• vom 16.03.2012, 14:10 Uhr

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Update: 16.03.2012, 14:25 Uhr

Alter

Gesangslehrer der Seele




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Von Hermann Schlösser

  • Die Lyriker William Butler Yeats und Gottfried Benn hatten bei allen Unterschieden eines gemeinsam: Sie waren beide dem Altwerden literarisch gewachsen.

Im Alter lässt sich manches erleben, was einem früher verschlossen war . . . - © Willy Puchner

Im Alter lässt sich manches erleben, was einem früher verschlossen war . . . © Willy Puchner

2007 wurde der Thriller "No country for old men" von Ethan und Joel Cohen mit vier Oscars ausgezeichnet. Er ging auf einen gleichnamigen Roman von Cormac McCarthy zurück. Gewiss werden viele Leser und Kinogänger der englischsprachigen Welt gewusst haben, dass dieser Titel ein Zitat aus einem berühmten Gedicht der "klassischen Moderne" ist: "Sailing to Byzantium", 1927 von William Butler Yeats geschrieben, beginnt mit dem markanten Satz: "That is no country for old men." Und damit sind die Gemeinsamkeiten zwischen dem heutigen Thriller und dem gestrigen Gedicht schon erschöpft.

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Der irische Dichter Yeats, geboren 1865, war zur Entstehungszeit des Gedichts 62 Jahre alt. Mit den Maßstäben unserer Forever-Young-Kultur gemessen, ist das nicht alt. Und doch spricht in "Sailing to Byzantium" ein zur Vergreisung Entschlossener, der sich in der Welt der Jungen und Kräftigen weder heimisch fühlt, noch fühlen will.

Aufbruch ins Reine

Information

Literatur:

William Butler Yeats: Selected Poems, Penguin Books, London 2000.

William Butler Yeats: Die Gedichte, neu übersetzt von Marcel Beyer, Mirko Bonné, Gerhard Falkner, Norbert Hummelt und Christa Schuenke. Luchterhand Verlag, München 2005.

Gottfried Benn: Sämtliche Werke, Band I: Gedichte 1, und Band VI., Prosa 4, Klett-Cotta Verlag Stuttgart 1986-2001.

Die erste der vier Gedichtstrophen beschreibt jenes Land, das nichts für alte Männer ist: Dort liegen die Jungen einander in den Armen, in den Gewässern tummeln sich die Fische, auf dem Land die Säuger und in der Luft die Vögel. Sie alle sind betört von der sinnlichen Musik ("sensual music") der Paarung und der Zeugung - aber auch des Todes, wie das Gedicht nicht zu erwähnen vergisst. Weil die Bewohner dieses Landes dem Kreatürlichen verhaftet sind, haben sie kein Verständnis für jene Denkmäler des alterslosen Geistes ("monuments of unageing intellect"), die der alte Mann nun aufsucht.

In der zweiten Strophe stellt Yeats diesen "aged man" in drastischer Anschaulichkeit als "schäbiges Ding" ("paltry thing") vor. Ist aber der Leib unansehnlich, muss die Seele lernen, in die Hände zu klatschen und zu singen. (Yeats spricht ausdrücklich von den Händen der Seele, wie auch immer man sich die vorzustellen hätte.) Als "singing school" für diese körperfernen Alterslieder bieten sich die Werke der Kunst an. "Darum", so Yeats in Norbert Hummelts Übersetzung, "hab ich mich eingeschifft und bin/ Gekommen in die heilige Stadt Byzanz." (Von diesem "ich" war vorher nicht die Rede, erst beim Aufbruch kommt es zur Sprache.)

Die dritte Strophe richtet ein Gebet an jene Weisen, die auf byzantinischen Mosaiken in "Gottes heiligem Feuer" stehen, und die der Dichter zu den Gesangslehrern seiner Seele ("singing masters of my soul") ernennt.

Die Literaturhistoriker haben herausgefunden, dass die Byzanz-Begeisterung des Dichters während eines Besuchs in Ravenna entstand, wo schöne byzantinische Kirchen auch heute noch besichtigt werden können. Dennoch hat Yeats kein Reisegedicht geschrieben, sondern mit Mitteln der Lyrik einen Aufbruch ins reine Reich der Kunst inszeniert.

Dies wird in der Schlussstrophe ausdrücklich verkündet: "So der Natur entwischt, vermeid ich ganz / Die Leibgestalt nach Vorbild der Natur, / Ich nehm sie griechisch, so wie sie der Schmied / Aus Gold gehämmert und mit Gold- email . . ."

Da selbst diese gelungene Übertragung von Norbert Hummelt der rhetorischen Eleganz des Originals nicht ganz gerecht wird, sei es hier ebenfalls zitiert: "Once out of nature I shall never take / My bodily form from any natural thing, / But such a form as Grecian goldsmiths make / Of hammered gold and gold enamelling . . ."

Grandiose Posen
William Butler Yeats ist als Erneuerer der irischen Poesie in die Geschichte eingegangen, desgleichen ist bekannt, dass er sich intensiv mit Theosophie und anderen Geheimlehren befasst hat (auch "Sailing to Byzantium" enthält eine Fülle esoterischer Anspielungen). Schließlich soll nicht verschwiegen werden, dass Yeats - wie viele Dichter seiner Zeit - von Demokratie und Massenkultur wenig gehalten hat. Wichtiger als all das ist hier jedoch, dass er imstande war, dem Altwerden ästhetische Reize abzugewinnen. Und "Sailing to Byzantium" ist ein besonders geglücktes Altersgedicht, weil hier ein Greis seine Leibesschwäche überwindet, indem er sich als Artefakt aus "Gold- email" selbst neu erschafft.

Wer das für eine grandiose Pose hält, hat das Gedicht richtig verstanden. Bis zu seinem Tod im Jahr 1939 probierte Yeats unterschiedliche literarische Posen aus. Der byzantinische Auftritt ist nur eine von vielen. In anderen Versen beklagt der Dichter zum Beispiel in theatralischem Zorn, dass er schon alt ist und andere Menschen noch nicht. Und in drei kleinen, beiläufig hingeworfen Strophen, die den schlichten Titel "A Song" tragen, behauptet Yeats ironisch, sein Körper altere langsamer als sein Herz: "Mir schien, man altert nicht so bald / Hält man sich recht in Schwung / Mit Hanteln und Florett, / So bleibt der Körper jung. / Doch dass das Herz auch alt wird, ach, / Wer hätte das gedacht?"(Übersetzung von Christa Schuenke).

Eher belustigt als erschüttert registriert Yeats dann, dass seine (in jungen Jahren wohl beträchtliche) Wirkung auf Frauen nachlässt - nicht, weil ihm die Worte zum Flirt fehlen, sondern aus Mangel an Empfindungen: Er verliebt sich nicht mehr so wie einst, weshalb er umgekehrt nicht mehr geliebt wird. Da bleibt nur die Selbstironie, die Yeats in die verblüffte Frage legt: "Wer hätte das gedacht?"

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Schlagwörter

Alter, Extra, Literatur

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Dokument erstellt am 2012-03-15 18:26:15
Letzte Änderung am 2012-03-16 14:25:51



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