• vom 27.04.2012, 14:00 Uhr

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Der Vierkanthof ist ein beliebtes Symbol der ländlichen Regionen in Nieder- und Oberösterreich, seine traditionelle Funktion als Landwirtschaftsbetrieb hat er jedoch weitgehend eingebüßt.

Auf der Suche nach Bewohnern


Von Werner Dietl, Martin Heintel und Norbert Weixlbaumer

Der Vierkanter wird gern als "vollkommenste Gehöftform der Welt" bezeichnet.

Der Vierkanter wird gern als "vollkommenste Gehöftform der Welt" bezeichnet.

Viehwirtschaft, Hühnerhaltung, Gänsewirtschaft, Schweinezucht oder doch Schweinemast? Streuobstwiesen, Obstplantagen, Ackerbau, genauer gesagt Gerste, Weizen, Mais, Hafer oder doch Raps? Vielleicht auch Zuckerrüben, Mosterzeugung, Milchprodukte - das Leben auf den Vierkantern hätte nicht mannigfaltiger sein können.

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Der Vierkanter ist ein traditionelles Bauerngehöft, das sich allmählich aus einer Haufensiedlungsstruktur entwickelt hat. Er erlebte seine Blüte vom 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts und erfüllte in ökonomischer wie sozialer Hinsicht elementare Bedürfnisse dieser Zeit. Mit der Trennung von Wohn- und Arbeitsbereichen und der Entwicklung einer individualisierenden Ökonomie steht der Vierkanter sowohl von seiner Architektur als auch hinsichtlich seiner Nutzung heute mitten in substanziellen Umbrüchen.

Die vielfach zitierte "vollkommenste Gehöftform der Welt" ist in die Jahre gekommen, und gleichzeitig entsteht der Eindruck, dass damit eine neue Aufbruchsstimmung in Nieder- und Oberösterreich - dem Hauptverbreitungsgebiet der Vierkanter - verbunden ist. Das wird in vielen Projekten und Einzelinitiativen sichtbar. Die Stadtgemeinde Haag beherbergt die meisten - nämlich 207 - Vierkanthöfe Niederösterreichs. In Verbindung mit der Veredelung der Leitprodukte der Region sowie dem Aufbau zahlreicher Marketinginitiativen rund um die Moststraße ergibt das in Summe das Bild, dass viele an einem Strang ziehen. Regionalentwicklung ist die Summe von einzelnen Ideen, die Vernetzung regionaler Akteure, die Mitwirkung an gemeinsamen Projekten und die Identität mit "etwas". Der Vierkanter ist ein sehr lebendiges leitbildstiftendes Symbol für die Region und seine Bewohner.

Innovative Ideen
Von Generation zu Generation werden materielle und ideelle Werte weitergegeben, auch wenn dies oft mit erheblichem Aufwand verbunden ist. Höfe oder Teile davon werden abgerissen und wieder neu aufgebaut, sie werden erweitert und modernisiert, aber manche verfallen auch. Schon seit Jahren versuchen deshalb motivierte Besitzer, innovative Ideen in einem so altehrwürdigen Kulturgut wie dem Vierkanter zu verwirklichen. Plötzlich finden sich Büros, Lagerplätze, Gästezimmer oder Gewerbebetriebe in den Räumlichkeiten der vormals landwirtschaftlich genutzten Bauernhöfe. Vor großen Investitionen oder radikalen Änderungen der Bewirtschaftung und Betriebsausrichtung schreckt man nicht zurück.

Viele Übergänge und Veränderungen in der letzten Zeit haben nicht nur die Kulturlandschaftsentwicklung beeinflusst, sondern auch ehemals traditionelle Wohn- und Wirtschaftsformen in Frage bzw. Vierkanthofbesitzer vor neue Herausforderungen gestellt.

Bei einem Vierkanter - so eine Bewohnerin - "gibt’s kan Anfang und ka End, alles g’hört irgendwie zamm!". Damit sind die gegenwärtigen Aufgaben und Herausforderungen rund um einen Vierkanter gut auf den Punkt gebracht. Überlieferungen besagen, dass jede Generation im Vierkanter eine Aufgabe wahrzunehmen hat: das Dach, die Fenster die Fassade, die Hofgestaltung usw. In einer globalisierten, schnelllebigen Welt ist dieser Generationenvertrag oft in Frage gestellt, Familienstrukturen und Arbeitswelten haben sich verändert, auch die Bausubstanz kommt vielfach in die Jahre.

Waren noch vor 50 Jahren Streuobstwiesen eine Selbstverständlichkeit, so sind viele von diesen heute verschwunden oder werden vielfach im Rahmen von Kultivierungsmaßnahmen neu angelegt. Auch das Wirtschaften am Hof hat sich massiv verändert. Durch die Intensivierung des Maschineneinsatzes und die Umstellung der Betriebe, durch neue Spezialisierungen und auch neue Ansprüche an das Wohnen hat der Vierkanthof viel von seinen ursprünglichen Qualitäten eingebüßt. Er muss somit neuen Rahmenbedingungen des Alltagslebens und Wirtschaftens gerecht werden.

Um diese Übergänge und Veränderungen gestalten und bewältigen zu können, bedarf es nicht nur ausreichender finanzieller Mittel zur Erhaltung und Renovierung der Bausubstanz. Es bedarf auch einer aktiven Auseinandersetzung mit der Familien- und Kulturgeschichte der Region, einer Identifikation mit einer seit Bestehen bedeutenden Hofform und der Frage, welche Nutzungen heute für einen Vierkanter relevant sein könnten.

Sozialwissenschafter kommen vermehrt zum Schluss, dass trotz zahlreicher Bemühungen um die authentische Erhaltung tradierter Bausubstanz die bäuerliche Architektur in ihrer bisher bestehenden Form nicht zu retten wäre. Alte Bauformen wie der Vierkanthof ließen sich zwar konservieren, das bäuerliche Leben jedoch wäre weitgehend verschwunden.

Wir haben es also mit einer Situation zu tun, wo das Äußere noch gewahrt ist, das Innere jedoch unwiederbringlichen Veränderungen unterworfen zu sein scheint. Hier also das beständige Bollwerk Vierkanter, dort die dräuende Leere, deren Wiederbelebung offen ist.

Ideal und Wirklichkeit
Ausgehend von seiner Blütezeit, wird der Vierkanthof durch Eigenschaften wie "demonstrative Bauernherrlichkeit" oder "vollständiges Bauernhaus" charakterisiert. Heute wird von ihm vielfach als "Problemfall" gesprochen. Die verfügbaren Stall- und Speicherräume werden im vorhandenen Ausmaß nicht mehr benötigt. Für die Unterbringung der Maschinen einer modernen Landwirtschaft sind die Räume nicht geeignet, die Durchfahrten sind zu niedrig, die Innenhofräume zu groß. Die Kosten, die Dachflächen und Fenster durch die gewaltige Baukubatur in ihrer Erhaltung verursachen, sind kaum noch aufzubringen. Dieser Befund zeigt, dass das Äußere nicht mehr zum Inneren passt.




Schlagwörter

Extra, Landleben, Vierkanthöfe

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-04-26 16:29:05


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