
Niemand von den Kollegen der Wiener Germanistik wird mitleidig belächelt, wenn er über Kriminalliteratur oder über HBO-Serien wie "The Sopranos" oder "The Wire" diskutiert. Es wird sogar dazu geforscht. Und eine frühere Kollegin hat die These gewagt, dass Georges Simenons Maigret-Romane zu dem gehören, was von der Literatur des 20. Jahrhunderts bleiben wird. Ich stimme ihr zu. Aber in der weiten akademischen Landschaft bleibt es immer noch riskant, sich länger als einen Aufsatz lang in solchem Terrain aufzuhalten - der Dünkel herrscht weiter, die störrische Scheidung von echter und nicht so echter Literatur.
Die Kulturwissenschaften sind da ein wenig weiter, weil die Figur des Spurenlesers auf Interesse stößt, weil Kriminalistik, Schaulust und Polizei attraktive Themen sind, weil Mediengeschichte und Krimigeschichte ineinander verwoben sind. Einer der wenigen Germanisten, die sich seit Jahr und Tag mit der Tradition dieses Genres befassen, Jochen Vogt, sagte einmal, diese Verweigerung der Philologen sei so, als würden Allgemeinmediziner stolz verkünden, für Migräne und Infarkt seien sie sich zu schade, sie interessierten sich nur für Tropenkrankheiten.
Wiener Sinn für Krimis
Dass die Wiener Uni da eine Ausnahme ist, mag daran liegen, dass man in Wien ein besonderes Ohr für das Genre hat, weil Sigmund Freuds detektivische Technik, in den Abfällen zu wühlen und die Oberfläche ernst zu nehmen, auch für die österreichische Literatur Folgen gehabt hat. Es hat nicht nur bald einen "Wiener Sherlock Holmes" gegeben (aus der Feder von Balduin Groller), sondern die kanonisierte Literatur, die mit dem Krimi-Genre verbunden ist, reicht von Heimito von Doderer bis Thomas Bernhard, von Hans Lebert bis Ingeborg Bachmann ("Es war Mord").
Die Krimi-Konjunktur hält an, aber nicht alles wird besser. Die Invasion der Serienmörder ist nur eines der unerfreulichen Phänomene, eine andere bedenkliche Entwicklung betrifft die Machart: die Krimis werden dicker. Man ist selbstbewusster geworden und lässt stolz das Heftchen-Format hinter sich. Das starke Ego eines James Ellroy braucht zu seiner Entfaltung mehr als 500 Seiten.
Aber besinnen wir uns auf die Zeit, als die Krimis noch schlank waren, die Polizei noch verhören durfte, so lange bis der Täter gestand, und die Maigret-Romane uns für immer in den Bann schlugen. Und holen wir Atem für ein Plädoyer, auch wenn es den Anschein hat, dass das nicht nötig ist, weil fast alle Simenon Respekt zollen und ihn loben. Sein Freund André Gide schrieb 1939, dass er vielleicht der größte und echteste Romancier sei, den die französische Literatur heute besitze. Selbst Walter Benjamin bekannte, dass er jeden Roman von Simenon lese. Der Diogenes Verlag, den Fellini einst von der Bedeutung des Autors überzeugt hatte, wirbt mit einem Satz von Gabriel Garcia Marquez: "Simenon ist der wichtigste Schriftsteller des 20. Jahrhunderts". Seine treue Anhängerschaft umfasst inzwischen mehrere Generationen, denn Kommissar Maigret erblickte im September 1929 das Licht der Welt, und 1972 ist der letzte Maigret-Roman erschienen.
Wozu bedarf es dann eines Plädoyers? Weil man vor lauter Romanen den Wald nicht sieht. In einem Gespräch mit einem amerikanischen Journalisten (es findet sich in einem alten Maigret-Band der Kiepenheuer & Witsch-Reihe, wo noch Paul Celan, Milo Dor und Reinhard Federmann zu den Übersetzern gehörten) plaudert Simenon aus seiner Werkstatt. Er erzählt, dass er sich am Anfang des Schreibens seine Figur aussuche, den Stadtplan und das Telefonbuch vor Augen habe und sich dann frage: Was muss passieren, um diese Figur bis zum Äußersten zu treiben?
Es ist eine Frage, die sich Maigret immer wieder stellt, manchmal ist sie in den Romanen kursiv gesetzt: Was muss geschehen, dass ein Mensch zum Mörder wird? Sein Gesprächspartner will schließlich wissen, wann Simenon nun endlich den "großen Roman" schreibe, den alle von ihm erwarten. Dessen selbstbewusste Antwort: "Mein großer Roman ist das Mosaik aller meiner kleinen Romane".
Nimmt man diesen Satz ernst, dann umfasst Simenons "großer Roman" mehr als 100 Teilstücke: 75 Romane und noch einmal 28 Erzählungen. Wir haben es zwar mit populären und preisgekrönten Romanen zu tun, aber mit einem kaum gewürdigten epischen Großprojekt des zwanzigsten Jahrhunderts, vergleichbar mit Honoré de Balzacs "Comédie humaine", die auf 137 Romane und Erzählungen angelegt war (91 Romane sind erschienen) oder mit Émile Zolas "Rougon-Macquart"-Zyklus, der immerhin zwanzig Romane umspannte.
Georges Simenon hat nie von einer Comédie des zwanzigsten Jahrhunderts gesprochen, er hat seinem epischen Großunternehmen keinen Untertitel gegeben wie Zola ("Die Natur- und Sozialgeschichte einer Familie im Zweiten Kaiserreich"), dennoch ist es nahe liegend, die Gesamtheit aller Maigret-Romane und Erzählungen als Zyklus wahrzunehmen.
Dieser Zyklus hat ein Zentrum, das Paris des 20. Jahrhunderts, obwohl in fünfzehn der ersten zwanzig Romane der Kommissar unterwegs ist in den französischen Provinzen, um dort seine Fälle zu lösen, aber allmählich wird er sesshaft, am Quai des Orfèvres und in seiner Wohnung am Boulevard Richard-Lenoir, wo Madame Maigret geduldig auf ihn wartet und die Tür öffnet, noch bevor er den Schlüssel ins Schloss stecken kann. Er hat sich Paris zu Fuß ergangen, er kennt "die kleinen Leute", denen seine Sympathie gilt, und deren Leid er kennt: "Sie wollen es allen recht machen, und das ist anstrengend".