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  • Artikel vom 24.02.2012, 14:35 Uhr

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Update: 24.02.2012, 14:44 Uhr
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In Gambia, dem kleinsten Land Afrikas, herrschen Willkür - und Langzeitpräsident Jammeh, der auch als obskurer Wunderheiler tätig ist.

Die Ritter der Erdnuss


Von Günter Spreitzhofer

"Arch 22", ein zweistöckiger Triumphbogen in der Hauptstadt Banjul.

"Arch 22", ein zweistöckiger Triumphbogen in der Hauptstadt Banjul.© Spreitzhofer "Arch 22", ein zweistöckiger Triumphbogen in der Hauptstadt Banjul.© Spreitzhofer

Seiner Exzellenz Präsident Scheich Professor Doktor Al-Haji Yahya A.J.J. Jammeh geht es nach seinem überlegenen Wahlsieg Ende November 2011 prächtig. Als Staatschef Gambias hat er mittlerweile seine vierte Amtszeit angetreten. "Präsident Jammeh auf Lebenszeit!", war am Tag nach der letzten Wahl auf Riesenbannern zu lesen, "für dich lohnt es sich zu sterben".

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Das droht Kritikern seiner Politik sowieso. Denn wer nicht will, was er will, findet sich rasch im Mile 2 State Prison wieder und wartet auf sein Todesurteil, wegen Verleumdung und Gefährdung der öffentlichen Sicherheit. Seit 1994 wurden 120 Minister gefeuert, Hunderte Journalisten sind geflüchtet, einige nach eingehender Befragung nie wieder aufgetaucht. Kritische Tageszeitungen wurden eingestellt. Taranga FM, dem einzigen unabhängigen Radiosender des Landes, ging es zwei Wochen vor der Wahl nicht anders.

Unblutiger Putsch
"Er ist unsere Wahl. Heute, morgen und die nächste Million Jahre", wird skandiert. Das wird er wohl nicht schaffen, obwohl er erst 46 Jahre ist. Jammeh, Sohn senegalesischer Einwanderer, kam im Alter von 19 in die 800 Mann starke gambische Armee und wurde als Offizier in den USA ausgebildet. 1994, zehn Jahre später, forderten er und befreundete Militärpolizisten ausstehende Soldzahlungen ein und nutzten die Gelegenheit gleich für einen unblutigen Putsch gegen den demokratisch gewählten Altpräsidenten, Sir Dawda Kairaba Jawara, dem die US-Kriegsmarine einen standesgemäßen Abgang nach Senegal ermöglichte.

Der frühere Lieutenant Jammeh war somit das jüngste Staatsoberhaupt der Welt und ist heute Präsident, Regierungschef und oberster General in Personalunion. Damit er den Überblick über sich, seine Titel und sein Volk behält, hat er sich 1996 ein Wahrzeichen bauen lassen: den Arch 22, einen zweistöckigen Triumphbogen mit Museum und goldener Statue davor, zur Erinnerung an den Tag der Revolution (22. Juli 1994). Es ist das höchste Gebäude in der Hauptstadt Banjul, wo nur rund 40.000 Menschen leben. Die asphaltierte Durchfahrt darunter, eigentlich die Hauptstraße westwärts nach Bakau und zu den anderen Küstenorten, darf nur Jammeh selbst benutzen; für das Volk bleibt die Umfahrung auf staubigen Nebenstraßen.

Seine Exzellenz hat Freunde auf der ganzen Welt, die einander auf Jammehs Geburtstagsparty allerdings nur schwer ertragen würden. "Alles Gute zum Geburtstag, Mister Präsident", lacht ihm auf wetterfesten Plastikbannern landesweit ganzjährig entgegen. Neben den USA werden Kuba, Nigeria und vor allem Taiwan hofiert, das für diverse Prestigeprojekte scheinbar mehr Geld springen lässt als die VR China, die bis 1994 einen Großteil der Entwicklungshilfe geleistet hat.

Und Entwicklung braucht Gambia dringend. Den öffentlichen Verkehr besorgen klapprige Buschtaxis, da es weder ein staatliches noch ein privates Busnetz gibt. Die meisten Straßen ins Hinterland sind staubige Pisten voller Schlaglöcher, die Taiwan notdürftig instand setzt. Ampeln haben sich als ernstzunehmendes Verkehrssignal noch nicht wirklich durchgesetzt: 2009 gab es im ganzen Land nur sechs davon. Das ist geringfügig mehr als die durchschnittliche Kinderzahl im kleinsten Staat Afrikas, wo 1,8 Millionen Menschen unterschiedlichster Ethnien auf der Fläche Oberösterreichs leben - rund 500 km lang und höchstens 50 km breit, entlang des Gambia-Flusses, gänzlich umringt von Senegal, dem zwanzigmal größeren frankophonen Big Brother, mit dem die gemeinsame Konföderation Senegambia 1989 aufgelöst wurde.

Auf dem Gambia-Fluss, der Lebensader des Landes, wurde nach dem Untergang der Lady Chilel Jawara 1984 stromaufwärts jeder Linienverkehr eingestellt, von Wasserkraftwerken ganz zu schweigen. Dicht besiedelt ist nur der Küstenstreifen rund um Banjul, das frühere Bathurst. Die Energieversorgung ist lückenhaft: nur jede vierte Wohneinheit ist an das staatliche Stromnetz angeschlossen, und 80 Prozent der Staatsausgaben dienen dem Kauf von Öl für die Generatoren des Landes, die ab Sonnenuntergang zumindest Licht und manchmal auch Fernsehen in die gambischen Abende bringen: Die Primetime bestimmen Musikvideos, meist unterbrochen von politischen Belangsendungen ohne Belang.

Die Weltöffentlichkeit weiß wenig über den länglichen Zwergstaat, der so gerne ein Tourismusland sein möchte, weil man auf Erdnüssen heute keine Volkswirtschaft mehr aufbauen kann, wie das zu Kolonialzeiten noch möglich schien. Die sind freilich seit 1965 vorbei, doch immer noch gedeihen auf jedem zweiten Feld im Land Erdnüsse, die 78 Prozent sämtlicher Exporterlöse einbringen. Davon lässt sich zwar genügsam leben, doch haben es viele der Jungen satt. Das Durchschnittsalter liegt bei 17,7 Jahren.

Mitte der 1960er Jahre begann ein schwedisches Reisebüro, Pauschalreisen nach Gambia anzubieten. Bis 1989 stieg die Anzahl der Hotelbetten von 52 auf 4500. Gambia galt als touristischer Rohdiamant, dem nur der letzte Schliff fehlte, um den Strandhotels der senegalesischen Petite Côte Konkurrenz machen zu können.

Wahlpropaganda für Gambias Langzeitpräsidenten.

Wahlpropaganda für Gambias Langzeitpräsidenten.© Spreitzhofer Wahlpropaganda für Gambias Langzeitpräsidenten.© Spreitzhofer




Schlagwörter

Afrika, Gambia, Extra

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2012
Dokument erstellt am 2012-02-24 10:50:14
Letzte Änderung am 2012-02-24 14:44:24


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