• vom 16.09.2011, 11:06 Uhr

Kompendium

Update: 16.09.2011, 11:10 Uhr

Schirach

Von Schirach, Ferdinand: Der Fall Collini




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Von Peter Mohr

  • Das Schweigen des Täters

"Er war immer stumm geblieben", heißt es über den pensionierten Werkzeugmacher Fabrizio Collini, der 34 Jahre in einem Automobilwerk gearbeitet hatte. Ein Mann mit tadellosem Leumund - bis zu jenem Tag, als er nicht etwa zu reden begann, sondern sich in einem Berliner Hotel als Reporter einer italienischen Zeitung ausgab, das Zimmer des wohlhabenden Industriellen Hans Meyer betrat und diesen brutal ermordete.

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Dies ist der Handlungsrahmen des ersten Romans des erfolgreichen Strafverteidigers und Bestseller-Autors Ferdinand von Schirach, in welchem es um nicht weniger als um Rache, Lebenslügen, sonderbare Wendungen in der Nachkriegsjustizgeschichte und um die verdrängte Aufarbeitung der Vergangenheit geht.

Mittendrin steht der junge Anwalt Caspar Leinen, der als Pflichtverteidiger mit dem "Fall Collini" betraut wird. Der Täter, der sein Opfer regelrecht hingerrichtet und nach den Schüssen den Leichnam noch mit Fußtritten malträtiert hat, ist voll geständig, schweigt aber beharrlich über seine Beweggründe.

Leinen, der vor seinem ersten Strafprozess steht, gerät in tiefe Zwiespälte, als ihn die Enkelin des Toten darauf hinweist, dass er selbst mit dem Opfer gut bekannt war, da der schwerreiche Hans Meyer nämlich der Großvater von Caspars inzwischen tödlich verunglücktem Jugendfreund Philipp war. Doch der ambitionierte junge Jurist beißt sich in den Fall fest, sucht störrisch-dickköpfig nach einer Erklärung und lässt sich weder von handfesten Warnungen noch von angebotenen Bestechungsgeldern aus Meyers Unternehmen vom Weg abbringen.

Leinens in die Handlung eingeflochtene Erinnerungen an seine Kindheit bei den Meyers wirken stark idyllisiert; hier konstruiert Schirach eine Gegenwelt zum kalt-nüchternen Juristenalltag, eine geradezu romantische Insel der Glückseligkeit. Umso überzeugender ist der Autor überall dort, wo er seine Fachkenntnisse einbringen kann: bei der peinlich genauen Beschreibung der Obduktion, beim Ausmalen des kargen Ambientes einer Verhörzelle, bei den exakt skizzierten Abläufen eines Strafprozesses oder bei den erzählerischen Exkursen in die Justizgeschichte.

Man ahnt früh, dass es in der Vergangenheit des Opfers "dunkle Flecken" geben muss, dass der gönnerhafte, allseits beliebte Hans Meyer eben nicht nur ein überaus erfolgreicher und wohlhabender Unternehmer gewesen ist.

Leinens Recherchen führen ins Jahr 1943, als das Opfer als SS-Offizier Befehlshaber einer Partisanenerschießung in Italien war, der Collinis Vater und Schwester zum Opfer fielen. Collini hatte in den 1960er Jahren Anzeige erstattet, doch durch eine komplizierte Gesetzesänderung galt Meyers Delikt ab 1968 als verjährt.

"Bei uns sagt man, dass die Toten keine Rache wollen, nur die Lebenden wollen sie", erklärt Collini am Ende des Prozesses gegenüber seinem Anwalt. Und Autor Ferdinand von Schirach entlässt am Ende fast alle Figuren als Verlierer aus der Handlung: Der ehrgeizige Leinen hat sich und der Meyer-Enkelin ein Stück Kindheit zerstört, der als Nebenkläger tätige Star-Anwalt Mattinger erlitt eine gefühlte Niederlage, der Unternehmens-Justiziar verlor wegen der versuchten Bestechung seinen Job, und der Täter Collini ("Er hatte sein ganzes Leben gewartet.") nimmt sich nach Prozess-Ende in seiner Zelle das Leben.

"Der Fall Collini" ist äußerst bewegend und trotz der leicht unterkühlten Sprache spannend erzählt. Dennoch wirken die Figuren seltsam anämisch, die pulsierenden Gefühle kommen erzählerisch zu kurz.

Dieser Roman liest sich wie eine geometrische Prosa: total exakt, haarklein ausgeklügelt, absolut authentisch, aber doch mit einem unübersehbaren Defizit an emotionaler Empathie. Trotz dieser Einwände ist das Buch absolut bestsellerverdächtig.

Ferdinand von Schirach: Der Fall Collini. Roman. Piper Verlag, München 2011, 195 Seiten, 17,50 Euro.




Schlagwörter

Schirach, Krimi

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2011-09-16 11:05:02
Letzte Änderung am 2011-09-16 11:10:07



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