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  • Artikel vom 24.02.2012, 14:40 Uhr

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Update: 24.02.2012, 14:44 Uhr
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Die großen Werke der europäischen Kunsttradition dienen zwar nicht unbedingt der Aufklärung, aber sie tragen wesentlich zur Ermutigung und zum Trost in schweren Zeiten bei.

Plädoyer fürs Imaginäre


Von Hermann Schlösser

Mit dem "Geist der Zauberflöte" das "Scheußliche besiegen": das war Klaus Manns Beschwörung der Kraft der Kunst 1941, um gegen Hitler, den "Schandbuben", bestehen zu könnnen. Hier eine "Zauberflöten"-Szene aus dem Jahr 2008 bei den Salzburger Festspielen, mit Markus Werba als Papageno und Genia Kuehmeier als Pamina. - Foto: apa/F. Neumayr

Mit dem "Geist der Zauberflöte" das "Scheußliche besiegen": das war Klaus Manns Beschwörung der Kraft der Kunst 1941, um gegen Hitler, den "Schandbuben", bestehen zu könnnen... Foto: apa/F. Neumayr

Am Abend des 12. Dezember 1941 fand in der Metropolitan Opera in New York eine Aufführung von Mozarts "Zauberflöte" statt. Sie wurde geleitet von Bruno Walter, einem jener prominenten europäischen Emigranten, die das Kulturleben der USA immens bereichert haben. Auch im Publikum saß an diesem Abend (mindestens) ein Emigrant, nämlich der Romancier und politische Publizist Klaus Mann.

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Magie und Vernunft
Er kannte Bruno Walter schon aus seinen Münchener Kindertagen, weil der Dirigent ein enger Freund seines Vaters, Thomas Mann, gewesen ist. Und so schrieb der begeisterte Schriftsteller dem Musiker nach der Aufführung einen Glückwunsch-Brief, in dem er unter anderem darauf hinwies, dass sich der Opernabend an einem geschichtlich bedeutsamen Zeitpunkt ereignet hatte.

Am 11. Dezember, also einen Tag früher, hatte Hitler-Deutschland den USA den Krieg erklärt und damit - wie Klaus Mann als sicher voraussetzte - sein Ende eingeleitet. Dieser kommende Sieg über den Unrechtsstaat kündigte sich für Klaus Mann in Mozarts Musik an: "Es war schön und sinnreich, diese meisterhafte Aufführung gerade an dem Tag mitzuerleben, der den Untergang des Schandbuben besiegelte. Es ist der Geist der Zauberflöte, kombiniert aus Magie und Vernunft, in dessen Zeichen wir das Scheußliche besiegen müssen."

Diese Beschwörung des "Zauberflöten"-Ethos gegen Hitler, den "Schandbuben", sollte man nicht als wohlfeile Phrase missverstehen. Klaus Mann deutet das Zusammentreffen des Kriegseintritts der USA mit der Opernaufführung als bedeutsames Symbol. Mittlerweile ist Mozarts Freimaurerspiel, "kombiniert aus Magie und Vernunft", ja bei manchen kulturkritisch gestimmten Geistern als frauenfeindliches Männerbund-Machwerk in Verruf geraten, weil der pseudo-edle Herrenmensch Sarastro die matriarchale Königin der Nacht entmachtet und auf den Resten ihres Reiches seine Priesterherrschaft errichtet.

Information

Literatur:

Klaus Mann: Briefe und Antworten. Hrsg. von Martin Gregor-Dellin, Spangenberg Verlag, München 1976.
Patrick Leigh Fermor: Die Zeit der Gaben. Zu Fuß nach Konstantinopel: Von Hoek van Holland an die mittlere Donau. Der Reise erster Teil. Aus dem Englischen von Manfred Allié. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2007.
Sandor Márai: Literat und Europäer. Tagebücher 1. Aus dem Ungarischen von Akos Doma. Piper Verlag, München 2009.

Was auch immer diese Lesart für sich haben mag - einen Enthusiasten wie Klaus Mann hätte sie nicht interessiert. Er bezog aus Mozarts Oper keine Informationen übers Mutterrecht, sondern Ermutigung für sein schwieriges Leben. Nicht zuletzt, weil es eine große Kunst gab, die es zu verteidigen galt, haben ästhetisch empfindsame Intellektuelle wie Klaus Mann die Kraft gefunden, den Kampf gegen ein verbrecherisches Regime aufzunehmen. Das braucht auch im heutigen Rückblick nicht durch kulturwissenschaftliche Bedenklichkeiten relativiert zu werden.

Schön und sinnreich
Selbstverständlich war der älteste Sohn Thomas Manns "gebildet" im traditionellen Sinne des Wortes, d.h. sein Denken war durch Lektüren, Theaterbesuche und andere vielfältige Erfahrungen mit der Kunst geprägt. Deshalb lag es ihm nahe, weltpolitische Ereignisse mit ästhetischen Eindrücken "schön und sinnreich" zu verknüpfen. Und weil er tatsächlich sehr stark im Gelesenen lebte, schickte er dem Dirigenten Bruno Walter "aus Dankbarkeit" noch ein kleines Gedicht mit, das er auswendig konnte. Es stammt von dem deutschen Romantiker Friedrich Freiherr von Hardenberg, genannt Novalis, und lautet:

"Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren / Sind Schlüssel aller Kreaturen / Wenn die, so singen oder küssen, / Mehr als die Tiefgelehrten wissen, / Wenn sich die Welt ins freie Leben / Und in die Welt wird zurückbegeben; / Wenn dann sich wieder Licht und Schatten / Zu echter Klarheit werden gatten, / Und man in Märchen und Gedichten / Erkennt die wahren Weltgeschichten, / Dann fliegt vor einem geheimen Wort / Das ganze verkehrte Wesen fort."

Es ist keine Kunst, diese Verse als anti-aufklärerische Programmschrift zu denunzieren: Das mathematisch-naturwissenschaftliche Denken in "Zahlen und Figuren" wird abgelehnt, das Wissen der Gelehrten relativiert. Der Vorgang, in dessen Verlauf sich die Welt "in die Welt zurückbegeben" soll, dürfte mit wissenschaftlichen Methoden kaum zu begreifen sein. Und die "echte Klarheit", die in Aussicht gestellt wird, ist - nach Regeln der rationalen Diskursgesellschaft betrachtet - ausgesprochen unklar. Das ist alles unbestreitbar richtig. Aber ist es nicht dennoch einleuchtend, dass ein feinfühliger Mensch in bestimmten Stimmungen seine Freude an einem Gedicht haben kann, das erklärtermaßen auf der Seite derer steht, die singen oder küssen?

Klaus Mann ließ es übrigens mit Opernbesuchen und romantischen Gedicht-Zitaten nicht bewenden. 1942 wurde er amerikanischer Staatsbürger, meldete sich freiwillig in die US-Army, und nahm als Soldat an der amerikanischen Invasion in Italien teil.

Lateinschüler unter sich
Und damit zu einer anderen Episode, die sich ebenfalls während des Zweiten Weltkriegs ereignete. Der britische Reiseschriftsteller Sir Patrick Leigh Fermor berichtet sie in seinem Memoirenband "Die Zeit der Gaben": Fermor war als Major der britischen Armee auf Kreta eingesetzt, und einmal ist es ihm gelungen, zusammen mit kretischen "Guerillas" einen deutschen General gefangen zu nehmen und ins Gebirge zu entführen. Fermor berichtet nicht, wie dieses Heldenstück ausging, denn ihn interessiert daran nur ein einziger Moment, in dem alle Soldaten wie gebannt "einen wunderbaren Sonnenaufgang über dem Kamm des Berges Ida" anschauten.




Schlagwörter

Kunst, Extra, Kunstgeschichte, Essay

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2012
Dokument erstellt am 2012-02-24 10:56:14
Letzte Änderung am 2012-02-24 14:44:47


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