• vom 27.04.2012, 14:00 Uhr

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Update: 27.04.2012, 14:26 Uhr
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Die Vorstellung von der "Kreislaufwirtschaft" gibt uns das trügerische Gefühl, folgenlos verschwenden zu können. Doch gibt es eine Vielzahl von Abfällen, die sich nicht in den Produktionsprozess zurückführen lassen.

Die Grenzen des Recycling


Von Bernhard Kathan

Recycling-Industrie in China: Arbeiter sammeln verwertbares Plastik in großen Mengen. - Foto: epa/Mark

Recycling-Industrie in China: Arbeiter sammeln verwertbares Plastik in großen Mengen. Foto: epa/Mark

Nach den Demonstrationen zum Tag der Arbeit, die am 1. Mai 1972 auf dem Karl Marx-Platz im damaligen West-Berlin stattfanden, fegte Joseph Beuys, unterstützt von einem afrikanischen und einem koreanischen Studenten, jene Abfälle zusammen, welche die Demonstranten hinterlassen hatten. Der damals zusammengekehrte Müll befindet sich heute in einer etwa zwei Meter langen, von Beuys entworfenen Vitrine. Neben einem Straßenkehrerbesen ist nichts als Kehricht zu sehen, Schmutz, weggeworfene Zigarettenkippen, Dosen, Flaschen, Zeitungspapier etc.

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Abgesehen von der politischen Intention des Projektes, macht diese Vitrine deutlich, dass sich Straßenabfälle in den letzten 40 Jahren grundlegend gewandelt haben. Aludosen waren 1972 noch selten, Verpackungen aus dem Fast-Food-Bereich gab es noch nicht. Der Kunststoffanteil war wesentlich geringer.

"Wertstoffe"
Während man damals versuchte, Abfälle, insbesondere den Hausmüll, auf Deponien zum Verschwinden zu bringen, werden diese heute zu einem beträchtlichen Anteil wieder in den Produktionsprozess zurückgeführt. Statt von Abfällen sprechen wir von "Wertstoffen", aus der Mülltonne ist die "Wertstofftonne" oder "Rohstofftonne" geworden; Fahrzeuge der Müllabfuhr heißen heute "Wertstoffsammelfahrzeuge"; statt von einer Mülldeponie ist von einem "Deponiepark" die Rede. Große Mülldeponien, die bisher nicht saniert wurden, werden heute als Rohstofflager betrachtet. Probebohrungen haben ergeben, dass sich dort etwa vier Prozent Metalle finden.

Leiterplatten weggeworfener Handys oder alter Computer enthalten, wenn auch in kleinsten Mengen, Gold und andere wertvolle Edelmetalle. 41 Handys sollen etwa so viel Gold enthalten, wie sich aus einer Tonne Golderz gewinnen lässt. Recycling, also die Herstellung neuer Produkte aus Abfällen, ist in Ländern wie Österreich höchst positiv besetzt. Es sind dies gewisseraßen Auferstehungsvorstellungen in der Warenwelt. Suggeriert wird ein ständiger Wandlungsprozess, die Vorstellung einer ständigen Kreislaufbewegung, eines gleichbleibenden Prozesses der Organisa- tion und des Zerfalls.

Im neunzehnten Jahrhundert schien es der technische Fortschritt möglich zu machen, aus allen anfallenden Abfällen etwas Neues herzustellen. Abfall im eigentlichen Sinn konnte nur etwas sein, was sich am falschen Platz befand. In Otto Wendts 1863 erstmals erschienenen "Familienlexikon für das alltägliche Leben in der Stadt und auf dem Lande" findet sich einer der ersten ausführlichen Lexikon-Einträge zum Thema Abfall. Das Bevölkerungswachstum mache es nötig, jedes Produkt der Erde möglichst auszunutzen, meint Wendt und listet eine Vielzahl von aus Abfällen hergestellten Produkten auf. Die meisten der von ihm erwähnten Abfälle fielen damals im Produktionsprozess an, in großen Schlachthöfen, Textilbetrieben oder der Metallindustrie.

Bis in unsere Zeit haben viele Dinge des täglichen Gebrauchs manchmal Generationen überdauert. Sie wurden von der Mutter auf die Tochter, von dieser auf ihre Tochter, vom Vater auf den Sohn weitergegeben. So waren all diese Dinge wichtige, beredte Objekte der Tradierung, die einen nicht vergessen ließen, dass man selbst nur Besucher oder Gast auf dieser Welt ist.

Kurzlebige Güter
Wir dagegen umgeben uns mit Dingen, deren Halbwertszeit in der Regel nicht einmal ausreicht, ihre Gebrauchsanleitung zu Ende zu lesen. Wirtschaftswachstum, so es überhaupt noch möglich ist, verdankt sich zu einem wesentlichen Teil einer immer kürzeren Lebenszeit von Gebrauchsgütern. Die meisten Produkte kennen bezüglich ihrer Lebensdauer Sollbruchstellen, die ihre Entsorgung nach einer gewissen Zeit erzwingen. Man denke an Waschmaschinen oder Autos. Entspricht die vor Monaten gekaufte nicht mehr der neuesten Mode, wird man zu neuer Kleidung gezwungen. Computer sind nach kürzester Zeit nicht mehr kompatibel. Kaum haben wir uns eines dieser Geräte gekauft, werden wir daran erinnert, dass es bessere Modelle oder neuere Programme gibt.

Unlängst schenkte mir jemand im Zuge einer Haushaltsauflösung mehrere Schachteln Unterwäsche, die um 1900 gefertigt wurde. Großbürgerliche Wäsche. Beste Qualität. Zu meinem Erstaunen sehr oft geflickt, also lange Jahre getragen. Heute ist Unterwäsche wie alles, was uns umgibt, sehr kurzlebig.

War es IKEA, KIKA oder MÖBELIX? Ich kann mich jetzt nicht mehr daran erinnern. Vor der Abholrampe stehend, auf die Ausgabe eines Möbelstücks wartend, dachte ich mir, alles laufe darauf hinaus, die Möbel an der Abholrampe zu zertrümmern und in Abfall zu verwandeln, um das eben Gekaufte unmittelbar wieder in den Produktionsprozess einzufügen. Tatsächlich handelt es sich bei dem, was wir kaufen, weniger um Möbel als um Abfall, buchstäblich, werden doch Hartfaser- oder Pressspanplatten, aus denen heutige Möbel zu einem beträchtlichen Teil bestehen, aus sogenanntem "Gebrauchtholz", also aus Abfall gefertigt. Ich musste mir allerdings erklären lassen, dass es, sollte ich das Möbelstück in Trümmer schlagen, meine Aufgabe wäre, diese im städtischen Bauhof zu entsorgen. Das Ideal der Kreislaufwirtschaft ist also noch lange nicht erreicht.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-04-26 16:29:09
Letzte Änderung am 2012-04-27 14:26:30


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