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Update: 22.05.2012, 12:18 Uhr
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Zwischen Mondlicht der Romantik und Sonne der Aufklärung

Komödiant und Mythenzerstörer


Von Markus Vorzellner

  • Vor 150 Jahren starb der geniale Dramatiker und Schauspieler Johann Nepomuk Nestroy.

Johann Nestroy, Lithographie von August Prinzhofer.

Johann Nestroy, Lithographie von August Prinzhofer.© Wikimedia Johann Nestroy, Lithographie von August Prinzhofer.© Wikimedia

"Alles in der Welt ist wandelbar, und ich bin nicht da, um die Ausnahme der Weltgeschichte zu statuieren." Dieser, von keiner seiner Bühnenfiguren, sondern von Johann Nepomuk Nestroy selbst formulierte Satz vermag das künstlerische Selbstverständnis des Dichters zu umreißen. Es drückt sich auch auf der finanziellen Ebene aus ("Ich hab’ feste Grundsätz’, fest bleib ich dabei. Nur wenn ich ein Geld seh’, da änder’ ich’s glei"), doch die Intentionen des innovativen Bühnenautors überragen die des erfolgreichen Gagenverhandlers.

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Behütete Kindheit
Der am 7. Dezember 1801 in der Wiener Bräunerstraße geborene Sohn des Juristen Johann Nestroy wuchs in einigermaßen gesicherten finanziellen Verhältnissen auf. Der Großvater mütterlicherseits, als Seidenzeugmacher und Hausbesitzer mögliches Vorbild für das bekannte Wiener-Lied "Unser Vater is Hausherr und a Seidenfabrikant", konnte seiner Tochter eine finanzielle Sicherheit mit in die Ehe geben, der neben Johann Nepomuk noch drei weitere Kinder entstammten, die ein höheres Lebensalter erreichen konnten. Seine beiden letzten Schuljahre am Wiener Schottengymnasium dürften für seine spätere Laufbahn nicht ganz unerheblich gewesen sein; es ist dem Germanisten Herbert Zeman durchaus zuzustimmen, wenn er das lobende Urteil Eduard von Bauernfelds über die Qualität der Schule und ihrer Lehrer auf den ein Jahr älteren Nestroy projiziert.

Das Jus-Studium auf den Spuren des Vaters wird jedoch bald unterbrochen durch die Begeisterung für Theater und Musik. Der junge Nestroy fällt zuallererst als Sänger bei Veranstaltungen der "Gesellschaft der Musikfreunde" auf, wo er unter anderem Quartette von Franz Schubert in Anwesenheit des Komponisten singt.

Information

Nestroy-Literatur:

Hier eine Auswahl aus der Literatur der "Nestroy-Jahre" (2012 und 2001):
Peter Eschberg: Nestroy lebt! Edition Steinbauer, Wien 2012.
Renate Wagner: Der Störenfried. Johann Nepomuk Nestroy. Kremayr & Scheriau, Wien 2012.
W. Edgar Yates: Bin Dichter nur der Posse. Johann Nepomuk Nestroy. Johann Lehner Verlag, Wien 2012.
Wendelin Schmidt-Dengler: Nestroy. Die Launen des Glücks. Zsolnay Verlag, Wien 2001.
Herbert Zeman: Johann Nepomuk Nestroy. Holzhausen Verlag, Wien 2001.
Die Historisch-Kritische Nestroy-Ausgabe (HKA), in 40 Teilbänden herausgegeben von Jürgen Hein, Johann Hüttner u.a., ist bei Deuticke, Wien, erschienen.

1822 unterschreibt er als Bassist den Kontrakt mit dem Kärntnertortheater. Im Verlauf seiner Tätigkeit als Opernsänger, die ihn 1823 von Wien an das Deutsche Theater in Amsterdam und von dort zwei Jahre später nach Brünn, Pressburg und Graz führen wird, macht er sich ein Genre zu eigen: Die Oper stellt ihm ihr Potential zur Verfügung, das er in späteren Jahren als Autor und Schauspieler auf seine ureigene Art interpretieren wird.

So wirkt er 1826 in der Brünner Produktion der "Cendrillon" mit, einer damals beliebten Oper des maltesischen Komponisten Nicolas Isouard. Die Handlung entspricht der des Aschenbrödel, der auch Gioacchino Rossini mit seiner "Cenerentola" folgt. Nestroy seinerseits wird 1832 diesen Stoff für seine Posse "Nagerl und Handschuh" umarbeiten, wo die Schwestern Bella und Hyacinthe ihre Stiefschwester Rosa bis in die innerste Empfindungswelt hinein entmenschlichen: Nachdem Rosa, am Fenster stehend, ihre Begeisterung über die vorbeimarschierenden Soldaten singenderweise kundgetan hat, wird sie von Bella attackiert: "Eine Freud will sie haben, der Dienstboth, ich möcht wissen, zu was die eine Freud brauchen könnt."

Bereits in Amsterdam übernimmt Nestroy sowohl Gesangs- als auch Sprechpartien, was sich auf die Gesangsstimme nicht eben positiv auswirkt. In Brünn, sowie - ab 1826 - in Pressburg und Graz wächst der Umfang seines Sprechstückrepertoires, speziell im komischen Fach, wohingegen seine Opernpartien einen zunehmend kleineren Raum einnehmen. Demzufolge fasst Nes-troy Ende der 1820er Jahre den Entschluss, nur noch als Schauspieler tätig sein zu wollen.

Den entscheidenden Schritt jedoch stellt der 1831 abgeschlossene Vertrag mit dem Direktor des Theaters an der Wien, Carl Carl, dar. Dort konnte Nestroy, wie später auch im Leopoldstädter Theater, das Carl 1838 kaufte, seine Rollen sich selbst auf den Leib schreiben.

Damit sind zwei aufeinander prallende Ebenen erkennbar, die den Grundbestand jeglicher Theaterpraxis bilden: Künstlerisch-innovative Kreativität stößt auf die Erwartungshaltung des anwesenden Publikums. Zahlreichen zeitgenössischen Kritiken ist die Reaktion des Publikums auf Nestroysche Aufführungen zu entnehmen: So wird das erste seiner beiden, in der kurzen Periode der Zensurvakanz nach dem März 1848 uraufgeführten Stücke, "Die lieben Anverwandten", vom Publikum ausgepfiffen, wohingegen die kurz darauf aufgeführte "Freiheit in Krähwinkel" einen durchschlagenden Erfolg erzielt.

Wie es scheint, hat Nestroy versucht, einerseits einer bestimmten Erwartungshaltung Folge zu leisten, andererseits aber die Rezeptionsfähigkeit des Leopoldstädter Publikums bis an die Grenze auszuloten. Ein Wegbereiter für dieses Experiment war der Schauspieler Carl Marinelli, der 1781 das Theater in der Leopoldstadt eröffnete und als Direktor nahezu ein Vierteljahrhundert führte. Von diesem Zeitpunkt an stellt das Wiener Volksstück keine vazierende Kunst mehr dar. Unter diesen Umständen kann sich eine Gewöhnung vonseiten des Publikums einstellen, die es Schauspielern ermöglicht, über längere Zeiträume hinweg Altbewährtes gegen neue Aufführungspraktiken abzuwägen.

Nestroy probiert unter diesen Auspizien eine Reihe von Veränderungen, bis hin zu gleichsam psychoanalytischer Demaskierung mythologischer Überlieferung. So hat etwa das Schicksal bei Nestroy ausgedient: Stellt die Göttin Fortuna im "Lumpazivagabundus" von 1833 noch die Frage: "Welche Fee ist mächtiger als ich?", so resigniert sie im ein Jahr später uraufgeführten Folgestück "Die Familien Zwirn, Knierim und Leim" aufgrund des Verhaltens der drei Gesellen bereits zu Beginn der Posse.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-05-17 15:59:06
Letzte Änderung am 2012-05-22 12:18:46


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