20. Februar 1962: Zehnmal hat die NASA den Start ihrer dritten bemannten Mercury-Kapsel schon verschoben. Für die Sowjetunion schafften im Jahr zuvor zwei Männer den Aufstieg in den Orbit: Juri Gagarin und German Titow. Die USA haben bloß zwei ballistische Missionen von je einer Viertelstunde Dauer unternommen: Sie schossen die Astronauten Alan Shepard und Virgil Grissom in die Höhe und ließen sie sofort wieder aus dem All herunter stürzen.
Jetzt aber will man zur "roten Konkurrenz" aufschließen und ebenfalls den Sprung in eine wirkliche Erdumlaufbahn wagen. Jetpilot John Glenn, geboren am 18. Juli 1921 in Ohio, steckt zunächst den linken Fuß in sein Raumschiff. Dann quetscht er, nach und nach, den ganzen Körper unter der Instrumententafel durch. Schließlich kommt er mit angewinkelten Beinen im Schalensitz zu liegen, am Boden des höchstens 1,9 Meter breiten, kegelförmigen Gefährts. Sein Helm berührt fast die Wand. Die Mercury-Kapsel kennt keinen externen Versorgungsteil. Tanks und Batterien müssen direkt in der Pilotenkabine Platz finden. Man fliegt diese Maschine nicht, witzeln die US-Astronauten, "man zieht sie an".
Unter Glenns Rücken ragt eine modifizierte Atlas-Rakete 20 Meter hoch auf. Sie wurde von der US-Luftwaffe eigentlich zum Transport todbringender Atomsprengköpfe entwickelt. Kurz bevor ihre fünf Triebwerke losdonnern, ruft man noch "Viel Glück, John Glenn!" ins Mikrofon. Dann stürmt die Atlas Richtung Himmel. Der Passagier wird mit dem sechsfachen Körpergewicht in den Sitz gedrückt.
Fünf Minuten nach dem Abheben ist es plötzlich still. Mit dem Brennschluss der Triebwerke fällt auch sämtliche Last von Glenn ab, er wird schwerelos. Die Erdumlaufbahn ist erreicht - und damit das eigentliche Ziel des Mercury-Programms. "Dieser Blick ist überwältigend!", berichtet John, als weiße Wolken rund 200 Kilometer unter ihm im Sonnenlicht "baden". Über Nordafrika macht er Staubstürme aus und den Rauch von Buschbränden. Über dem Indischen Ozean fällt die grellweiße Sonne wie im Zeitraffer unter den Westhorizont: Die anschließende, kurze Dämmerung gerät zum "wundervollen Schauspiel in sehr lebhaften Farben": unten orange, dann rot und purpur, oben hell- und dunkelblau. Darüber erstreckt sich der schwarze Weltraum. Jenseits der Erdatmosphäre haben die Sterne zu funkeln vergessen.
Noch gibt es keine direkte Verbindung zur Flugkontrolle. Da Glenn mit 28.000 km/h unterwegs ist, reißt sein Kontakt nach spätestens acht Minuten wieder ab. Dann muss er sich bei der nächsten Bodenstation anmelden. Die leitet sämtliche Daten per Fernschreiber in die USA weiter. Immer wieder gibt John den Status der Treibstoff- und Sauerstofftanks durch, auch den Ladezustand der Batterien. Dazwischen misst er seinen Blutdruck, absolviert Sehtests, schüttelt den Kopf und schildert sein Befinden. Es bleibt, diversen Befürchtungen zum Trotz, hervorragend.

Ein recht kurzfristig anberaumtes Telefonat mit Präsident Kennedy wird wieder abgesagt. In der Flugleitung herrscht helle Aufregung. Wie ein Funksignal anzeigt, hätte sich der Hitzeschild am stumpfen Ende der Kapsel gelockert. Wenn das stimmt, könnte er beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre wegbrechen. Glenn würde verglühen. Man fragt den Piloten geheimnisvoll, ob er vielleicht ein "klopfendes Geräusch" oder "irgendetwas herumschlagen" hört. Er verneint.
Drei Metallbänder halten den Bremsraketensatz über dem Hitzeschild fest. Die kleinen Raketen müssen nach getaner Arbeit eigentlich abgesprengt werden, damit ja nichts den Schutz verdeckt. Jetzt überlegt man aber, Raketen und Bänder am Platz zu belassen; sie sollen den Schild fixieren. Doch niemand weiß, ob dieser Trick den Hitzeschutz nicht erst recht gefährdet.
Falscher Alarm
Glenn macht sich ob der seltsamen Fragen Gedanken. Wirklich informiert wird er erst in den letzten Flugminuten. Kurz vor Ende der dritten Erdumkreisung zündet er die Bremsraketen. Sie feuern im Abstand von jeweils fünf Sekunden los. Um 550 km/h verlangsamt, taucht seine Mercury in die Atmosphäre ein. Die Luft sorgt für weitere Abbremsung, erhitzt sich dabei allerdings auf 5300 Grad Celsius. In der Mitte einer roten Feuerkugel reitet Glenn über Texas. Trümmer schießen an seinem Fenster vorbei. Wie er mutmaßt, sind das schon Teile des Hitzeschilds! Er wartet darauf, die todbringende Glut zunächst am Rücken zu spüren. Doch er hat zum Glück nur abgeschmolzene Fragmente der Bremsraketen gesehen; der Schutzschild selbst hält. Das böse Signal entpuppt sich als Fehlalarm. Nach fast fünfstündigem Flug plumpst die Mercury wohlbehalten in den Atlantik.
Nach den Paraden in New York und Washington diniert Glenn mit der Präsidentenfamilie. Er erhält hunderttausende Glückwunschtelegramme und Briefe. Die US-Amerikaner identifizieren sich mit ihrem Helden.
Schon am 24. Mai wiederholt der 37-jährige Malcolm Scott Carpenter den erfolgreichen Orbitalflug Glenns. Auch er bewundert die Erde durch Fenster und Sehrohr: Stets sei das Blickfeld "mit Schönheit ausgefüllt", schwärmt er. Alles flöße ihm Ehrfurcht ein. Durch Wolkenlücken erspäht er Seen und Flüsse. Allerdings muss Carpenter auch eine lange Liste von Experimenten abarbeiten. Er untersucht das Verhalten von Flüssigkeiten in der Schwerelosigkeit, misst den Glanz der Sonne und heller Fixsterne und schießt Fotos von der Erdoberfläche.

J. G. Fichte, porträtiert von Friedrich Bury.© Wikimedia commons J. G. Fichte, porträtiert von Friedrich Bury.© Wikimedia commons Die Philosophie des...weiter