
Bekanntlich gilt Cristoforo Colombo, auch Christoph Kolumbus genannt, als Entdecker Amerikas, obwohl er nicht der erste Europäer war, der den neuen Kontinent erreicht hatte. Am 12. Oktober 1492 betrat er die Bahamas. Dieser ersten Reise zum vermeintlichen Indien über die Westpassage folgten noch drei weitere. Eigentlich müsste der Kontinent also "Kolumbia" oder so ähnlich heißen. Die Frage, warum dem nicht so ist, führt zu Amerigo Vespucci, geboren am 9. März 1452 (oder 1454), gestorben am 22. Februar 1512.
Vespucci hatte mehr Glück und vor allem ein besseres Gefühl für Marketing als Kolumbus. Auch er unternahm unter spanischer und portugiesischer Flagge Expeditionen gegen Westen - mindestens zwei gelten als gesichert - und erreichte beide Male das südamerikanische Festland.
Im Unterschied zu Kolumbus veröffentlichte er nach seinen Reisen diverse Texte, darunter 1502 den kurzen Reisebericht "Mundus Novus", den er an Lorenzo di Pierfrancesco de Medici in seiner florentinischen Heimat sandte. Der detaillierte, in einfachen Worten abgefasste Bericht über die Lebensgewohnheiten der Einheimischen stieß auf reges Interesse und wurde sehr bald vom Italienischen ins Lateinische, Französische und in andere Sprachen übersetzt. Außerdem vermerkte Vespucci seine Neuentdeckung auf Landkarten, die ebenfalls pu-bliziert wurden.
Das neue Weltbild
Eine französische Übersetzung des "Mundus Novus" erreichte auf verschlungenen Wegen Saint-Dié-des-Vosges. Das ist heute ein kleines, eher verschlafenes Städtchen mit rund zwanzigtausend Einwohnern, knappe 100 Kilometer südwestlich von Straßburg. In der Renaissance sah die Sache allerdings anders aus: René II. von Lothringen wählte die Stadt zu seinem Stammsitz, förderte Kunst, Kultur und vor allem das Unterrichtswesen, das durch das örtliche Kloster organisiert wurde. Zahlreiche Persönlichkeiten des Humanismus unterrichteten in der Stadt, darunter Martin Waldseemüller, ein Geograph und Kartograph, und Matthias Ringmann, ein Philologe. Diese beiden arbeiteten gerade an einer Neuausgabe der geographischen Schriften des griechischen Gelehrten Claudius Ptolemäus.
Da kam Vespuccis Schrift aus Italien gerade recht, um das geographische Weltbild aktuell upzudaten. Die Idee, das beschriebene neue Land nach Amerigo Vespucci als "Amerika" zu bezeichnen, stammte von Waldseemüller, dem kleinen Geographen aus dem kleinen Saint-Dié. Auch auf einer von ihm erstellten Weltkarte ist das neue Land mit seiner dieser Bezeichnung vermerkt und wurde unter diesem Namen zum allgemeinen Sprachgebrauch.
Wer aber war dieser Amerigo Vespucci, dessen Vorname durch glückliche Fügungen so bekannt wurde? Er wurde in Florenz geboren in einer Zeit, als die Medici im Zenit ihrer Macht standen und Künstler wie Brunelleschi, Fra Angelico, Donatello am Höhepunkt der Renaissance ihre größten Kunstwerke schufen. Das damals rund vierzigtausend Einwohner zählende Florenz galt als Stadt, in der es lebenswichtig war, gute Beziehungen zum Herrscherhaus zu unterhalten. Genau das fehlte der Familie Vespucci. Die weitverzweigte Familie war zwar angesehen, kämpfte sich aber mit Woll- und Seidenproduktion, einem der wichtigsten Geschäftszweige in Florenz, so durch. Hin und wieder gelang es dem jungen Amerigo, einen fürstlichen Auftrag zu ergattern, zum Beispiel war er einige Zeit als Schuldeneintreiber für das Haus Medici unterwegs. Allzu einträglich dürfte dieser Job jedoch nicht gewesen sein, sodass er auch als Überbringer von intimen Botschaften von höhergestellten Personen an verschiedene Damen unterschiedlichsten Rufes tätig gewesen sein soll - böse Zungen behaupten, er hätte sogar Kupplerdienste geleistet.
Wie dem auch gewesen sein mag - eine allzu rosige Zukunft bot Florenz dem jungen Amerigo und seinen Brüdern nicht. Der Entschluss, ins Ausland zu gehen, war daher eine logische Konsequenz: Ein Bruder ging nach Ungarn an den Hof des Königs Corvinius; Amerigo entschied sich für Sevilla, eine Stadt von ähnlicher Größe wie Florenz und ein wichtiger Handelsort für die agrarischen Produkte des Hinterlandes, wie Olivenöl und Wolle. Ob hinter der Übersiedlung ein Auftrag von einem Mitglied der Herrscherfamilie steckte oder ob es Abenteuerlust war, die ihn zu eigenen Geschäften trieb, lässt sich nicht genau nachvollziehen.
Eine schlechte Wahl war Sevilla jedoch keinesfalls: Die Stadt erlebte damals mit der Seidenproduktion und dem Handel mit landwirtschaftlichen Gütern einen enormen Wirtschaftsboom, mehrere Dutzend Florentiner und andere Italiener waren zu Geschäftszwecken ebenfalls schon dort - darunter ein gewisser Gianotto Berardi, Geschäftsmann und Vertrauter von Lorenzo di Pierfrancesco de Medici, und ein Abenteurer namens Cristoforo Colombo, der gute Beziehungen zu Bankhäusern unterhielt.
Als Vespucci Ende 1491 oder Anfang 1492 in Sevilla ankam, hielt er sich zunächst einmal an Berardi, der alles unternahm, um Kolumbus bei seiner wahnwitzigen Idee, einen Seeweg nach Indien zu finden, finanziell zu unterstützen. Die Dinge liefen gut für Vespucci: Da es in Sevilla nicht die streng hierarchische Gesellschaftsschichtung wie in Florenz gab, fand er schnell eine Frau, die er heiratete.
J. G. Fichte, porträtiert von Friedrich Bury.© Wikimedia commons J. G. Fichte, porträtiert von Friedrich Bury.© Wikimedia commons Die Philosophie des...weiter