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Update: 03.02.2012, 14:58 Uhr

Berlin

Gleiskörper sucht Umgebung




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Von Stefan May

  • Rund um den Berliner Hauptbahnhof entsteht derzeit das Stadtviertel "Europacity". Ein österreichisches Unternehmen ist maßgeblich an der Entwicklung beteiligt.

Der Berliner Hauptbahnhof wurde vor sechs Jahren eingeweiht.

Der Berliner Hauptbahnhof wurde vor sechs Jahren eingeweiht.© Stefan May Der Berliner Hauptbahnhof wurde vor sechs Jahren eingeweiht.© Stefan May

"Es war nichts los hier", sagt die Bewohnerin des Hochhauses, die mit ihrer Familie Anfang der 1970er Jahre unter den ersten Mietern war, die dort eingezogen sind. Die Autos parkte man nebenan auf unbefestigtem Grund, "die Gören" spielten im verwachsenen Grün hinter dem Haus. In den Ferngläsern der DDR-Grenzsoldaten auf ihren Wachtürmen, hundert Meter entfernt, spiegelte sich abends die untergehende Sonne. Der heruntergekommene Lehrter Stadtbahnhof um die Ecke war die letzte S-Bahnstation auf Westberliner Gebiet in einer kaum belebten "Gstätten".

Heute bildet diese "Gstätten" die geografische Mitte der deutschen Hauptstadt. Die Straße vor dem Hochhaus ist zwar noch immer Tempo-30-Zone, doch die Taxis haben sie als Schleichweg zwischen Hauptbahnhof und Flughafen entdeckt. Lange Züge Jugendlicher mit Rollkoffer pilgern tagein, tagaus zur neuen Jugendherberge.

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Berlin Hauptbahnhof
Der Lehrter Bahnhof heißt seit sechs Jahren "Berlin Hauptbahnhof" und ist eine markante Stahl-Glas-Konstruktion, in der sich die West-Ost- und eine neu angelegte Nord-Süd-Linie kreuzen. Anfangs wurde das Bauwerk auf der grünen Wiese in Sichtweite von Bundeskanzleramt und Krankenhaus Charité wegen seiner Solitärlage bespöttelt, doch zaghaft schließen sich die Baulücken, wächst ein neues Stadtviertel im Herzen der Hauptstadt heran. Die letzten Filetstücke in Berlins Zentrum werden besiedelt. Ein Unternehmen aus Österreich vermarktet sie.

"Wir bauen Brücken", sagt Wilhelm Brandt von CA-Immo Deutschland beim Spaziergang über das noch immer sehr inhomogene Gelände. Die von der drei Jahrzehnte existierenden Berliner Mauer hinterlassene Schneise ist hier noch deutlich erkennbar. Auch mental ist die Trennung gegenwärtig: Mitunter wirkt es, als stünden die Stadtteile, die inzwischen sogar ein Bezirk geworden sind, an ihrer Nahtstelle noch immer mit dem Rücken zueinander.

Ende 2007 hatte CA-Immo die deutsche Vivico um eine Milliarde Euro erworben. Diese war eine Art Treuhand des Bundes zur Verwertung von Eisenbahnimmobilien, 1996 gegründet, um rund 3000 ehemalige Bahnliegenschaften zu verkaufen.

So begann CA-Immo mit dem 18 Hektar großen Projekt Arnulfpark hinter dem Münchener Hauptbahnhof, das inzwischen fast abgeschlossen ist. "Wir machen klassische Quartierentwicklung und fangen bei Null an", sagt Wilhelm Brandt. In München tat sich CA-Immo zu Beginn mit Wohnbaufirmen als Partnern zusammen. "Nachhaltiges Bauen ist bei uns immer dabei", sagt Brandt. Wenn gebaut wird, dann sind es bei CA-Immo stets zertifizierungsfähige Objekte.

So auch beim Europaviertel in Frankfurt am Main, zwischen Messe Westend und dem Hauptbahnhof: Gerade wurde hier Deutschlands vierthöchstes Hochhaus fertiggestellt, der Tower 185, ebenfalls ein "Green Building". Von den 20 Hektar des ehemaligen Güterbahnhofs ist der Großteil schon verkauft. Es entstehen ein Einkaufs- und Kongresszentrum sowie Wohnraum in zentraler Lage. In zwei Jahren ist das Projekt fertig.

Für ein Joint Venture mit dem Mainzer Zollhafen hat CA-Immo einen Wettbewerb gewonnen. Kleinere Projekte realisiert sie außerdem in Regensburg, Düsseldorf und München. In Berlin ist sie für die neue Deutschland-Vertriebszentrale von Mercedes-Benz zuständig und die Vermarktung eines ehemaligen Truppenübungsplatzes im Stadtteil Lichterfelde Süd.

Doch CA-Immo hat nicht alle ehemaligen Grundstücke der Deutschen Bahn übernommen, nicht jede Verladeanlage im Osten des Landes. In der DDR hatte der Güterumschlag auf der Bahn eine große Rolle gespielt, nach der Wende änderte sich das schlagartig. An vielen Stationen in den neuen Bundesländern liegen noch heute weite Flächen überwucherter Gleisanlagen. "Vivico hatte sich als Quartiersentwickler zu profilieren", sagt CA-Immo-Sprecher Brandt. "Da nahmen wir eine Portfoliobereinigung vor." Zahl und Umfang der Grundstücke, die von CA-Immo übernommen wurden, seien für sie maßgeschneidert geworden. "Als der Reifegrad da war, haben wir gesagt, wir kaufen Vivico."

Derzeit prominentestes Projekt des Entwicklers mit österreichischen Wurzeln ist die "Europacity", jenes 40-Hektar-Projekt zur Entwicklung eines neuen Quartiers rund um den Berliner Hauptbahnhof - am ehemaligen Mauerstreifen. Die Straßenzüge südlich der Station, die einzelne Grundstücke umgeben, existieren schon, ebenso wie ein Hotel direkt neben dem Bahnhofsgebäude, dessen architektonische Einfallslosigkeit aufgrund solcher Nachbarschaft besonders störend ins Auge fällt. "Das Grundstück wurde an einen Entwickler verkauft", wehrt Brandt ab.

Hotels für die Mitte
Schräg gegenüber baut CA-Immo selbst ein Intercityhotel. 30 Meter wird es hoch, wird 410 Zimmer anbieten und in eineinhalb Jahren fertig sein. Daneben errichtet ein österreichischer Projektentwickler ein Steigenberger-Hotel. "Drei Hotels nebeneinander stören nicht", beruhigt Wilhelm Brandt. "Wir sind in der Mitte von Berlin, zum Reichstag sind es zehn Minuten." Und in ein paar Monaten ist man in weniger als einer halben Stunde mit dem Zug am neuen Flughafen. Argumente, die für den Standort sprächen.

Der "Tour Total", die deutsche Zentrale des Erdölkonzerns Elf-Total, soll noch vor dem kommenden Sommer fertig werden.

Der "Tour Total", die deutsche Zentrale des Erdölkonzerns Elf-Total, soll noch vor dem kommenden Sommer fertig werden.© Stefan May Der "Tour Total", die deutsche Zentrale des Erdölkonzerns Elf-Total, soll noch vor dem kommenden Sommer fertig werden.© Stefan May

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Schlagwörter

Berlin, Extra, Stadtentwicklung

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Dokument erstellt am 2012-02-02 20:08:25
Letzte nderung am 2012-02-03 14:58:59



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