• vom 07.09.2007, 12:28 Uhr

Kompendium

Update: 07.09.2007, 12:47 Uhr

Astronomie

Das Weltall ist voll Roter Zwerge




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Christian Pinter

  • Im ganzen Universum gibt es, grob geschätzt, rund 200 Milliarden "kosmischer Knirpse", und sie erweisen sich als wahre himmlische Sparmeister.

Die meisten Planeten im engen Orbit rund um Rote Zwergsterne sind wohl öde Steinwüsten. Grafik: Pinter

Die meisten Planeten im engen Orbit rund um Rote Zwergsterne sind wohl öde Steinwüsten. Grafik: Pinter

Die meisten Planeten im engen Orbit rund um Rote Zwergsterne sind wohl öde Steinwüsten. Grafik: Pinter

Die meisten Planeten im engen Orbit rund um Rote Zwergsterne sind wohl öde Steinwüsten. Grafik: Pinter Die meisten Planeten im engen Orbit rund um Rote Zwergsterne sind wohl öde Steinwüsten. Grafik: Pinter

Für uns ist die Sonne ein Gigant, schwer wie 332.000 Erden und 1,4 Millionen km im Durchmesser groß. Sie erscheint uns 25 Milliarden Mal heller als die leuchtendsten Sterne des Nachthimmels. Allerdings nur ihrer geringen Distanz von acht Lichtminuten wegen. Könnten wir alle kosmischen Gasbälle aus der selben Entfernung betrachten, mutete die Sonne wie ein Versager an. Allein die sieben Sterne des Großen Wagens strahlen 24- bis 226-mal mehr Licht ins Universum. In punkto "wahrer Leuchtkraft" ist ihr jeder Fixstern, den das freie Auge am Firmament ausmacht, überlegen.


Seit kurzem aber wissen wir: In den Weiten des Alls verstecken sich enorme Scharen von Zwerg-sternen, die noch viel schwächlicher sind als die Sonne. In unserer Nachbarschaft stellen sie drei Viertel des stellaren Inventars. Rechnet man dies hoch, dürften sich rund 200 Milliarden kosmischer Knirpse in der Milchstraße tummeln. Der typische Stern im Universum ist bloß ein Roter Zwerg.



Schwerer als 100 Sonnen
Viele, jeweils hunderte Lichtjahre weite Molekülwolken aus Gas und Staub treiben durch die Galaxis. Manche zerfallen, wobei sich einige Fragmente zu neuen Sonnen verdichten. Etliche Prozesse wirken diesem Kollaps entgegen, andere begünstigen ihn. Das Wechselspiel sorgt für heftige Wehen, die mit dem Aufleuchten von Sternbabys höchst unterschiedlichen Gewichts enden: Die seltenen Hyperriesen sind schwerer als 100 Sonnen und geben das Millionenfache an Energie ab. Die Zwerge bringen es hingegen bloß auf acht bis 50 Prozent der Sonnenmasse und strahlen deshalb grob hundertmal schwächer.

Die bescheidene Anfangsmasse diktiert den weiteren Lebensweg des Zwergs. Sein geringes Gewicht begrenzt den Druck auf das Sternzentrum. Das verlangsamt die Verschmelzung von Wasserstoff zu Helium, was wiederum die Energieproduktion hemmt. Deshalb bläht sich der Gasball kaum auf. Die entsprechend kümmerliche Oberfläche strahlt nicht viel Licht ins All ab. Mit höchstens 3200 Grad C ist das Zwergenantlitz zudem um mindestens 2300 Grad kühler als jenes der Sonne.

Fantasievolle Grafiken stellen uns die kühlen Gnome gern im kräftigen Rot eines Paradeisers vor. Doch in Wahrheit ähnelt ihr Schein dem einer hellen Glühbirne. Er ist weiß, vermengt mit einem Schuss Orange. Das "Rot" im Namen der Zwerge ist also bloß ein Etikett. Fernrohrbesitzer können sich in klaren Nächten leicht selbst davon überzeugen.

Diese Zwerge sind die Sparmeister des Universums. Sie starten mit wenig Brennstoff, gehen damit jedoch viel sorgsamer um als ihre mächtigeren Sternkollegen. Während sich Hyperriesen schon nach zehn bis 50 Millionen Jahren verzehren, misst man die Lebenserwartung der Zwerge in Hunderten von Jahrmilliarden. Seit das Universum existiert, ist wohl noch kein einziger dieser "Dreikäsehochs" erloschen.

Allerdings werden sie von heftigen Unpässlichkeiten heimgesucht. Magnetische Störungen hemmen mitunter den Wärmetransport und verunzieren das Zwergenantlitz mit extrem ausgedehnten, kühlen "Sonnenflecken". Dann wieder erhitzt die plötzliche Freisetzung magnetischer Energie weite Teile ihrer Oberflächen auf über 10.000 Grad. Diese unvorhersehbaren Strahlungsausbrüche werden "Flares" genannt (engl.: to flare , flackern). Sie fallen den Wissenschaftern im Röntgen-, UV- sowie im Radiowellenbereich auf. Selbst im kleinen Teleskop erscheint der betroffene Lichtpunkt dann um ein Vielfaches heller. Für die Überwachung von Flackersternen sorgen deshalb oft Hobbyastronomen.

Dazu brauchen sie zumindest ein Fernglas. Mit freiem Auge ist nämlich kein einziger Roter Zwerg erkennbar, obwohl der hellste, Lacaille 8760, das Limit nur knapp verfehlt. Er verbirgt sich im südlichen Sternbild Mikroskop. Am Nordhimmel führt Lalande 21185 im Großen Bären die Bestenliste an.

Eigentlich steht er uns sogar eine Spur näher als Sirius, der funkelndste aller Fixsterne. Trotzdem erscheint er uns 8000-mal schwächer. Der Gnom verfügt nämlich nur über fünf Promille der Sonnenleuchtkraft.

Auch der mit 4,22 Lichtjahren uns nächste aller Fixsterne ist ein Knirps: Das Amateurfernrohr macht Proxima (lat., die Nächste) in der südlichen Konstellation des Zentauren aus. Der Zwerg ist bloß 2400 C heiß und sechsmal kleiner als die Sonne. Um ihren Schein zu ersetzen, müsste man 17.000 "Proximas" an ihre Stelle setzen. Trotz eines Alters von schon vier Milliarden Jahren wird unser Nachbar mehrmals am Tag von Flares heimgesucht. Er ist sehr wahrscheinlich an den prominenten Stern Alpha Centauri gebunden, der im Teleskop in zwei "normale", der Sonne ähnliche Sterne zerfällt. Proxima ist eine Ausnahme. Denn drei Viertel aller Roten Zwerge ziehen das Single-Dasein vor, meiden also Doppel- oder Mehrfachsysteme. Geht einer aber doch den Bund fürs Leben ein, ist auch sein Partnerstern meist winzig.

Seit sieben Jahren weiß man: Trotz ihrer Massenarmut können auch Rote Zwerge eigene Planeten haben. Manche dieser exotischen Welten kreisen sogar in der "bewohnbaren Zone". Das ist jener ausgezeichnete Bereich um einen Stern, in dem Wasser weder verdampft noch gefriert. Und weil man Wasser als Grundvoraussetzung für Leben erachtet, fiebern Forscher dem Fund solcher Planeten geradezu entgegen.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Schlagwörter

Astronomie

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2007-09-07 12:28:18
Letzte Änderung am 2007-09-07 12:47:00



Werbung




Werbung


Werbung