan Shepard zum 15minütigen, ballistischen Flug in 184 km Höhe auf. Nach Erreichen des Scheitelpunkts fiel die Mercury plangemäß in den Atlantik. "Sie wollten eigentlich

einen Hund raufschicken, aber sie fanden es zu grausam", witzelte der erste US-Astronaut. Die Erfahrungen waren ermutigend, wenngleich die Sowjets Probleme wie German Titows Raumkrankheit

bagatellisierten. Auch die NASA schärfte ihren Piloten ein, alles möglichst "einfach aussehen" zu lassen.

Schon Jules Verne beschrieb 1865 und 1869 in seinen Romanen "Von der Erde zum Mond" und "Reise um den Mond" die Schwerelosigkeit. Seine Mondfahrer hatten plötzlich wackelnde Köpfe und schwebende

Arme. Mittlerweile gehören Fernsehbilder schwereloser Astro- und Kosmonauten zum Alltag. Sobald die Triebwerke des Shuttles den Schub einstellen oder sich die Sojus-Kapsel von der letzten

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Astronomie

Dokumenten Information
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Dokument erstellt am 1999-04-09 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 16:50:00


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