Eigentlich ist es ihm zuwider, das Reisen. Schon die eingeweidezermürbenden Postkutschen und seekrankheitserregenden Schiffe dämpfen seine Lust auf Fortbewegung beträchtlich. Straßenstaub legt sich verstopfend in seine Nase und auf das sensible Gemüt. Sonnenglut verbrennt die blasse Bürokratenstirn, und eisige Kälte erzeugt Frostbeulen an müden Dichterfüßen. Der Lästigkeiten sind es nie genug: Sitzt Grillparzer nicht gerade angeekelt in unbekannten Gasthöfen und verweigert das ihm aufgetragene Essen, dann wälzt er sich gequält in fremden Betten oder lamentiert über unangenehm auffallende Mitmenschen. Und doch begibt er sich auf Reisen. Immer wieder!
Der große Raunzer empfiehlt sich im März 1819 nach dem Tod seiner Mutter in Richtung Italien. Ihr Selbstmord erschüttert Grillparzers Psyche und Soma aufs heftigste. Die geschäftige Ineffizienz der pedantischen, unbeweglichen und hierarchischen Bürokratie erfordert lähmende Vorbereitungen, auch in Reisepaßangelegenheiten. Beschwerlichkeiten der Fortbewegung zu Lande und zu Wasser folgen.
Trotz seiner Abneigung gegen das Fahren, kommt Grillparzer, bis auf die Knochen durchgeschüttelt, im österreichischen Triest an. Versöhnt vom milden Klima, wird dem Dichter beim Anblick des Meeres eine erste Erhebung zuteil: "So sanft und mild, das starre ungebändigte Element, wie eine besänftigte Geliebte, die doppelt schön ist wenn sie gezürnt hat und getobt", fantasiert Grillparzer vor sich hin. Aber nicht zu lange. Mit der Realität regelmäßig in Konflikt, fällt er aus dem Traum auf den Boden seiner schnöden Tatsachen. Vieles, aus Reisebeschreibungen überwältigend erhofft, wird in unterschiedlichen Stärkegraden von seiner erlebten Wirklichkeit unterboten: Die Schiffe im Hafen sind kleiner als gedacht, Venedig mißfällt ihm auf den ersten Blick, der Petersdom spottet nicht mehr jeder Beschreibung und überhaupt erscheinen die öffentlichen Gebäude der Ewigen Stadt einer Miniatur entsprungen zu sein.
Seine Reisebetrachtungen bestehen vorwiegend aus querulanten Mißlaunigkeiten. Seekrankgrün im Gesicht, kann er den geliebten Sonnenuntergängen nichts mehr abgewinnen. Menschlich. Verständlich auch, daß er - von römischer Hitze entnervt - die zahllos auf ihn einfallenden Kunstwerke als bedrohliche Anmaßung empfindet. Aber nicht immer spielt ihm die Welt so übel mit. Während der Reise schon spricht der vom Amt Beurlaubte dem ausgezeichneten italienischen Wein zu, findet er den Café doch ungenießbar. Grillparzer notiert: "Des anderen Morgens fand ich mich unausgekleidet auf meinem Bette . . . aber ohne Kopfweh und vollkommen reiserüstig."
In einer neuen Welt Naturbetrachtungen mildern schlechte Laune und steigern sich zu kurzer Glückseligkeit. Auch Venedigs Kunstschätze können ihn im höchsten Maße für die Anstrengungen der Reise entschädigen: "Ich bin in einer neuen Welt und befinde mich darin um so besser, je weniger die alte nach meinem Sinne war", freut sich Franz über die gelungene Distanz - zu Wien. Im österlichen Rom lauscht er hingebunsvoll dem Miserere in der Sixtinischen Kapelle, bestaunt das Kolosseum, ergeht sich in den Vatikanischen Museen und entspricht im übrigen perfekt dem Bild des kunstinteressierten, bildungsbürgerlichen Touristen, der, mit Stadtplan gerüstet, Sehenswürdigkeiten abklappert.
Obligat und offensichtlich unverzichtbar bleiben dem Dichter die Entrüstungen, die seine Reiseaufzeichnungen durchsetzen. Die Dynamik der faszinierenden "ersten Eindrücke" wird ihm alsbald zuviel, und er meint daran ernsthaft zu erkranken. Auch wird ihm die Zwiesprache mit der Kunst allzu oft durch touristisch drängelnde Menschenmassen verleidet. Besonders impertinent benehmen sich anscheinend die "derben Naturen" der Engländer.
Grillparzer regt sich also wieder auf. Diesmal über die heilige Aura der Stadt, in der sich das blendende Zeremoniell der Karwoche allzu sehr an der katakombischen Düsterkeit des Religiösen stößt. Größtes Ärgernis bereitet Grillparzer die allgegenwärtige Präsenz des Papstes. Grollend notiert der Dichter die beispiellose Demut, die der oberste Hirte würdig zur Schau trägt und sich als Götze von seinen Schafen feiern läßt. Angeekelt vom "Kirchenpöbel" und marionettenhaften Zeremonienmeistern, bereut Grillparzer zutiefst, an diesem Spektakel teilzuhaben. Es kommt aber noch viel dicker: "3. Juli. Ich habe dem Papst den Pantoffel geküßt", gesteht er entsetzt. Was ist geschehen? Die Strafe Gottes für seinen Mangel an religiöser Pietät bringt Grillparzer in eine schwierige Lage, will er doch seinen Freundinnen in Wien vom Papst persönlich gesegnete Rosenkränze als Geschenk überreichen. Denn der weihende Ritus zwingt ihn unter der drohenden Aufsicht der Schweizer Garde zum Kuß des päpstlichen Greisenfußes, dem sich der Dichter, aufs höchste gedemütigt, fügt: "Hätte ich die hündische Art gekannt, wie der Fußkuß geschieht, ich wäre weggeblieben. Man muß sich dazu, da der schwache Alte den Fuß nicht heben kann, fast auf den Bauch legen. In's Himmelsnamen!"
Katholisch erzogen, von Heiligen- und Wundergeschichten angetan, entwickelt sich der kleine fromme Franz zum großen blasphemieverdächtigen Skeptiker, dessen "eigene Religiosität sich nicht sehr in den kirchlichen Formen bewegte". Durchaus erfreulich findet er die Damenwelt, deren Eroberung - wenigstens in der Fantasie - zu einer seiner Reiselieblingsbeschäftigungen zu zählen scheint. Das Tagebuch jedenfalls enthüllt seine unbegrenzte Eifersucht und den "Hang zur Liebe und Wollust". Im Sommer 1826 in kränklicher und depressiver Verfassung, begibt sich Grillparzer noch einmal auf große Reise und hofft auf die positive Wirkung, die letztlich noch jede Ortsveränderung bei ihm hervorrief. Reisen als "vortreffliches Heilmittel für verworrene Zustände" also.