Gusti Wolf, die unvergessliche Kammerschauspielerin, ist am 5. Mai 2007 im Alter von 95 Jahren sanft entschlafen und wahrscheinlich "in den Himmel hinein gerollt". Diese Vermutung stammt von ihrem Kollegen, Freund und Ratgeber Michael Heltau, der einmal meinte: "Über die Gusti kann man nicht streiten. Alles an ihr ist rund. Ihre Augen sind rund. Sie hat auch sicher eine kugelrunde Seele, und sie wird einmal in den Himmel hineinrollen."
"Der Michl" war auf der Volksopernbühne jahrelang Gustis Sohn, als sie in "My fair Lady" die Mrs. Higgins spielte. Leider nur auf der Bühne, wie sie bedauerte. Ich habe die zierliche Dame (1,53 m) dort in ihrer Garderobe fotografiert, nachdem ich sie davor in ihrem Sommerdomizil zwischen Laab im Walde und Wolfsgraben besuchen durfte.
Sie war eine humorvolle, charmante Plauderin, unkompliziert, bescheiden - man hat gerne über sie, ihre Arbeit und ihr Leben geschrieben, zu runden Geburtstagen, Jubiläen, Ehrungen. Da waren so viele Anlässe, und den Kulturabteilungen sind die Orden ausgegangen, weil die Gusti schon alle hatte. 2003 hat sie den "Nestroy" für ihr Lebenswerk bekommen.
Aber dieses Leben war kein Märchen (auch wenn es so klingt), eher ein Stück realistischer Zeit- und Theatergeschichte des vorigen Jahrhunderts.
Ein "Wunschmäderl"
Gusti Wolf wurde am 11. April 1912 als "Wunschmäderl" in eine Favoritner Arbeiterfamilie hineingeboren. Als sie dreizehn Monate war, starb die Mutter. Bis zum siebenten Lebensjahr lebte sie zusammen mit einem Onkel bei der Großmutter, welche von ihr und ihren beiden Brüdern heiß geliebt worden ist. Zu fünft in Zimmer und Küche. Der Vater war im Krieg. Später sorgte eine "engelsgleiche Stiefmutter" für sie.
Gusti besuchte die Volks- und die Bürgerschule. Zu Hause wurde Dialekt gesprochen. Das Mädchen hätte gerne Englisch gelernt, was der Vater nicht erlaubte. ("Mir san einfache Leut!") Auch andere Flausen hat er ihr ausgetrieben: "Du wirst einen Mann heiraten, am besten einen Fixangestellten, einen Eisenbahner oder einen Schaffner bei der Straßenbahn".
In der Schule ist Gusti die beste "im Aufsagen" und "Zeichnen" gewesen. "Ich werd Malerin", hat sie sich gedacht, "das kost net viel". Sie hat auch mit einem Werdegang als Modistin oder Innenarchitektin spekuliert. Von der Schauspielerei wagte sie vorläufig nur zu träumen.
Durch Babysitten verdiente sie ein wenig Geld. In einer steirischen Pension wurden die Wegweiser neu gestellt. Dort machte nämlich der Maler Felix A. Harta mit seiner Familie Urlaub. Dessen Tochter Eva und Gusti wurden die besten Freundinnen. Nach dem Ende der Ferien zog die Gusti zu den Hartas, die fortan als Pflegeeltern fungierten und das Mädchen förderten. Dafür ist sie bis an ihr Lebensende dankbar gewesen.
Nun verkehrte Gusti auch in Künstlerkreisen und lernte die Theater von innen kennen. Harta malte mehrere Porträts von Gusti, eines hängt seit ihrem 85. Geburtstag in der Ehrengalerie des Burgtheaters.
Auf einer Zugfahrt lernte sie einen Eleven vom Volkstheater kennen, und es taten sich Möglichkeiten auf, ihren Traumberuf zu erlernen. Nun stand es für sie fest: Ich werde Schauspielerin!
Gusti war ein Naturtalent. Nach nur drei Stunden Unterricht bei Karl Forest holte sie sich ihre Bühnenreife in der böhmischen Provinz, in Krumau und Trübau. Bereits 1931 stand das Mädchen auf der Bühne.
1937 meldete sich der Film, nachdem sie schon 1934 eine "Filmprüfung" gemacht hatte. Sie erhielt den zweiten Preis unter zweitausend Bewerbern.
Die Juroren waren Burgschauspieler. So kam es zu Gustis erster Rolle an der Burg: Sie spielte den Prinzen von York in Shakespeares "Richard III" neben Werner Krauß in der Titelrolle. Das Stück wurde fast zwei Jahre lang gespielt.
Doch Gusti Wolf ging zunächst noch nicht fix ans Burgtheater, sondern nach Mährisch-Ostrau zum Film, an die neu eröffneten Kammerspiele in Wien, zum literarischen Kabarett "Der liebe Augustin", ans Volkstheater in München und an die Münchner Kammerspiele, wo sie ihre erste große Liebe, den Schauspieler Horst Caspar, auf der Bühne kennen lernte.
"Ich habe nie was dazu und nie was dagegen getan, wenn es um eine Rolle ging", sagte sie und schrieb es auch in ihren Memoiren. Die Gusti ist mit allem im Leben einverstanden gewesen. Zu ihrer schriftlichen Lebensbeichte musste sie allerdings erst überredet werden. ("Mein Gott, wen wirds denn schon interessieren.") Schließlich hat sie doch im Laufe von eineinhalb Jahren ihre Memoiren zu Papier gebracht. Und zwar mit zwei Fingern auf einer Schreibmaschine namens Erika.
Als sie anfing, hat sie ein Glaserl Sekt getrunken, und dann liefs, erzählte sie offenherzig. Darüber ist sie froh gewesen, wenn auch angestrengt. Immerhin war sie damals schon 88 und ist sich beim Schreiben über ihr Leben klar geworden: "So viele Zufälle, die positiv waren, so viele Menschen, die mich mochten!"