• vom 30.03.2012, 14:30 Uhr

Vermessungen


Apokalypse

Sehnsucht nach Untergängen




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Von Franz M. Wuketits

  • Jedes Zeitalter hat seine Propheten, die das (baldige) Ende der Welt voraussagen. Apokalyptische Visionen üben offenbar eine starke Anziehungskraft aus. Wieso eigentlich?

Katastrophen wie das japanische Erdbeben im Jahr 2011 provozieren Untergangsphantasien. - © EPA

Katastrophen wie das japanische Erdbeben im Jahr 2011 provozieren Untergangsphantasien. © EPA

In den letzten zwanzig Jahren wurde der Weltuntergang mindestens sechsmal vorausgesagt, für 1993, 1994, 1997, 1999, 2000 und 2004; insbesondere um die Apokalypse des Jahres 2000 wetteiferten viele Endzeitapostel. Doch nichts geschah.


Wer seine Sehnsucht nach dem Weltuntergang trotzdem weiterhin stillen möchte, dem liefern seit einiger Zeit esoterische Kreise die Hoffnung auf ein Weltende am 21. Dezember dieses Jahres. Denn mit diesem Datum endet im Kalender der Maya eine Langzeitperiode. Allerdings wollten die Maya damit nicht gleich das Ende von allem festlegen. Es wird also wohl wieder nichts mit dem Untergang, die Welt wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch dieses Jahr überstehen (sogar im Falle eines Zusammenbruchs der Eurozone).

Mit der gleichen Wahrscheinlichkeit lässt sich voraussagen, dass bald andere Propheten auftreten und ein neues Datum für die Apokalypse verkünden werden. Denn es handelt sich dabei, wie Umberto Eco einmal meinte, um einen immer wiederkehrenden Traum. Oder, mit den Worten des holländischen Wissenschaftsjournalisten Maarten Keulemans: "Das Ende der Zeiten klebt an den Menschen wie ein hartnäckiger Wahn."

Information

Jüngst erschien das neue Buch von
Franz M. Wuketits: Die Boten der Nemesis.
Katastrophen und die Lust auf Weltuntergänge. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2012, 256 Seiten, 19,99 Euro.

Apokalyptische Visionen sind ständige Begleiter der Geschichte unserer Kultur und der Kulturen anderer Völker. Der menschlichen Phantasie sind anscheinend kaum Grenzen gesetzt, wenn es darum geht, Vorstellungen vom Ende der Welt zu entwickeln. Es empfiehlt sich beispielsweise die Lektüre der "Offenbarung des Johannes", der "Apokalypse" im Neuen Testament. Dort ist die Rede von den vier apokalyptischen Reitern, die mit ihren Rössern - einem weißen, einem feuerroten, einem schwarzen und einem fahlen - erscheinen und Krieg, Hunger, Pest und Verwüstungen durch Tiere (Heuschreckenplagen) über die Menschheit bringen. Die alten Skandinavier wiederum glaubten, dass sich dereinst alle Monster des Chaos, darunter eine Gift speiende Schlange und ein Riese mit einem Feuerschwert, zum Angriff gegen die Welt rüsten würden.

Der Neuanfang danach
Diese und praktisch alle anderen Endzeitmythen enthalten bemerkenswerterweise aber die Möglichkeit eines Neuanfangs. Ganz und für immer wollte man die Welt doch nie untergehen lassen. Heutzutage ist es das Genre des Katastrophenfilms, das dieselbe Botschaft vermittelt: Jedem Untergang folgt ein Neuanfang, für ein paar Menschen gibt es immer ein Happy End und sie dürfen die Welt wieder neu aufbauen.

Ungeachtet aller Endzeitmythen sind Katastrophen ständige Begleiter der Welt. In der Geschichte der Erde haben wiederholt gewaltige Katastrophen stattgefunden, die unzählige Arten von Lebewesen ausgelöscht haben. Vor fünfundsechzig Millionen Jahren kam ein Asteroid auf die Erde geflogen und löste eine Klimakatastrophe aus, die die schlimmsten der heutigen Horrorszenarien eines bevorstehenden Klimawandels bei weitem übertroffen haben muss. Ihr fielen nicht nur die Dinosaurier, sondern auch zahlreiche andere - wenngleich weniger spektakuläre - Tierarten zum Opfer.

Eine Bedrohung aus dem Weltall, ein sogenannter (außerirdischer) Impact, steht nach wie vor durchaus im Bereich des Möglichen. Es muss nicht gleich ein gewaltiger Asteroid von zehn Kilometern Durchmesser sein wie seinerzeit; schon ein kleiner Meteorit von der Größe einer Wassermelone, der in einem Biergarten einschlüge, würde dort Schlimmes anrichten (und manchem als Vorbote der Apokalypse erscheinen). Die Meteoriten-Sammlungen in verschiedenen naturhistorischen Museen sollten uns die Augen dafür öffnen, dass sich Dinge aus dem Kosmos tatsächlich immer wieder auf die Erde verirren.

Dennoch ist ein Bombardement der Erde aus dem Weltall ein seltenes Ereignis. Für jeden von uns ist die Wahrscheinlichkeit, an einer Infektionskrankheit zu sterben, von einem Auto überfahren zu werden oder in eine Schießerei zu geraten, um einiges höher als der plötzliche Tod durch einen kosmischen Steinschlag. Völlig in Sicherheit wiegen dürfen wir uns diesbezüglich auch wiederum nicht, denn in der Welt, in der wir leben, pocht auch das Unwahrscheinliche auf sein Recht.

Doch selbst dem, der von der Möglichkeit kosmischer Bedrohungen unberührt bleibt, kann nicht entgehen, dass er auf einem unruhigen Planeten lebt, der seinerseits vernichtende Kräfte entfesselt und jederzeit für (katastrophale) Überraschungen gut ist. Erdbeben, Tsunamis, Vulkanausbrüche, Dürrekatastrophen, extreme Kälte und Überflutungen sind Phänomene mit zumindest regional verheerenden Auswirkungen.

Aber es kann alles noch viel schlimmer kommen. Der Yellowstone-Vulkan unter dem gleichnamigen US-Nationalpark - Geologen ordnen ihn den "Super-Vulkanen" zu - bietet eine latente Gefahr. Sein letzter Ausbruch erfolgte vor sechshundertvierzigtausend Jahren und muss katastrophale, auf der ganzen Erde spürbare Auswirkungen gehabt haben. Falls seine nächste Eruption einige Jahrhunderttausende auf sich warten lässt, braucht er uns nicht zu beunruhigen. Doch das Dumme ist: Der "Feuerschlot" brodelt in letzter Zeit wieder etwas heftiger. Bei seinem "vollen Ausbruch" würde die Erde für einige Zeit in einen Vulkanwinter eintauchen . . .

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Dokument erstellt am 2012-03-29 18:44:22
Letzte Änderung am 2012-03-30 12:52:59



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