• vom 12.06.2009, 18:05 Uhr

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Update: 18.01.2012, 21:29 Uhr
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Vor 200 Jahren wurde der Arzt und Autor Heinrich Hoffmann geboren. Sein "Struwwelpeter" ist nach wie vor ein umstrittener Bestseller

"Konrad, sprach die Frau Mama"


Von Gerald Jatzek

Ruhe ist die erste Bürgerpflicht lehrt uns der Zappelphilipp.

Ruhe ist die erste Bürgerpflicht lehrt uns der Zappelphilipp.

Wenn sich britische Soldaten im Zweiten Weltkrieg entspannen wollten, blätterten sie gerne in dem Büchlein "Struwwelhitler - A Nazi Story Book by Dr. Schrecklichkeit". Die Autoren Robert und Philip Spence hatten die Vorlage für ihre propagandistische Parodie mit Bedacht gewählt, galt und gilt Heinrich Hoffmanns "Struwwelpeter" doch wie der Stechschritt als Sinnbild preußischen Untertanengeistes. 2002 nannte der US-amerikanische Illustrator Bob Staake das Buch "etwas, das Hitler auf Mescalin geschrieben haben könnte".

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Von dieser Vorstellung war das Leben des Arztes Heinrich Hoffmann freilich Welten entfernt. Seine Sammlung kurzer Bildergeschichten mit dem Untertitel "Lustige Geschichten und drollige Bilder für Kinder von 3 - 6 Jahren" erschien erstmals 1845 und entwickelte sich seither zu einem der erfolgreichsten deutschsprachigen Bücher überhaupt. Es wurde rund 550 Mal aufgelegt und in mehr als 40 Sprachen und 50 Dialekte übersetzt, eine bekannte Übertragung ins Englische ("Slovenly Peter") stammt von Mark Twain.

Heinrich Hoffmann, Psychatriereformer und posthumer Kinderschreck

Heinrich Hoffmann, Psychatriereformer und posthumer KinderschreckAtelier Hermann Maas, Frankfurt am Main, gemeinfrei Heinrich Hoffmann, Psychatriereformer und posthumer KinderschreckAtelier Hermann Maas, Frankfurt am Main, gemeinfrei

Die Figuren des "Struwwelpeter" haben Theaterautoren, Filmregisseure (in der DDR), Rockbands und Komponisten ebenso angeregt wie W. H. Auden, der den daumenkappenden Schneider als "Scissor Man" in einem Gedicht neben anderen gespenstischen Gestalten auftreten lässt.

"Der Schlingel hat sich die Welt erobert, ganz friedlich, ohne Blutvergießen", konnte Hoffmann, der hundert Auflagen erlebte, frohlocken - doch es gab auch Gegenstimmen, wenige zunächst, viele erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Redakteure der "Fliegenden Blätter" sahen den langhaarigen Struwwelpeter bereits 1848 gegen den Zeichenstrich als revolutionäres Gegenstück zum angepassten Untertanen. (120 Jahre später schockte Daniel Cohn-Bendit das Bürgertum in dieser Rolle noch immer durchaus erfolgreich.)

Kritik und Parodien verhinderten freilich den Erfolg nicht, der sich auch in Kartenspielen und Figurinen niederschlug. Zahlreiche Nachahmungen führten gar zum Gattungsbegriff "Struwwelpetriaden" für moralische Abschreckungsgeschichten. Darunter finden sich Seltsamkeiten wie "Der Mummelsack" von Nathan Jacob (1867), laut Untertitel "Ein Sittenspiegel der Jugend zu Nutz und Frommen der Kinderwelt", und geistig Wehrertüchtigendes wie "Der General Fritz. Bunte Bilder aus seinem Leben". Erst 1970 rechnete F. K. Waechter, führender Strubbelkopf der "Neuen Frankfurter Schule" der Humoristen, mit dem Brevier Hoffmanns ab und stellte ihm seinen "Anti-Struwwelpeter" gegenüber.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-01-18 18:10:24
Letzte Änderung am 2012-01-18 21:29:59


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