
Neulich verfluchte ich wieder einmal mein Leben. Ich versuchte, mein elektronisches Adressbuch von einem alten PC auf einen Laptop zu exportieren. (Für Experten: Das Adressbuch befand sich im E-Mail-Programm Outlook Express, das es nicht mehr gibt, und sollte nach Outlook 2003.) Prinzipiell gibt es zwei Möglichkeiten: Man googelt so lange, bis man die einzige Person auf der Welt findet, die dasselbe Problem hatte und die Lösung ins Netz stellte. Oder man tippt alle 400 Adressen und Telefonnummern mit der Hand ab.
Während ich entnervt durch Computerforen surfte und sinnlos Programme herunterlud, fiel mein Blick auf das kleine schwarze Büchlein im Regal. Zusammengehalten von einem ausgeleierten Gummiband, wirkte es auch sonst recht mitgenommen. Der Buchrücken mit schwarzem Klebeband verstärkt, jede Seite mit Tesafilm geklebt. Mein altes Adressbuch. Ich schlug eine Seite auf. Namen, Straßen, Telefonnummern, in weiser Voraussicht mit Bleistift notiert, die meisten bei M, die wenigsten bei I. Keine Einträge unter Q und X.
Unter E der Freund, den ich vor zehn Jahren aus den Augen verloren hatte. Unter N die Freundin, der ich nach acht Einträgen drohte, ich würde sie aus dem Adressbuch streichen, wenn sie noch einmal umzieht. Das kommt mir inzwischen so seltsam vor wie einen Stift zu zücken, wenn man Telefonnummern austauscht. Ich blätterte weiter. Internationale Vorwahlen, durchgestrichene Arbeitsgeber, eingeklammerte Bekannte. Mein Adressbuch, eine Chronik von Umzügen, Karrieren, Trennungen. Und wer war eigentlich "Arno der Maler"?
Abgerissenes Leben
Wäre das Kunst, würde ich die Nummer jetzt einfach anrufen. So wie es die französische Künstlerin Sophie Calle 1983 gemacht hat. Calle fand auf der Straße zufällig ein Adressbuch, rief die Leute an, die darin standen, und verwickelte sie in ein Schwätzchen. So rekonstruierte sie Stück für Stück die Identität des Besitzers. Der war Dokumentarfilmer und drohte Calle prompt, sie wegen Eingriffs in die Privatsphäre zu verklagen. Das Leben ist halt keine Konzeptkunst.
Ich selbst habe eines Tages aufgehört, mein Adressbuch zu führen, siehe Outlook Express. Es gibt keine Verbindung ins Heute, keine Nummern von neuen Nachbarn, Kindergärten, der Rheumatologin. Es ist, als sei das Leben irgendwann abgerissen.
Man muss es ja nicht so machen wie Marlene Dietrich, die in ihr winziges rotes Adressbüchlein immer wieder "mort" eintrug, tot. Aber ich hätte gerne notiert, wo der Freund, der unter A steht, einmal landen würde. Seine Frau musste ich von der gemeinsamen Anschrift radieren, als sie mit einem Amerikaner durchbrannte. Ganz abgesehen davon, dass es mir jedes Mal den letzten Nerv kostet, Adressen von einem elek-tronischen Speichermedium auf das nächste zu übertragen. Wer schon einmal versucht hat, Kontakte von einem Nokia-Handy auf ein iPhone zu laden, weiß, wovon ich spreche.
Wieviele Adressbücher werden eigentlich noch verkauft? Anfrage in Mailand. Dort sitzt die Firma Moleskine, Hersteller der schwarzen Notizbücher, die angeblich schon Hemingway, Chatwin und Picasso benutzten. Moleskine nimmt Fragen nur schriftlich entgegen, immerhin muss man sie nicht per Hand schreiben. Zahlen verrät Moleskine keine. Nur, dass die Adressbücher gerade einmal vier Prozent des Umsatzes ausmachen. Am besten verkaufe sich das kleine schwarze Notizbuch.
Vier Prozent, so wenig. Wo Adressbücher doch Interessanteres zutage bringen als so manches Tagebuch. Wien, Ringstraße. Im Rathaus führen verschlungene Gänge in die Wien-Bibliothek. Hohe Räume, steinerne Spitzbögen, knarrende Bögen, genauso muss es vor hundert Jahren ausgesehen haben. Die Wien-Bibliothek ist vollgestopft mit alten Telefonbüchern, Handelsregistern, Stadtplänen. Auch private Adressbücher gibt es, u.a. von Max Reinhardt, dem Komponisten Franz Lehár oder dem Schriftsteller Franz Theodor Csokor. In Csokors zerfleddertem Büchlein spielen sich subtile Dramen ab. Unter B wie "Bachmann Ingeborg" sind die verschiedenen Adressen der rastlosen Schriftstellerin vermerkt, die sich nirgendwo zu Hause fühlte, weder in Wien noch in Berlin, München, Zürich, Rom. Einmal ist mit Bleistift zögerlich "Max Frisch" ergänzt. Auch daraus wurde nichts.
Und erst die Beziehungsgeflechte, die sich in den Adressbüchern ausbreiten. Jeder ist mit jedem verbandelt, kein Wunder, dass die Berliner Historikerin Christine Fischer-Defoy vom "Facebook des zwanzigsten Jahrhunderts" spricht. Fischer-Defoy hat einige private Adressbücher von Prominenten durchforscht. Die 537 Kontakte von Hannah Arendt, das sauber geführte Adressbuch von Heinrich Mann, das grüne Buch von Walter Benjamin, das kleiner ist als eine Visitenkarte. Die wechselnden Adressen seiner Bekannten, die wie er ins Exil gehen mussten, kritzelte er auf Postkarten. Und erst die Bücher von Marlene Dietrich und Frida Kahlo. Liebschaften, Lippenstift-Küsse und Kunstwerke hat Fischer-Defoy darin gefunden.
Fischer-Defoy erreicht man unter ihrer E-Mail-Adresse, sie ist gerade bei ihrer Schwester in St. Pete Beach in Florida. Zu den Adressbüchern sei sie zufällig gekommen, aber dann haben sie sie nicht mehr losgelassen. Allein Marlene Dietrich, "das sinnlichste Rechercheerlebnis", wie sie es nennt. Monate saß Fischer-Defoy im Berliner Filmmuseum über Dietrichs Nachlass, blätterte durch alte Briefe, die noch nach Parfüm rochen und aus denen einmal sogar eine Haarlocke fiel. Das Adressbuch offenbarte ihr eine ganz andere Dietrich, die ihre Friseure, Beleuchter, Maskenbildner und Schneider sorgsam eintrug, zu denen sie eine liebenswürdige Freundschaft pflegte.
