• vom 20.05.2011, 15:16 Uhr

Kompendium

Update: 14.08.2012, 14:09 Uhr

Deutschland

Das haltbare Provisorium




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Günther Luxbacher

  • Das Kunsthaus "Tacheles" in der Oranienburger Straße in Berlin ist ein Bau, an dem sich die Geschichte des 20. Jahrhunderts ablesen lässt.

Das "Tacheles" hat sich in den Überresten der alten Friedrichstadtpassage eingenistet. Foto: epa/ A. Novopashina

Das "Tacheles" hat sich in den Überresten der alten Friedrichstadtpassage eingenistet. Foto: epa/ A. Novopashina

Das "Tacheles" hat sich in den Überresten der alten Friedrichstadtpassage eingenistet. Foto: epa/ A. Novopashina

Das "Tacheles" hat sich in den Überresten der alten Friedrichstadtpassage eingenistet. Foto: epa/ A. Novopashina Das "Tacheles" hat sich in den Überresten der alten Friedrichstadtpassage eingenistet. Foto: epa/ A. Novopashina

Es gibt nur wenige Gebäude, die für die führenden Institutionen deutscher Geschichte so vollständig und repräsentativ als Bühne dienten wie das Berliner Kunsthaus Tacheles. Inzwischen firmiert es in vielen Touristenführern als "Kulturruine". Deren über hundertjährige Baugeschichte kennt man ganz gut. Die Nutzungsgeschichte ist jedoch nur oberflächlich und lückenhaft bekannt. Dabei wäre hier noch eine Menge spannender Geschichte und Geschichten zu heben! Fest steht nur, dass sich im heutigen "Tacheles" zu allen Zeiten durchgehend und ausnahmslos epochentypische Institutionen eta-bliert hatten.

Werbung

Diese Jahrhundertruine ist aus Berlin-Mitte inzwischen nicht mehr wegzudenken. Sie ist fester Bestandteil der "Spandauer Vorstadt" mit ihren Galerien, Kulturveranstaltungen, Cafés, aber auch stillen, unfertigen Ecken. Umso mehr gilt es, über den weiteren Umgang mit dem besonderen steinernen Zeitzeugen nachzudenken und ihn samt seinen vielen Ateliers am Leben zu erhalten. Die Lenker und Organisatoren des Tacheles, die deutsche Journalistin Linda Cerna und der oberösterreichische Maschinenkünstler Martin Reiter, tun dies täglich.

Was macht das Gebäude nun im Einzelnen historisch so einmalig? Gehen wir die einzelnen Epochen durch. Das 20. Jahrhundert begann mit dem Aufstieg der modernen industriellen Konsumgesellschaft: Das Tacheles wurde als Kaufhaus erbaut. Es folgten die technikbegeisterten 20er Jahre. Der Elektrokonzern AEG machte es zum "Haus der Technik". Danach quartierten sich nationalsozialistische Institutionen ein, die Deutsche Arbeitsfront (DAF) und das SS-Zentralbodenamt, der "Generalplan Ost".

Die DDR indoktrinierte die Werktätigen und plante das neue Berlin: Der FDGB verwaltete das teilweise zerstörte Gebäude, in welches das regimetreueste Kino sowie der volkseigene Baubetrieb einzogen. 1990 atmete das Haus erneut Zeitgeist: Eine Bürger- und Künstlerinitiative samt "Rundem Tisch" verhinderte dessen endgültige Sprengung und gab der Ruine den Namen "Tacheles".

Schließlich kamen die Touristen aus aller Welt und eröffneten die "globale" Epoche. Daher haben wir es mit einer Jahrhundertruine, einer Epochenruine in spannenden, aber mitunter ruinösen Zeiten zu tun.

Kathedrale der Waren

Der Berliner Bankier Otto Markiewicz plante ab 1906 " . . . Berlin eine Passage zu geben, die sich würdig neben allen bestehenden der Welt sehen lassen kann". Einen der als Torbögen ausgebildeten Eingänge kann man heute noch an der Ruine besichtigen. Markiewiczs Bauziel war, den damals aufstrebenden Warenhäusern ein Gegenmodell in Form des Genossenschaftswarenhauses zu präsentieren, also Spezialgeschäfte in seiner Passage ansiedeln, die alle dieselbe Infrastruktur nutzten. Die Architektin Michaela van den Drisch schrieb, diese "Friedrichstadtpassage" sei die "erste deutsche Shopping Mall" nach US-amerikanischem Muster gewesen. Es war der letzte große Galeriebau Europas und der letzte Versuch Preußens vor dem Ersten Weltkrieg, die USA beim Kaufhausbau einzuholen.

Doppelt so groß wie die wenige Jahrzehnte zuvor eröffnete Kaisergalerie, umfasste die Friedrichstadtpassage fünf Etagen, sieben Innenhöfe, mit eigener Rohrpost-Anlage und einem eigenen U-Bahn-Zugang. Im August 1908 wurde der sehr großzügig ausgestattete Konsumtempel eröffnet. Es handelte sich um eine der frühesten Stahlbetonkonstruktionen Berlins, und die fast 30 Meter Durchmesser aufweisende Kuppel war die erste Stahlbetonrippenkuppel ihrer Art. Beobachter erinnerten sich später: "Ungeheuerer Tamtam bei der Eröffnung. Sonderzüge aus Essen, Nürnberg, Danzig. Elektrische Reklame auf vielen Dächern."

In der Eröffnungsbroschüre war zu lesen, dass künftige Generationen Kunde erhalten sollten "von dem kaufmännischen und werttätigen Streben, das im Anfange des zwanzigsten Jahrhunderts . . . obwaltete".

Leider ging das Konzept des Konsumtempels nicht auf, die Ladenmieten spielten die Ausgaben nicht ein. Markiewicz "sah rechtzeitig die Situation" und verkaufte den Bau 1909 an seinen Konkurrenten Wertheim. Dieser formte ihn zu einem gewöhnlichen Kaufhaus um, das jedoch ebenfalls erfolglos blieb. Noch vor Kriegsbeginn 1914 wurde es zwangsversteigert. Den Zuschlag erhielt die Commerzbank AG. Offensichtlich gelang es der Bank in den Krisenjahren nach dem Ersten Weltkrieg nicht, das Gebäude zu vermieten. Erst 1928 änderte sich die Situa-tion.

Berlin war in den "sachlichen" und technikbegeisterten 20er Jahren zur "Elektropolis" herangewachsen. Sowohl der Siemens- als auch der AEG-Konzern hatten ihre Hauptsitze und wichtigsten Produktionsstätten in Berlin. 1928 mietete sich die AEG in der leerstehenden Friedrichstadtpassage ein. Gemeinsam mit der Commerzbank gründete die AEG eine Aktiengesellschaft namens "Haus der Technik". Im anderen Gebäudeteil errichtete die Commerzbank rund um den Tresorkeller eine Depositenkasse. Aus dem Konsumtempel wurde ein Tempel der Technik. Im Juni 1929 wurde dort die "Ständige Ausstellung der AEG-Fabriken" eröffnet. In der Nacht kündete eine riesige Lichtreklame aus Moore-Licht (Neonlicht) den Weg.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Schlagwörter

Deutschland, Architektur

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2011-05-20 15:16:16
Letzte Änderung am 2012-08-14 14:09:29



Werbung




Werbung