
Er wäre dieser Tage 100 Jahre alt geworden. Doch Konradin Ferrari dOcchieppo, der große österreichischen Astronomiehistoriker, starb am 18. März 2007 in Reutte in Tirol. Sein Name bleibt mit dem Stern von Bethlehem verbunden, der auch heuer wieder mit lang gekrümmtem Schweif unzählige Krippen, Plakate und Postkarten ziert. Als ein kometenhaftes Gestirn wollte dOcchieppo die biblische Erscheinung aber nie verstanden wissen.
Ende des 17. Jahrhunderts war einer seiner Vorfahren mit der kleinen piemontesischen Grafschaft Occhieppo belehnt worden. So kam das Tiroler Geschlecht zu dem langen Namen. Konradin wurde am 9. Dezember 1907 in wenig begüterte Verhältnissen hinein geboren. Nur mit Mühe ließ sich sein Schulbesuch finanzieren. Vom Vater für die Sterne begeistert, schloss er 1934 das Studium der Himmelskunde ab. Er leitete die Wiener Urania-Sternwarte und lehrte nach dem Krieg am Universitätsinstitut für Astronomie. Der liebenswerte Professor legte rund 200 Arbeiten vor, deren viele sich mit dem astronomischen Wissen der alten Ägypter oder der Gelehrten des Zweistromlandes befassten.
Schon 1965 hatte er erforscht, wie gut man in Babylon den Planetenlauf hatte vorhersagen können. Es gelang ihm, ältere Vermutungen über den sogenannten "Weihnachtsstern" in einen wissenschaftlichen Kontext zu betten. Sein populäres Buch "Der Stern von Bethlehem in astronomischer Sicht" stieß vor allem im deutschsprachigen Raum auf Resonanz.
Die Seele Cäsars
1627 war der Versuch des Augsburger Juristen Julius Schiller gescheitert, die "heidnischen" Sternbilder durch christliche zu ersetzen. An Stelle des antiken Helden Herkules wollte er die "heiligen drei Könige" verstirnen. Doch die Legende von Caspar, Melchior und Balthasar ist außerbiblischen Ursprungs und jünger als das Matthäus-Evangelium, welches von einer unbestimmten Anzahl von Männern aus dem Osten spricht. Je nach Übersetzung sind es "Weise", "Magier" oder "Sterndeuter". Diese wollten dem neugeborenen König der Juden huldigen, nachdem sie dessen Stern im Osten aufgehend gesehen hatten. Nach erfolgloser Suche im Hause des Königs Herodes führte sie ein altes Prophetenwort nach Bethlehem: Aus dieser Stadt sollte der Herrscher und Hirte des Volkes Israel hervorgehen. Als die Männer Bethlehem erreichten, blieb der Stern, so das Evangelium, am Himmel stehen.
Christliche Gelehrte fragten sich, welche Himmelserscheinung damit gemeint war. 218 n. Chr. bewunderte der Alexandriner Theologe Origines den Halleyschen Kometen und erklärte daraufhin einen früheren Himmelsvagabunden zum Stern von Bethlehem. Diesem Gedanken folgte auch der Künstler Giotto: Nachdem er 1301 den Kometen Halley beobachtet hatte, setzte er ihn in sein berühmtes Fresko "Die Anbetung der heiligen drei Könige" ein, was unser Bild vom Weihnachtsstern prägte.
Halley war auch 12 v. Chr. erschienen. Eine fernöstliche Quelle erwähnt noch einen weiteren "Besenstern" im Jahr 5 v. Chr. Doch ihres Rufs wegen eigneten sich Kometen nur schlecht als Vorlage für den Evangelisten Matthäus: Nach antikem Glauben schienen die unvermittelt auftauchenden Schweifsterne "nur an Unglückstagen". So wurde die Sichtung des Halleyschen Kometen 66 n. Chr. nachträglich als Menetekel für die Zerstörung Jerusalems durch die Römer interpretiert. Im Juni 44 v. Chr. hatte ein anderer himmlischer Vagabund über Rom geglänzt: Ovid sah darin Cäsars zum Himmel aufsteigende Seele. Spätere Autoren, Shakespeare inklusive, rückten diesen Kometen jedoch vor die Iden des März - womit er zum flammenden Omen des Fürstenmords geriet.
Im Dezember 1603 beobachtete Johannes Kepler, wie sich am Himmel über Prag der Jupiter am Saturn vorbei schob. Zehn Monate nach dieser "Konjunktion" (lat., Verbindung) flammte, ebenfalls im Sternbild Schlangenträger, ein neues Gestirn auf. Nicht ahnend, dass er gerade den katastrophalen Tod eines Sterns miterlebte, erklärte Kepler diese Supernova zur Folge der Planetenkonjunktion. Auch das christliche Zeitalter sei, so spekulierte er, 7 v. Chr. von einer Konjunktion Jupiters und Saturns angekündigt worden - wohl zusammen mit einem vermeintlichen, später aufleuchtenden Stern. Jesus, resümierte Kepler, wäre also "fünf ganze Jahre" vor Beginn der heute gebräuchlichen Zeitrechnung geboren worden.
Deren Beginn hatte Dionysius Exiguus jedoch erst im 6. Jahrhundert festgelegt. Zeitgenossen misstrauten dem Ergebnis des römischen Mönchs und zögerten, Urkunden "ab Menschwerdung des Herrn" zu signieren. Der von den Römern eingesetzte Herodes war tatsächlich schon 4 v. Chr. verstorben. Sein Todesjahr lässt sich mit Hilfe einer Mondfinsternis datieren. Für Keplers hypothetische Supernova im Jahr davor fehlen sichere Belege.
Doch Jupiter und Saturn trafen einander tatsächlich im Jahr 7 v. Chr., und zwar im Sternbild der Fische. Dabei schrumpfte ihr gegenseitiger Abstand bis zum doppelten Vollmonddurchmesser. Der ruhig strahlende, gelbliche Saturn übertraf an Glanz alle Fixsterne in seiner Umgebung. Nur der weißliche Jupiter strahlte noch 18 Mal kräftiger. Zweifellos fiel das Doppelgestirn sogar Laien auf. Die im Evangelium verwendeten Begriffe "Aufgang" oder "Stehen bleiben" entsprangen nach Ferrari aber der astronomischen Fachterminologie.