• vom 02.09.2011, 14:00 Uhr

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Wien

Kindertage in der Krim




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Unruhige Zeiten
Abgesehen von ihrer wirtschaftshistorischen Bedeutung - immerhin galt der Graef & Stift-Wagen als österreichischer Rolls Royce, den auch der Erzherzog-Thronfolger auf seiner unseligen Sarajewo-Rundfahrt im Sommer 1914 verwendete -, war die Krim schon ein Unruhe-Pflaster in der Ersten Republik. In der NS-Zeit entwickelte sich sowohl in der KFZ-Fabrik in der Hutweidengasse als auch in der Armaturenfabrik Hübner & Mayer in der Unterdöblinger Muthgasse namhafter Widerstand gegen die Machthaber. Auch der Klosterneuburger Roman Scholz, den die Nazis ermordeten, war in Döblig aktiv, wo er auch in der Heiligenstädter Kirche predigte.

Ein erster Höhepunkt der Unruhen war der Sommer 1927 anlässlich der Schattendorfer Prozesse und dem darauf folgenden Justizpalastbrand. Die Cottage-Bewohner gerieten in helle Aufregung angesichts des Verstummens der bürgerlichen Blätter (Drucker-Streik), und da keine öffentlichen Verkehrsmittel fuhren, musste etwa der in der Sternwartestraße wohnende Arthur Schnitzler einen gewaltigen Umweg zu Fuß in Kauf nehmen.

Er kam gerade vom Cobenzl, nachdem er von den Ausschreitungen und dem mehr als unglücklichen Einschreiten der Polizei am Schmerlingplatz erfuhren hatte. Aus Sorge vor bürgerkriegsähnlichen Zuständen in der Krim marschierte er daher kurz entschlossen via Hohe Warte heimwärts in die Sternwartestraße. Das war ein stattlicher Umweg.

Der tragische Februar
Noch dramatischer waren die Ereignisse des Februar 1934, als das Bundesheer von Stellungen nahe der Hohen Warte mit Artilleriegeschützen den Widerstand im Karl-Marx-Hof brechen wollte und dabei einige riesige Löcher in den Trutz- und Sozialbau und zugleich in das Vertrauen auf seine Unparteilichkeit im Rechtsstaat riss. Es gab Todesopfer in der Grinzinger Straße, als Polizei und Heer ein Sektionslokal der Sozialdemokraten stürmten. Zweifellos ereilten die Auswirkungen des bis heute mysteriösen Bürgerkriegs auch die Arbeiter in der Krim. Von Verrat war die Rede und einer bewussten Heimwehrprovokation, von einem "Zund" der zu gezielten Hausdurchsuchungen in Linz geführt hatte.

Tatsache war, dass Schutzbund und Arbeiter unterlagen und die Tage der SDAP gezählt waren, wie auch jene der österreichischen Demokratie, die spätestens mit der Mai-Verfassung 1934 von der Bildfläche verschwand. Genau genommen schon früher, als durch die autoritäre Ausschaltung von Parlament und Verfassungsgerichtshof die wichtigsten Kontrollorgane paralysiert wurden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg und den Gräueln der Naziherrschaft waren die Animositäten zum Glück begraben, kein Bürger musste sich nun fürchten, die Arbeiter-Inseln des noblen westlichen Bezirks zu betreten. Und die Belegschaften empfanden Polizei und das neue Bundesheer nicht mehr als willkürlich handelnde Feinde, sondern als demokratisch kontrollierte Organe und Institutionen des Rechtsstaates. Ein unschätzbarer Fortschritt, den man heute wieder zu gering einschätzt, der aber erst die steigende Produktivität und das Wirtschaftswunder der Zweiten Republik ermöglichte.

Von diesem Wunder in Form bester Schokolade, Baby- und Bau-Boom profitierte ich als Volksschüler mehrfach. In der nach Gustav-Peichl-Plänen neu gebauten Pflichtschule in der Flotowgasse, mitten in der Krim, hatte die Moderne Einzug gehalten. Dem Architekten, der immer noch als Karikaturist aktiv ist, soll ein ehrliches Lob des einstigen Schülers der Jahre 1968 bis 1972 gespendet werden. Das Sichtbetongebäude, das wie ein Vierkanthof einstöckig angelegt ist, liegt mitten in der Grünfläche des "Olympia-Parks" und bietet jeder einzelnen Schulklasse noch dazu einen abgetrennten Erholungsraum im Freien, sei es als Klinker-Terrasse oder sogar als eigener Vorgarten, in dem man Laufen, Herumtollen und Jausnen kann. Für Kinder ist das wichtig, und umso erstaunlicher erscheint es, dass es kaum Schulen in der Stadt gibt, die eine derartige Architektur aufweisen.

Von den architektonischen Meriten zurück zu den kulinarischen Reizen des Terrains. Die anhaltende Versuchung dieser Zeit bestand unter anderem in einem fast permanenten Schokoladegeruch, den die Bensdorp-Fabrik in der Hutweidengasse verbreitete. Wann immer der Wind aus Westen wehte, und das war in den 60er und 70er Jahren fast stets der Fall, roch es rund um den Sonnbergplatz und die Obkirchergasse anheimelnd nach Kakao. Was lag also näher, als die gesamte Verwandtschaft zu drangsalieren, um die grünen, roten und blauen Bensdorpschokoladeschleifen zu sammeln? Im Eintausch gegen echte und wohlschmeckende Schokolade handelte es sich dabei um eine wichtige Währung. Nicht nur einmal fuhr ich mit dem Fahrrad dorthin, wo heute nur mehr Wohnbauten und gleichförmige Billa-Filialen stehen, stets bergan in Richtung Hackenberg bis zur Bensdorp-Fabrik, mit einem prall gefüllten Schleifen-Karton im Gepäckträger - und kam dann mit einem etwas spärlicher gefüllten Schokoladekarton beschwingt bergabfahrend zurück.

Schaumtüten-Träume
Unterhalb der modernen Judas-Taddhäus-Kirche befand sich eine weitere Attraktion, die Schaumtütenfabrik, an der kein Schulkind vorbei konnte, ohne sehnsuchtsvoll in den Kellereinstieg zu schielen. Oft genug beobachtete ich durch eine Luke das sich langsam und mäanderhaft bewegende Keller-Fließband. Wie und wohin genau dieses Fließband verlief, blieb zwar ein ewiges Rätsel, aber Tatsache war, dass die nur minimal beschädigten Schaumtüten oder -becher um nichts weniger gut schmeckten als ihre intakten Kollegen, die einen längeren Weg in den Einzelhandel antreten mussten als der "Bruch", der meist schon in der Flotowgasse oder spätestens in der angrenzenden Leidesdorfgasse verzehrt wurde.

Dass es sich bei Leidesdorf um einen Psychiater und bei Flotow um den Komponisten der Oper "Martha" handelte, war mir als Volksschüler nicht bekannt. Aber ich verband den Namen "Martha" mit den Aral-Tankstellen. Tankstellen interessierten mich und es gab meist Zugaben für Kinder, etwa Abziehbilder, Sammelalben oder PEZ-Bonbons. Neben der Zrunek-Gummifabrik befand sich damals eine "Elan"-Tankstelle. Die hat längst zugesperrt, aber in unmittelbarer Nähe halten sich immer noch eine "Esso"- und eine "OMV"-Tankstelle, die von der Auto-Pflege-Manie ansässiger Bewohner und dem späten Getränke- und dem frühen Gebäckbedarf anderer Bewohner profitieren. Und auf diese Art besteht ja doch ein industrieller Rest von der alten "Krim" weiter.

Gerhard Strejcek, geboren 1963, ist Außerordentlicher Universitätsprofessor am Institut für Staats- und Verwaltungsrecht an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien.

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Schlagwörter

Wien, Extra, Stadtgeschichte

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2011-09-02 10:41:07
Letzte Änderung am 2011-09-02 13:24:06



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