• vom 23.02.2001, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 15:02 Uhr

Literatur

Durch Lesen überleben




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Von Hertha Hanus und Claudia Wurzinger

  • Über Germanisten österreichischer Herkunft in den USA

Die Zeiten, als sie meinte, an den Worten, den deutschen, zu ersticken, sind vorbei. Sie sind langsam dem Gefühl gewichen, mit der deutschen Sprache, die eine Fremdsprache geworden war, eine Muttersprache wieder bekommen zu haben. Der Weg dorthin begann 1933: Evelyn Torton Beck wurde am 8. Jänner in Wien geboren. Ihr Vater Max war als Fünfzehnjähriger aus Galizien nach Wien geflohen, um nicht Rabbiner werden zu müssen. Mutter Irma Lichtmann stammte aus einer sehr armen Familie, die der höchst intelligenten Tochter das so sehr gewünschte Studium nicht ermöglichen konnte. Gemeinsam erreichte das Ehepaar Torton ein bisschen Wohlstand und konnte so den zwei Kindern ein angenehmes Leben mit Reisen nach Prag und Sommern in Reichenau bieten.

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Die ersten Konsequenzen von Hitlers Einmarsch bekam die fünfjährige Evelyn schon bald zu spüren: Sie wurde aus dem Kindergarten geworfen und noch im selben Jahr kamen die Nazis, um ihren Vater in einer gespenstischen Szene zu verhaften, die die spätere Literaturwissenschaftlerin Parallelen zur Verhaftung Josef K.s in Kafkas "Der Prozeß" ziehen lässt. Jahre danach liest sie aus Andeutungen ihrer Eltern heraus, dass Max Torton schon länger geahnt hatte, was passieren würde, und dass die Mutter vergeblich versucht hatte, ihn zur Flucht zu bewegen.

Sein Weg: Buchenwald, Dachau, unerklärliche Entlassung und erneute Verhaftung. Der Weg der Familie indessen: Schikanen, Beschlagnahme der Wohnung, Umzug ins Ghetto und das Kind, das einkaufen geschickt wurde, weil es mit seinem Näschen und den blonden Locken so "arisch" aussah.

Nie mehr ein deutsches Wort

Ein unglaubliches zweites Mal wurde Max Torton von den Nazis laufen gelassen - mit der Auflage, so schnell wie möglich das Land zu verlassen. Die Familie flüchtete nach Italien und 1940 in die Vereinigten Staaten. In ihrer Erinnerung, so Evelyn Torton Beck beim Gespräch anlässlich eines Wien-Besuchs, meint sie, vom ersten Tag in New York an, mit ihren Eltern Englisch gesprochen und auch später nie wieder ein deutsches Wort mit ihnen gewechselt zu haben.

Die Geschichte der Flucht blieb immer eine nur rekonstruierte, die eigenen Erinnerungen sind die eines Kindes, nur einzelne Ereignisse sind geblieben.

Jetzt, wo sie über das Erlebte sprechen kann, "ohne sich zu fürchten, dass diese Gedanken irgendwie zu schwer sind" - ein Prozess, der fast ein Leben gedauert hat - tut es ihr leid, dass sie Fragen nicht gestellt hat. Woher kamen die Ausreisepapiere, zu einer Zeit, als es beinahe schon unmöglich war, für ein Land, das nicht mehr viele aufnahm? Was passierte mit der Großmutter? Man sprach nicht über das, was passiert war. Man flüsterte höchstens über den Tod. Und in früheren Jahren wollte sie alles gar nicht so genau wissen; zwangsläufig hätte man innere Zerstörung thematisieren müssen, die so viel schwerwiegender war als die materiellen Verluste. Wie mit dem Wissen umgehen, dass man eigentlich nicht leben sollte?

Evelyn Torton Beck meint, "die ganze Sache irgendwie (. . .) mit dem Lesen [überlebt]" zu haben. Das Lesen führte sie auch zu ihrem Beruf und zurück zur deutschen Sprache. Deutsch hatte sie als kleines Kind gesprochen, dann verweigert, vergessen, verlernt. Später wollte sie Brecht im Original lesen und Thomas Manns "Tonio Kröger". So studierte sie Germanistik, Anglistik, Vergleichende Literaturwissenschaft sowie in späteren Jahren klinische Psychologie und begann 1970 ihre Universitätslaufbahn - die sie auf nicht eben leichtem Weg bis zur Professorin für Frauenstudien, Jüdische Studien und Vergleichende Literaturwissenschaft führte.

Die Wissenschaftlerin sieht einen engen Zusammenhang zwischen ihren Erfahrungen im Jahr 1938 und den Themen ihrer späteren beruflichen Tätigkeit in der Literaturforschung, wo sie zu den Topoi Stimme und Sprache sowie Wurzeln der jüdischen Vergangenheit arbeitete. Diese Auseinandersetzung führte sie zu Franz Kafka, über den sie auch ihr erstes Buch, eine Aufarbeitung des Einflusses des jiddischen Theaters auf Kafkas Schaffen, veröffentlichte, und in der Folge zu Isaac B. Singer, dessen Werke sie aus dem Jiddischen ins Englische übersetzte.

In der Nähe Kafkas

Torton Beck machte Parallelen zwischen ihrem und Kafkas Leben aus: Beide haben ein tschechisches Element in ihrem Leben. Wie er, war auch sie auf der Suche nach einem authentischen Judentum, kämpfte sie um Begriffsbestimmungen wie Jude, moderner Jude, ein-Volk-sein; Glaube hatte für beide keine große Bedeutung, doch war das Judentum etwas, das sie nicht aufgeben konnten und wollten. Die Beschäftigung mit Kafka erlaubte ihr, den Selbstfindungsprozess aufzunehmen, es half, Erfahrungen zu verarbeiten und sich von der erlebten grausamen Realität zu distanzieren.

Kafka wie auch Torton Beck beschäftigten sich mit der jiddischen Sprache. Sie ist in der modernen amerikanischen Literaturforschung als "Großmutter" der Jiddischen Forschung bekannt, da sie sich in einer Zeit damit auseinandersetzte und dafür einsetzte, da das Jiddische von der wissenschaftlichen Bearbeitung noch ausgeschlossen war.

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Literatur

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2001-02-23 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 15:02:00


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