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  • Artikel vom 26.11.2010, 14:18 Uhr

Kompendium

Update: 26.11.2010, 14:30 Uhr
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Koboldmaki und Nasenaffe


Von Christian Pinter
  • Das "Haus der Natur" in Salzburg ist ein aufregendes Naturkundemuseum, in dem sich ungewohnte Perspektiven auf die Erde und ihre Lebewesen eröffnen.

Am nördlichen Ende der linken Salzburger Altstadt nähert sich die Salzach der steilen Felswand des Mönchsbergs. In diesen Winkel pilgern jährlich an die 300.000 Besucher, um eines der faszinierendsten Museen Österreichs zu sehen: das "Haus der Natur". Schon am Eingang überfällt sie das furchterregende Brüllen des Allosaurus. Der Raubdinosaurier hebt den Schädel hoch, zeigt seine Zähne, die wie Sägeblätter sind. Gegenüber harrt der grüne Leguanzahnsaurier aus. Sein gezackter Kamm scheint etliche Märchenbuch-Illustratoren beim Drachenzeichnen inspiriert zu haben. Über den beiden schwebt ein weiterer Riese der Vorzeit: Ganze sieben Meter beträgt die Flügelspannweite des hohlknochigen Flugsauriers.

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Gegründet wurde das Haus der Natur 1924 vom Naturforscher Eduard Paul Tratz. Anders als die traditionsreichen naturhistorischen Museen sollte es keine systematische Vorstellung der Geschöpfe bieten, sondern möglichst viele Besucher anziehen. Bei der Übersiedlung vom alten Hofstallgebäude ins ehemalige Ursulinenkloster griff der akademische Maler Wolfgang Grassberger gestaltend ein. Er ersann viele der Dioramen, die so charakteristisch für dieses Haus wurden: Modellfiguren und naturalistische Modelllandschaften bauen sich vor einem stimmig gemalten Hintergrund auf. Die dreidimensionale Darstellung zieht den Betrachter ins Geschehen hinein.

Große Tiere wie diese Löwen werden in Dioramen nachgebildet. Foto: Pinter

Große Tiere wie diese Löwen werden in Dioramen nachgebildet. Foto: Pinter Große Tiere wie diese Löwen werden in Dioramen nachgebildet. Foto: Pinter

Eine der zahlreichen Bühnen versetzt den Besucher auf die staubige Oberfläche des Mondes, wo er Augenzeuge einer Apollo-Mondlandemission wird. Eine andere führt ihn zu einer Höhle, vor der sich sieben Braunbären versammeln. Bald wandelt sich die Szenerie, der Tag wird zur Nacht. Nun erscheint der drei Meter hoch aufgerichtete, große Bär vor dem gleichnamigen Sternbild.

Zuchterfolge

Zwei Dutzend Terrarien bieten lebenden Echsen, Schlangen oder Alligatoren Heimat. Die gut getarnte indische Brillenschlange sucht man lange im Unterholz; sie ist gefährlich und gefährdet. Die Gabunviper, eine Puffotter, reckt uns den breiten Kopf entgegen. Der Buntpython ist gar schenkeldick. Der Königspython, einer der zahlreichen Zuchterfolge des Hauses, versucht sich im hohlen Baumstamm zu verstecken.

Ein stampfendes Geräusch lenkt die Aufmerksamkeit auf kopulierende Schildkröten. Im Sekundentakt schlägt das Panzerhinterteil des Männchens unermüdlich auf den Holzboden. Stoisch beobachtet ein Nashornleguan das Treiben. In 40 Schaubecken, reich gefüllt mit 130.000 Litern Meer- oder Süßwasser, wurreln farbenfrohe Fische. Sogar die Stein- und Weichkorallen vermehren sich dank ausgeklügelter Aquarientechnik prächtig. Sie sind ein Tauchertraum in Gelb, Braun, Rot und Purpur, Zartgrün, Rosarot und Violett. Im Korallenriffbecken fühlen sich der Schwarzspitzen-Riffhai, blaue Gelbschwanz-Demoiselle und Segelflossendoktor wohl. Plakatfarben machen allen Artgenossen klar: Dieses Revier ist schon besetzt.

So leuchtet auch der Halbmaskenfalterfisch strahlend gelb, sein Maul zum spitzen Kussmund geformt. Die wunderlichen Augenflecken des Mirakelbarsches verwirren Angreifer. In Schwärmen ziehen die Bodengucker Kreise. Guaninfarbstoffe verwandeln sie in silbrig blinkende Spiegel, groß wie Langspielplatten: Deshalb dürfen sie den Namen der griechischen Mondgöttin "Selene" tragen. Stromstöße dienen dem Nilhecht unter anderem zur Verständigung. Lautsprecher machen die Signale für den Menschen hörbar. Verstehen kann er sie nicht.

Kunstvoll präparierte Tiere, einst in Zoos verstorben, stellen den Artenreichtum der Kontinente vor. Die Beuteltiere Australiens posieren vor dem Mount Olga: auch Nacktnasenwombat, Ringelschwanzbeutler, Kurzkopfgleitbeutler und Tüpfelkuskus. In "Amerika" lernt man unter anderem Waldhund, Bergtapir und Kondor kennen. Die schillernden Vögel des Amazonas mussten einst Federn für den Kopfschmuck südamerikanischer Indianer lassen. Die Schwanzfedern des grün und scharlachrot gefärbten Quetzal waren allerhöchsten Würdenträgern vorbehalten.

Eine der vielen Attraktionen: die australische Bartagame. Foto: Pinter

Eine der vielen Attraktionen: die australische Bartagame. Foto: Pinter Eine der vielen Attraktionen: die australische Bartagame. Foto: Pinter

Die Afrika-Schauräume werfen Fragen auf: Die Antworten warten unter Klapptafeln. Sie erläutern, wie das Leben in der Wüste funktioniert. Im Hintergrund brüllt ein ausgestopftes Dromedar. Nicht Wasser, sondern Fett speichert sein Höcker. In der Oase angelangt, "tankt" das Wüstenschiff gleich 140 Liter Wasser in zehn Minuten. Zehn Millimeter Nass pro Jahr reichen hingegen der "Wunderpflanze" Welwitschia mirabilis . Ihre dürren Blätter breiten sich jeweils über eine zimmergroße Wüstenfläche aus, tausend Jahre lang. Entdeckt hat sie 1859 der Kärntner Botaniker Friedrich Welwitsch. Jagdwerkzeuge, Kleidung, Schmuck, Musikinstrumente und Spielzeug gewähren Einblicke ins Leben der Buschmänner der Kalahari.

Tiere als Gottheiten

In "Asien" lauern Kragenbären einem Gaur auf. Der knopfäugige Koboldmaki hält sich mit scheibenförmigen Fingerballen am Baum fest. Der Nasenaffe aber - er möge uns verzeihen - sieht aus wie die Karikatur seiner selbst. Im Erdgeschoss lebt das bedrohte Tibet auf. Dioramen zeigen den Potala-Palast in Lhasa und eine Leichenbestattung, die ohne Holz und auf härtestem Grund vollzogen wird. Wir sehen einen Fürsten und eine Nomadenfamilie vor ihren Zelten, dahinter den 7300 Meter hohen Chomolhari.




Schlagwörter

Forschung, Natur, Biologie, Fauna

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2012
Dokument erstellt am 2010-11-26 14:18:31
Letzte Änderung am 2010-11-26 14:30:00


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