
Zwei Monde hängen am Himmel, ein großer gelber und daneben ein etwas kleinerer mit klaren Umrissen. "Er war ein wenig asymmetrisch und grünlich, wie von zartem Moos überwachsen." Einbildung? Eine optische Täuschung? Zumindest nicht für Aomame, Aerobic-Trainerin sowie Auftragskillerin in Haruki Murakamis Romantrilogie "IQ84", die zu ihrem eigenen Entsetzen dieses "verbeulte ",rätselhafte und ihr ganz und gar fremde Licht Seite an Seite mit dem guten, alten und vertrauten Mond am nächtlichen Himmel erblicken muss.
Der bizarre Anblick des Erdtrabanten-Duos steht bei dem japanischen Bestsellerautor Murakami symbolisch für eine Parallelwelt, in die seine Protagonistin plötzlich hineingerät. Paralleluniversen, auch quer durch alle Galaxien, zählen schon lange zu den beliebten dramaturgischen Mitteln.
Der Mond, dieser treue Begleiter und einzige natürliche Satellit der Erde, ist zu dieser mit "nur" rund 356.000 Kilometern Entfernung - bei besonders naher elliptischer Umlaufbahn - "auf Kuschelkurs" und damit so nah, dass sich bereits mit einem kleineren Teleskop zahlreiche Details an seiner Oberfläche erkennen lassen. Die Mondoberfläche mit ihren vielen Kratern und dunklen Tiefebenen weckt dabei Assoziationen an ein menschliches Antlitz, volkstümlich auch als Mondgesicht bezeichnet und seit Jahrzehnten vielfach besungen.
Der Mann im Mond
Wer sich an Hand der Suchbegriffe "Mond", "moon" oder "lune" durch den iTunes-Store clickt, landet früher oder später beim zutiefst melancholischen "Grapefruit Moon" der amerikanischen Grummel-Legende Tom Waits, stößt aber auch immer wieder auf Lieder, die vom Mann im Mond handeln, so zum Beispiel der Titel "My Moon My Man" der derzeit ziemlich angesagten kanadischen Sängerin Leslie Feist. Tatsächlich wäre so ein Mann im Mond, wenn es ihn denn gäbe, recht praktisch, könnte er doch mit manchen Projektionen aufräumen, die ihm im Laufe der Menschheitsgeschichte übergestülpt wurden.
Aber inwiefern eignet sich das nächtliche Gestirn in der heutigen Zeit überhaupt noch für Ängste, Hoffnungen und Vereinnahmungen jeglicher Art? Immerhin ist es inzwischen über vierzig Jahre her, dass die beiden Großmächte USA und Sowjetunion alles daran setzten, Menschen auf diese graue, staubige Kugel zu bringen.
Die Mondlandung von "Apollo 11" im Juli 1969, die der vor 100 Jahren geborene Raumfahrtpionier Wernher von Braun sogar als das bedeutendste Ereignis in der Evolutionsgeschichte bezeichnete, seitdem die ersten Lebewesen das Wasser verließen, ist aus der Perspektive des Jahres 2012 gewiss noch von herausragender Bedeutung. Doch in nicht allzu ferner Zukunft werden vermutlich nicht mehr viele wissen, wer Neil Armstrong war, und der Beruf Astronaut führt auch heutzutage schon nicht mehr die Wunschliste von kleinen Buben an, wie der Kulturhistoriker Bernd Brunner in seinem Buch "Mond. Die Geschichte einer Faszination" anmerkt.
Kosmische Visionen, wie etwa die permanente Besiedelung des Weltraums, sind Bestandteil von Utopien, wie sie in den 50er Jahren sehr beliebt waren. So befassen sich gleich zwei Bände der beliebten belgischen Abenteuercomics "Tim und Struppi" aus den Jahren 1952 und 1954, nämlich "Reiseziel Mond" und "Schritte auf dem Mond", mit diesen damals futuristischen Technologien.
In den Jahrzehnten nach der Mondlandung schien der Himmelskörper jedoch weitgehend in Vergessenheit geraten, ja, es waren vielleicht sogar Anflüge einer gewissen Mondmüdigkeit zu spüren. Das Interesse der Forscher richtete sich verstärkt auf andere Planeten, wie den Mars. Schließlich startete im vergangenen Jahr sogar das Space Shuttle Atlantis zum letzten Mal ins All, weil die bemannte Raumfahrt den USA zu kostspielig geworden ist. Dafür überraschte der US-republikanische Präsidentschaftskandidat Newt Gingrich zu Beginn des Jahres potenzielle Wähler mit einer kühnen Vision: Der Mond als 51. US-Bundesstaat!
Mit solch fast schon nostalgisch wirkenden Ideen lassen sich heutzutage freilich weder Wahlen noch Vorwahlen gewinnen. Die Versuchung, angesichts der ungewissen - und je nach Perspektive wenig rosigen - Aussichten für die menschliche Zivilisation nach einem "Ort Ausschau zu halten, an dem man sich nicht mit solchen drängenden Problemen beschäftigen muss", mag verständlich sein. Doch überraschenderweise, so Brunner, ist dieser Ausweichort "für manche noch immer der Mond, auch wenn er diese hohen Erwartungen vermutlich kaum erfüllen dürfte".
Denn bei allem technologischen Fortschritt bleibe der Mond doch lebensfeindlich mit seinen hohen Temperaturunterschieden und der fehlenden Luft zum Atmen, auch wenn Raumfahrtexperten inzwischen herausgefunden haben, dass der Mondboden offenbar doch nicht so trocken ist, wie man lange Zeit annahm. Ernsthafte utopische Zukunftshoffnungen in Sachen Mond gehören heute aber weitgehend der Vergangenheit an.