• vom 28.10.2011, 14:00 Uhr

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Update: 28.10.2011, 14:33 Uhr

Tod

Unterwegs mit dem Heimholer




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Von Horst Widmer

  • Egal wo in Europa, spätestens 48 Stunden nach der Bestellung steht ein Wagen von Drnda vor der Tür, mit Wunschsarg und Wunschdekoration. Er führt verstorbene Auslandsserben zurück in die Heimat.



"Sie brauchen nur zu sterben, den Rest erledigen wir". Diesen Ausspruch, den der Drnda einmal im Spaß öffentlich getätigt hat, halten viele hier, im Osten Serbiens, für seinen Werbeslogan. Das ist bezeichnend. Jeder kennt den Drnda, die Leute trauen ihm, was seine Methoden betrifft, alles zu, aber sie nehmen ihm nichts übel, im Gegenteil: Man spricht mit Hochachtung über ihn, weil er ein erfolgreicher Geschäftsmann, ein echter "biznismen" ist.


Rückführer Nummer 1
Tatsächlich hat er mit Drnda Internacional (since 1994) Serbiens größtes Bestattungsunternehmen geschaffen und ist als Rückführer verstorbener Auslandsserben aus ganz Europa unangefochtene Nummer eins. Seine Werbebotschaft, die offizielle, lautet denn auch: "Wenn Sie schon wählen müssen, dann wählen sie den Besten!", und man kann sie, verkündet von einer sinnlichen Frauenstimme, allabendlich im Regionalfernsehen und gelegentlich im staatlichen Satelliten-TV hören, während sich über die ganze Breite des Bildschirms seine Wagenflotte formiert: 20 Leichenwagen, Marke Mercedes, Drndas Stolz.

Sein ganzer Stolz: Radia Mihajlović alias Drnda und ein Exemplar seiner Mercedes-Flotte.

Sein ganzer Stolz: Radia Mihajlović alias Drnda und ein Exemplar seiner Mercedes-Flotte.© Foto: Gernot Puck Sein ganzer Stolz: Radia Mihajlović alias Drnda und ein Exemplar seiner Mercedes-Flotte.© Foto: Gernot Puck

Ich habe ihn 2006 während einer sechsmonatigen Serbienreise kennen gelernt, diesen Mann, der mit bürgerlichem Namen Radia Mihajlović heißt, sich aber, privat wie beruflich, lieber bei seinem Spitznamen rufen lässt, den er von Vater und Großvater geerbt hat: Drnda - in serbischer Umgangssprache beschreibt dieses Wort ein kräftiges, schepperndes Rütteln, wie man es etwa von einem losen Auspuff kennt. Hinter dem etwas grellen Auftritt seiner Firma wirkt der Mensch Drnda zunächst beinahe grau und unscheinbar; ein kleiner, circa 50-jähriger Herr mit Brille, immer adrett gekleidet, ordnungsliebend und diszipliniert in seinem Lebensstil ebenso wie bei der Arbeit, wo er, trotz naturgemäß schwer kalkulierbarer Auftragslage, seine 30 Angestellten buchstäblich rund um die Uhr meisterhaft dirigiert.

Auf jedem Sarg wird der Name in goldenen Lettern angebracht.

Auf jedem Sarg wird der Name in goldenen Lettern angebracht.© Foto: Gernot Puck Auf jedem Sarg wird der Name in goldenen Lettern angebracht.© Foto: Gernot Puck

Ich verfolge seine Arbeit nun seit fünf Jahren, besuche ihn regelmäßig und bin stets aufs Neue erstaunt, wie es hier mit professioneller Ruhe und mit Improvisationstalent gelingt, selbst in absoluten Spitzenzeiten, wenn wieder einmal überall gleichzeitig gestorben wird, das Versprochene einzuhalten: Spätestens 48 Stunden nach Bestellung steht, egal wo in Europa, ein Wagen vom Drnda vor der Tür, mit Wunschsarg, Wunschdekoration und sämtlichen amtlichen Papieren für die Überfuhr.

Um drei Uhr nachts sind wir von Drndas Hauptquartier in Požarevac losgefahren. Fünf Stunden Verspätung. Der Motor hat gestreikt; das kann, trotz regelmäßiger Wartung, vorkommen, die Leichenwagen fahren weite Strecken fast jeden Tag. Nach Wien brauchen wir neun bis zehn Stunden. Und noch vor Mitternacht muss der Verstorbene in seinem Heimatdorf nahe Požarevac sein. Sonst kann die für morgen angesetzte Beerdigung nicht stattfinden. So verlangt es der Brauch der Totenwache.

Gastarbeiter-Route
Über den Mann, den wir in Wien holen sollen, wissen wir nur, was in goldenen kyrillischen Lettern auf dem hellbraunen Sarg steht, der hinter uns liegt: Vorname, Nachname, Alter. 54 Jahre.

Meine dritte Fahrt als Beifahrer, aber die erste mit Chauffeur Nikola. Er ist mir der angenehmste unter Drndas Fahrern, ein ruhiger Mann um die 40, mit großer Nase, großen Ohren und großem Herzen. Nikola spricht wenig, raucht viel und kann kichern wie ein Mädchen. Manchmal, wenn ich etwas sage, was ihn amüsiert, höre ich aus dem dichten Nebel im Cockpit fröhliches Glucksen. Zeitdruck ist er gewöhnt. Keine Sorge, sagt er, wir schaffen das. Ich fahre gern mit ihm.

Es ist Ende November, die Nacht klirrend kalt. Wir haben Belgrad bereits hinter uns, bewegen uns in Richtung Novi Sad, als langsam der Morgen dämmert. Belgrad-Novi Sad: der berüchtigste Abschnitt der sogenannten Gastarbeiter-Route auf serbischem Gebiet; hier sind, in fast vier Jahrzehnten Gastarbeiterei, ungezählte Menschen auf dem Weg in den Heimaturlaub oder zurück zu Tode gekommen.

Die Autofahrer, an denen wir auf der Überholspur vorbeiziehen, schauen verwundert herüber; manche, wir erinnern sie vielleicht an ihre eigene Sterblichkeit, bekreuzigen sich. Aber man gewöhnt sich bald daran, im Leichenwagen zu sitzen.

"Hauptstadt von Wien"
Die Müdigkeit nach durchwachter Nacht, einförmig, Stunde um Stunde, das Asphaltband vor uns, eintönig die Ebenen der Vojvodina, einlullend das gleichmäßige Brummen des Dieselmotors, einsilbig Nikola. . . Im Halbschlaf gerät mir die Arbeit, die wir hier machen, zum Film, zum Roadmovie. Darin wird der Drnda zur Metapher, das Wort "Gastarbeiter-Route" erhält einen anderen, weiteren Sinn, im Leichenwagen fahren wir den Weg nicht nur des Verstorbenen, sondern des Gastarbeiters an sich ab.

Abfahrtsort der Leichenwagen ist immer Požarevac, Drndas Zentrale, und kein anderer Ort könnte symbolträchtiger sein. Die größte Gruppe der Serben in Österreich, vor allem in Wien, stammt aus dieser Gegend südöstlich von Belgrad, aus dem Verwaltungsbezirk Braničevo, dessen Hauptstadt Požarevac ist, und aus dem östlich daran angrenzenden, bis zur rumänischen und bulgarischen Grenze reichenden Bezirk Bor. Požarevac, heißt es in Požarevac, ist die Hauptstadt von Wien. Von hier sind sie, als Gast-Arbeiter, aufgebrochen, in der festen Annahme, nach wenigen Jahren zurückzukehren. Bald würden sie sich etwas erspart haben, damit würden sie ein Häuschen bauen, ein Stück Land kaufen und einen Traktor dazu.

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Schlagwörter

Tod, Reportage, Extra

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2011-10-27 21:27:29
Letzte Änderung am 2011-10-28 14:33:53



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