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Update: 19.08.2011, 14:17 Uhr

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Feministische Wissenschaft




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Von Peter Markl

  • Von der Theoretischen Physik via Psychoanalyse zu Gender und Genetik - das vielseitige wissenschaftliche Leben der amerikanischen Professorin Evelyn Fox Keller.

Evelyn Fox Keller während einer Konferenz in Spanien.

Evelyn Fox Keller während einer Konferenz in Spanien.© Foto: FECYT Evelyn Fox Keller während einer Konferenz in Spanien.© Foto: FECYT

Als sie im vergangenen November das letzte Mal in Wien einen Vortrag hielt, hatte sich in einem Hörsaal der Theoretischen Physik eine ungewöhnlich gemischte Zuhörerschaft eingefunden. Da saßen Theoretische Physikerinnen neben Wissenschaftshistorikern, Biologinnen neben vielen Gender-Spezialistinnen. Schließlich sprach eine der Ikonen dieser Wachstumsbranche, die führende Autorität auf dem Gebiet der "feministischen Wissenschaftskritik". Sie ist heute emeritierte Professorin für Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftsphilosophie am Massachusetts Institute of Technology (MIT), dorthin gelangt auf einem wahrlich abenteuerlichen Weg: Evelyn Fox Keller (in Folgenden EFK genannt).


EFK wurde 1936 als Tochter armer einfacher Eltern, die als Juden aus Russland emigriert waren, in New York geboren, wo sie auch in die öffentlichen Schulen ging. Als Elfjährige begeisterte sie sich für Psychoanalyse. Eine Karriere in den Naturwissenschaften versprach sozialen Aufstieg und frühe Unabhängigkeit vom Elternhaus. Sie besuchte das Queens College, wo schon im ersten Jahr ein Mathematikprofessor auf ihr mathematisches Talent aufmerksam wurde. Er riet ihr, Physik zu studieren. Eine Reihe von Stipendien machte es ihr dann möglich, an die Harvard Universität zu gehen, wo sie sich auf Theoretische Physik spezialisierte.

Das war damals eine fast ausschließlich männliche akademische Welt, so dass EFK es sich nicht zutraute, in dieser Umwelt zu reüssieren. Nach ihrem Undergraduateabschluss gönnte sie sich mit ihrem Bruder einen Urlaub in Cold Spring Harbor, wo sich auch das Long Island Biological Laboratory befindet. EFK lernte einige Leute aus diesem Laboratorium kennen, wo eine ganz andere akademische Kultur gepflegt wurde, als unter den Theoretischen Physikern in Harvard. Man bot der mathematisch versierten jungen Frau an, doch an einem großen molekularbiologischen Experiment mitzuarbeiten. Die Arbeit trug experimentelle Techniken zu ihrer Dissertation bei dem späteren Chemie-Nobelpreisträger Walter Gilbert an der Harvard Universität bei.

Eine Musterkarriere
Bis dahin war ihr Weg genau einem Erfolgsrezept gefolgt: sie war hochintelligent und hochmotiviert, ihre Spezialbegabung für Mathematik war von einem exzellenten Lehrer erkannt worden. Er gab ihr den Rat, das abstrakteste Fach, für das sie sich interessierte, möglichst früh zu studieren. Ihr Talent wurde rechtzeitig aus öffentlichen Mitteln gefördert, sie lernte, sobald sie eine interessante Gesprächspartnerin geworden war, Weltklassewissenschafter auch persönlich kennen und konnte in deren Labors und ihren Seminaren ihre Art, an Probleme heranzugehen, erleben.

Das galt besonders für das Cold Sping Harbor Laboratorium, an dem Ort, wo sie die Ferien verbrachte. Dieses Laboratorium war damals das Mekka der Molekularbiologie und Molekulargenetik. EFK wurde dort schnell als Gesprächspartnerin ernst genommen, vielleicht auch deshalb, weil einige derjenigen, die dort an biologischen Themen arbeiteten, selbst auch nicht als Biologen ausgebildet worden waren, sondern wie EFK aus erstklassigen Physikschulen stammten und von dort das Methodenbewusstsein der Physik mitgebracht hatten, so dass EFK, obwohl nicht vom Fach, schnell in die Arbeit einbezogen wurde. Auch der Mann, bei dem sie dissertierte, hat später den Nobelpreis für Chemie bekommen, obwohl er ein Harvard Physiker war. Als EFK nach Cold Spring Harbor in die Ferien aufbrach, schleppte sie einen Koffer mit den Büchern Sigmund Freuds mit sich, weil sie ihre Harvard Zeit als Intermezzo betrachtete; sie wollte Medizin studieren und sich dann der Psychoanalyse widmen.

EFK wusste damals in Cold Spring Harbor auch genau, was sie keinesfalls wollte: nämlich so leben wie eine Frau, die sie in Seminaren traf und auf ihren einsamen langen Spaziergängen sah: Barbara McClintock. EFK war von deren wissenschaftlicher Existenz fasziniert und beschloss, über diese Frau ein Buch zu schreiben. Entgegen einer unter Gender-bewegten Frauen gängigen Legende war Barbara McClintock damals bereits auf dem Weg zu weltweiter Anerkennung und nicht mehr nur die "odd woman out", von der man vermutete, sie sei entweder etwas verrückt oder genial. Während damals die Cold Spring Harbor Stars noch der Ansicht waren, dass das wesentliche Problem der Molekulargenetik die Erklärung der Stabilität der Genstruktur sei, hatte McClintock in ihren Arbeiten über die Mais-Genetik bereits gezeigt, dass diese Stabilität keine Folge der molekularen Statik ist, sondern ein Endprodukt komplexer dynamischer Prozesse. Sie hat für ihre Arbeiten nur fünf Monate nach dem Erscheinen von EFK’s Buch 1983 den Nobelpreis erhalten.

EFK unternahm dann einen sehr entschiedenen Versuch, dem privaten Schicksal von Barbara McClintock zu entgehen: sie traf den Mathematiker Joseph Bishop Keller, sie heirateten und hatten in den nächsten Jahren zwei Kinder. Doch das ging nicht gut, die Ehe wurde geschieden und EFK war unter die im akademischen Umfeld häufigen alleinerziehenden Mütter geraten.

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Dokument erstellt am 2011-08-19 10:38:15
Letzte Änderung am 2011-08-19 14:17:45



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