6.30 Uhr: Sonnenaufgang an Kretas Nordküste. Die ersten Touristen taumeln schlaftrunken aus den Hotelzimmern, um sich schattige Liegeplätze zu reservieren. Der Tag verspricht heiß zu
werden. Drei junge Leuten marschieren am Meeresufer entlang. Mit an den Boden geheftetem Blick steuern sie eines der seltsamen Metallgestelle an, die am Rande des schmalen Strands aufragen. Sie
scheinen etwas zu überprüfen, machen Notizen.
Plötzlich taucht vor ihren Augen ein schwarzer Punkt im Sand auf: ein kleiner Kopf mit langem Hals, eine Flosse, noch eine Flosse, ein herzförmig zugespitzter Panzer. Die winzige Schildkröte
strampelt sich frei, drängt sofort Richtung Meer. Ihr folgt eine zweite, eine dritte. Immer mehr quellen hervor.
Mit sandverklebten Augen und tolpatschigen Bewegungen schleift das kaum 5 cm kleine Junge den dunklen Panzer über den Boden. Die Flossen reichen nicht, ihn hochzustemmen. So wird das Krabbeln
beschwerlich. Jede Unebenheit ist ein Massiv, das erklommen werden muß, jeder Fußabdruck ein Abgrund, in den das Tier hineinstürzt. Still verfolgen die Betrachter sein mühsames Tun.
7 m sind zurückgelegt. Die erste Schildkröte erreicht das Wasser, kämpft gegen die Fluten. Zunächst schwimmt sie auf der Wellenkrone, wird aber brutal ans Land zurückgeschleudert. Irritiert hebt sie
den Kopf, beginnt den zweiten Versuch. Auch dieser scheitert. Endlich taucht sie unter den Wellen durch. Ab und zu lugen noch Haupt oder Flossen aus der Gischt, dann ist der Aufbruch ins Meer und
somit ins Leben geschafft. Ohne vom Muttertier begleitet zu werden, müssen Meeresschildkröten in wenigen Minuten unendlich viel lernen.
Elf kleine Kinder sind aus dem Blickfeld verschwunden. Von jetzt an ist Wasser ihr einziger Lebensraum. Es deckt den Tisch mit Quallen, Seeigeln, Krabben, Schwämmen und Seegras. Caretta caretta
ist die einzige Schildkröte, die an griechischen Stränden nistet. Am Ende ihrer Jugendtage mißt sie 80 cm und wiegt soviel wie ein erwachsener Mensch. Die rotbraunen Vorderflossen sind kräftiger
Antrieb, die Hinterflossen dienen als Ruder. Der stromlinienförmige, enge Panzer bietet wenig Widerstand, hemmt aber auch die Atmung. Zum Glück verkraftet das Blut viel Kohlendioxid und erlaubt lange
Tauchgänge. Sinkt die Temperatur unter 14 Grad Celsius, gräbt sich das Tier im Meeresboden ein.
Einst verschüttete Pallas Athene etwas vom Göttertrunk Ambrosia. Eine Schildkröte trank davon und wurde unsterblich. Die alte Legende spiegelt das Staunen der Menschen früherer Zeiten über
die hohe Lebenserwartung der Tiere wider. Sie übertraf die eigene deutlich.
Heute wissen wir, daß die Caretta 80 Jahre alt werden kann. Doch sie ist verwundbar geworden. Bei stürmischem Nordwind treibt Teer auf die Strände. Erbost scheren sich Touristen das klebrige Zeug von
den Füßen. Rasch versichern Einheimische, daß der Dreck nicht von griechischen Tankschiffen stamme. Die empfindlichen Meeresbewohner kümmert die Urheberschaft nicht - für sie können die Ölrückstände
tödlich sein.
Viele Schildkröten verfangen sich außerdem in den Netzen der Fischer, reißen sich Flossen ab und ertrinken jämmerlich. Küstenfischer, durch industriell arbeitende Flotten unter Druck geraten, machen
sie für beschädigte Fanggeräte verantwortlich. Manche erschlagen verletzte Tiere.
Gefahr aus Plastik
Schildkröten existieren seit 200 Millionen Jahren. Sie haben zugesehen, wie Säugetiere und Vögel entstanden. Sie überlebten das Massensterben vor 65 Millionen Jahren, das zahlreiche Tier- und
Pflanzenarten auslöschte. Die Natur hat es gut mit ihnen gemeint. Die Entwicklung der Kunststoffindustrie konnte sie aber nicht vorhersehen: helle, im Meer treibende Plastiksäcke ähneln Quallen. Sie
werden verschluckt und verstopfen die Gedärme.
In den letzten Jahrzehnten ist der Bestand der Caretta deutlich geschrumpft. 1981 wurde sie zur bedrohten Art erklärt und unter Schutz gestellt. Fangen und töten darf man sie seither nicht. Für den
Erhalt ihres Lebensraum gibt es jedoch keine Garantie.
Im Alter von etwa 30 Jahren erreicht die Caretta Geschlechtsreife. Sie erinnert sich genau an den Weg, der sie einst ins Meer führte. Zum Nisten sucht sie stets den Strand ihrer Geburt auf. Die
Eiablage geschieht nur alle zwei bis vier Jahre und findet in den Monaten Juni bis September statt. Im Schutz der Nacht schleift die Caretta ihren 80 kg schweren Körper ein paar Meter weit ins
Landesinnere. Raubtiere hätten leichtes Spiel, denn schnelle Flucht ist unmöglich. Der schmale Panzer erlaubt es nicht, Kopf oder Flossen einzuziehen.
Über 100 Eier werden vom Weibchen ein paar Dezimeter tief im Sand vergraben. Gleich danach taucht es zurück ins Meer. Wenn Menschen oder Lichter nicht stören, kommt es im Abstand mehrerer
Nächte wieder, um weitere Nester anzulegen. Acht Wochen lang brütet nur die Wärme des Sands die tennisballgroßen Eier aus. Dann schlüpfen die Jungen. Es dauert einige Tage, bis sie sich durch den
Sand nach oben gestrampelt haben. Dicht unter der Oberfläche halten sie inne, um auf das abendliche Absinken der Temperatur zu warten. Sengende Hitze würden die Kleinen nicht verkraften. In der Nacht