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  • Artikel vom 17.02.2012, 14:30 Uhr

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Update: 17.02.2012, 14:37 Uhr
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Für Veteranen der US-Army mit einer posttraumatischen Belastungsstörung gibt es eine ungewöhnliche Hilfe: Hunde helfen den Rückkehrern bei der Heilung ihres Traumas.

Vierbeinige Therapeuten


Von Nicola Meier

Abelardo Rosas kam schwer traumatisiert aus Afghanistan und dem Irak zurück. Die Beschäftigung mit dem Golden Retriever Vegas gab ihm neuen Lebensmut. - © Kathrin Harms, Zeitenspiegel

Abelardo Rosas kam schwer traumatisiert aus Afghanistan und dem Irak zurück. Die Beschäftigung mit dem Golden Retriever Vegas gab ihm neuen Lebensmut. © Kathrin Harms, Zeitenspiegel

Am Strand von San Diego klatschen die Wellen ans Ufer. Eine Bucht mit Palmen, die Sonne scheint, ein paar Surfer reiten ihre Wellen. In der Brandung wirft ein junger Mann Bälle für seinen Hund. Immer wieder springt der Hund in die Gischt und kommt mit dem Ball im Maul zurückgejagt. Der Mann läuft ihm entgegen, barfuß, in Shorts und Shirt. Der Hund sieht glücklich aus. Der Mann, er heißt Abelardo Rosas, auch.

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"Am Meer denke ich an nichts", sagt Rosas. Es sind die Momente am Strand, in denen er frei ist, in denen die dunklen Gedanken verschwinden, zumindest für kurze Zeit. Abelardo Rosas ist 29 Jahre alt und hat den Krieg überlebt. Dass er ihn überlebt hat, hat ihn fast umgebracht.

Rosas hat eine posttraumatische Belastungsstörung, kurz PTBS. Die Symptome: Schlaflosigkeit, Panikattacken, Flashbacks, Depressionen, Selbstmordgedanken. Bis zu 20 Prozent der US-Soldaten kommen nach offiziellen Angaben traumatisiert aus Afghanistan und dem Irak zurück. Die wirkliche Zahl könnte noch viel höher sein.

Mit verschiedenen Therapien wird versucht, den Kriegsheimkehrern zu helfen. Neue Programme setzen dabei auf ungewöhnliche Unterstützung: Hunde sollen den Soldaten helfen, über ihre psychischen Traumata hinwegzukommen. Rosas sagt, ihn habe sein Hund gerettet.

Abelardo Rosas, aufgewachsen in Texas, tritt dem Marine Corps nach der High School bei. Zwei Jahre später fliegen Terroristen mit Flugzeugen in die Türme des World Trade Center und ins Pentagon. Im Oktober 2001 fallen die ersten Bomben auf Afghanistan. In der US-Armee zu sein heißt jetzt, im Krieg zu sein.

Schäden des Krieges
Der Hauptgefreite Rosas zieht noch im selben Monat in diesen Krieg: zweieinhalb Monate Kabul, er ist damals 19 Jahre alt. Der nächste Einsatz folgt 2004, sechs Monate Afghanistan und Irak. Dann kommt der Einsatz, der alles ändern wird. Im Herbst 2005 wird er nach Falludscha geschickt, einer Hochburg sunnitischer Rebellen im Irak. Insgesamt 13 Mal wird Rosas’ Truppe in sechseinhalb Monaten angegriffen, zwei Mal wird es eng für ihn.

Das erste Mal kommt er im Helikopter wieder zu sich. Ein Sprengsatz war explodiert, sieben Minuten war er bewusstlos, musste wiederbelebt werden. Innerhalb von zwei Tagen ist Rosas zurück im Dienst. Drei Monate später wird er schwer verletzt. Die übliche Patrouille, Rosas und ein Freund blödeln über einen Kinofilm, als eine Straßenbombe explodiert. Mit dem Gesicht auf der Erde wacht Rosas wieder auf, er kann nichts hören. Er heult, schreit um Hilfe. Im Körper stecken Granatsplitter. Er kommt rechtzeitig ins Krankenhaus, überlebt ein zweites Mal.

Heute, fast fünf Jahre später, sitzt Rosas in San Diego auf dem Sofa in seinem Wohnzimmer und erzählt das alles mit leiser Stimme und gesenktem Blick. Datum, Uhrzeit, die Details, an die er sich erinnert. Nüchtern, wie man etwas erzählt, das einen selbst nicht betrifft. Oder wie man etwas erzählt, das einen zu sehr betrifft. Das nur auszuhalten ist, wenn man es so erzählt, als ginge es um jemand anderen.

Es gibt noch einen Angriff im Irak, von dem Rosas erzählt. Einen, bei dem er nicht verletzt wird, der ihn aber bis heute verfolgt. "Damit hat alles angefangen", sagt Rosas. Er sitzt seit Stunden im Truck, hat Dienst an der Bordwaffe. Sein Sergeant sagt, er soll kurz Pause machen, er würde für ihn übernehmen. Rosas geht zur Toilette, raucht eine, steigt wieder ein. Einen Augenblick später explodiert eine Bombe. Der Sergeant stirbt vor seinen Augen. Es war mein Platz, denkt Rosas. Mein Platz, mein Platz, mein Platz.

Als er im April 2006 nach Hause kommt, bekommt er zwei "Purple Hearts", jene militärischen Orden, mit denen die USA ihre Soldaten auszeichnen, die im Einsatz durch den Gegner verletzt werden. Aber Rosas fühlt keine Ehre, keinen Stolz. Er fühlt nur Schuld, am Leben zu sein. Er kann nicht mehr schlafen, es frisst ihn auf. Er fängt an zu trinken, um sich zu betäuben. Trinkt immer mehr, nur damit es aufhört. Aber es hört nicht auf.

Er fährt betrunken Auto und wird erwischt. Man schickt ihn zum Arzt, der diagnostiziert sofort: posttraumatische Belastungsstörung. "Ich wollte es nicht wahrhaben", sagt Rosas. "Es ist ein Stigma beim Militär, noch immer sagen viele, es treffe nur die schwachen Männer. Und du willst eben nicht schwach sein." Ein Freund von Rosas, auch er mit PTBS diagnostiziert, sagt seinem Vorgesetzten, er könne nicht weiter eingesetzt werden. Der Vorgesetzte beschimpft ihn als Feigling. Rosas hört es mit an.

Als Rosas gefragt wird, ob alles okay sei, sagt er: ja. Das Papier mit der Diagnose hat er weggeworfen. Er kehrt zurück in den Irak. Redet sich ein, dass es schon gehen wird. Es wird sein letzter Einsatz.

Als er zurückkommt, schottet er sich immer mehr ab. Die Beziehung zu seiner Freundin Claudia, in die er sich vor seinem letzten Einsatz verliebt hat, bröckelt. "Er war so weit weg", sagt sie, "und er trank viel zu viel." Irgendwann haben sie keinen Kontakt mehr. Rosas trinkt und trinkt.




Schlagwörter

USA, Extra, Kriegstrauma

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2012
Dokument erstellt am 2012-02-17 10:53:08
Letzte Änderung am 2012-02-17 14:37:57


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