
Wussten Sie, dass der Philosoph Jean-Jacques Rousseau an einem schlimmen Onaniezwang litt? Und dass er sich deswegen große Sorgen machte und dagegen sogar fachmännischen Rat einholte? Oder dass Georg Friedrich Wilhelm Hegel zeitlebens einen exorbitanten Weinkonsum pflegte? Wenigstens aber, dass Hans Blumenberg Opfer eines spezifischen Verfolgungswahns wurde, weil man - aus seiner Sicht - nicht aufhörte, ihm die Zeit zu stehlen? Übrigens soll er in seinen letzten Lebensjahren intensiven Kontakt mit einem nur für die wenigsten Menschen sichtbaren Löwen gehabt haben.
Solcherart sind die jüngsten Enthüllungen, die wir zu gewärtigen haben, die aber aller Wahrscheinlichkeit nach die Bilder der genannten Geistesgrößen nicht ins Wanken bringen werden. Die Neuigkeiten sind weniger einem wissenschaftlichen Anspruch geschuldet als vielmehr einer bemerkenswerten Form der Literarisierung, deren Wert auf den ersten Blick nur schwer einzuschätzen ist. Eine neue Erfindung ist es jedenfalls nicht, eine historische Person zur Hauptfigur eines Romans zu machen. Erstaunlich aber ist, wie oft dies in der deutschsprachigen Literatur neuerdings der Fall ist.
Die Leser werden eingeladen, sich in den Köpfen von Philosophen einzunisten, deren Perspektive einzunehmen und - das scheint das Vordringlichste - endlich die private Seite dieser herausragenden Denker kennen zu lernen. Das Genre "historischer Roman" wird hierbei nur bedingt bedient, und ebenso wenig handelt es sich um Biographien im herkömmlichen Sinn. Drei anerkannten Philosophen wird eine gehörige Portion Fiktion übergestülpt, ein literarisches Facelifting verpasst, das staunen lässt.
Wenn also Karl-Heinz Ott sich in seinem Roman "Wintzenried" Rousseau zum getriebenen Protagonisten wählt, Sibylle Lewitscharoff mit "Blumenberg" dessen Löwen imaginiert und Otto A. Böhmer mit seiner Erzählung "Hegel & Hegel" quasi die dialektische Verdoppelung eines Philolikers feiert (siehe Rezension Seite 8) - kann dann diese Ballung wiederaufbereiteten Geistesschmalzes noch Zufall sein?
Epische Einverleibung
Vielleicht sollte man noch weitere Neuerscheinungen des Jahres 2011 auflisten: etwa Armin Sensers episch-lyrische Einverleibung von "Shakespeare", oder Anne Webers "August", das als Puppentrauerspiel bezeichnete literarische Porträt von Goethes einzigem Sohn. Nicht zu vergessen Michael Kumpfmüllers Roman "Die Herrlichkeit des Lebens", um zu begreifen, wie rückhaltlos Dora Diamant beim Anblick Kafkas hinweg geschmolzen ist . . .
Oder sollte man die Liste lieber gleich bei einem der erfolgreichsten deutschsprachigen Romane der letzten Jahre (und Jahrzehnte) beginnen: bei Daniel Kehlmanns "Vermessung der Welt", 2005 erschienen und mittlerweile einige hunderttausend Male verkauft? Zur Erinnerung: Die Hauptfiguren in Kehlmanns Roman sind der Mathematiker Carl Friedrich Gauß und der Naturforscher Alexander von Humboldt. (Und den Mathematiker Gödel hat Kehlmann zur Hauptfigur seines Theaterstückes "Geister in Princeton" gemacht.)
Woher rührt dieses steigende Angebot an literarisierten Geistesgrößen? Fällt den Schriftstellern nichts mehr ein? Liegt es am vielfach zitierten Bedürfnis nach Orientierung in einer zusehends globalisierten Welt, die einerseits immer kleiner und überschaubarer, andererseits jedoch immer anonymer und also unverbindlicher wird? So viel lässt sich wenigstens festhalten: Die wirtschaftlichen Mechanismen von Angebot und Nachfrage haben eine eigentümliche soziokulturelle Schlagseite bekommen, die sich mit der Digitalisierung Bahn brach und uns alle - nicht nur medial - längst erfasst hat. Zugespitzt formuliert: Die ganze Welt (oder zumindest der vernetzte Teil von ihr) lechzt nach herausragenden Köpfen. Für welche Werte oder Inhalte diese stehen, wird dabei zunehmend diffuser.
Die "Köpfe" aber sind das, was die Verpackung noch gestern zu leisten hatte: sie schaffen den Kaufanreiz, sei es für Schokolade, Kosmetik, Parfüm oder Bier; seien es Roger Federer, Jennifer Lopez, Emma Watson oder Franz Beckenbauer. Denn jede und jeder will so ein Kopf sein, bemüht sich nach Kräften, sein Profil vorteilhaft darzustellen und zu verbreiten - einen treffenderen Namen als facebook kann es für dieses Phänomen gar nicht geben. Das Subjekt ist tot, es lebe das Subjekt!
Verweilen wir noch kurz bei diesem Augenblick, also bei den letzten zwanzig Jahren, in denen diese Wunderkiste namens Computer die Wirklichkeit revolutioniert und uns in eine irreversible Abhängigkeit manövriert hat, wofür ein Kopf je länger, desto prominenter wurde. Wir nennen ihn heute ehrfürchtig iGod. Die Trauer nach Steve Jobs Tod Anfang Oktober war weltweit und maßlos, der Verkauf seiner Biographie begann noch im Sterbemonat, ebenfalls weltweit, und man muss kein Hellseher sein, um zu prognostizieren, dass dieses Buch in den nächsten Wochen und Monaten das am meisten ver- und gekaufte sein wird.
Fakten oder Fiktionen?