• vom 02.06.2012, 19:45 Uhr

Vermessungen

Update: 06.06.2012, 18:40 Uhr
  • Artikel
  • Lesenswert (2)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



"Erquickender Erholungsort"


Von Christian Hlavac

  • Der Wiener Stadtpark feiert sein 150-jähriges Bestehen. Ein Rückblick auf Kaiser, Bürgertum und auf einen "Kreuzzug gegen die moderne Kunst", der 1954 im Stadtpark inszeniert wurde.

Die Skulptur "Donauweibchen" im Stadtpark, Kopie aus 1948.

Die Skulptur "Donauweibchen" im Stadtpark, Kopie aus 1948.© Christian Hlavac Die Skulptur "Donauweibchen" im Stadtpark, Kopie aus 1948.© Christian Hlavac

Im Vergleich zu anderen Großstädten Europas wurde die mittelalterlich strukturierte Residenz- und Reichshauptstadt Wien relativ spät entfestigt. Diese räumliche "Sprengung" Mitte des 19. Jahrhunderts war nicht nur der Beginn der städtebaulichen Verbindung der Stadt mit den Vorstädten, sondern ermöglichte die Errichtung von großen Park- und Gartenanlagen am Rande der dicht bebauten Stadt. Obwohl diese Park- und Gartenanlagen am ehemaligen Befestigungsgürtel offiziell vom österreichischen Kaiser initiiert wurden, stehen sie für das immer größer werdende Selbstbewusstsein des Bürgertums in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Werbung

Die erste Parkanlage Wiens, die auf Kosten der Gemeinde eigens für die breite Öffentlichkeit errichtet wurde, war der Stadtpark am Parkring, der im Sommer 2012 sein 150-jähriges Bestehen feiert. In den wesentlichen Grundzügen bis heute gut erhalten, stellt der Stadtpark mit dem angrenzenden Kinderpark als früheste kommunale Parkanlage ein wichtiges Zeugnis der Gartenkunst der expandierenden Stadt Wien und der Stadt als eigenständige Kommune dar.

"Es ist mein Wille, daß die Erweiterung der inneren Stadt Wien mit Rücksicht auf eine entsprechende Verbindung derselben mit den Vorstädten ehemöglichst in Angriff genommen und hiebei auch auf die Regulirung und Verschönerung Meiner Residenz- und Reichshauptstadt Bedacht genommen werde. Zu diesem Ende bewillige Ich die Auflassung der Umwallung und Fortifikationen der inneren Stadt, so wie der Gräben um dieselbe." Mit diesen Worten beginnt das "Allerhöchste Handschreiben" von Kaiser Franz Joseph I., datiert mit 20. Dezember 1857. Mit diesem Beschluss der Schleifung der Wiener Befestigungsanlagen wurden auch neu zu planende Grünflächen als teilweiser Ersatz für das vor der Stadt Wien liegende, unverbaute, teilweise vom Militär und von der Bevölkerung als Erholungsfläche genützte Glacis vorgesehen.

"Zur Zierde gereichend"
Die erste dieser neuen öffentlichen Grünanlagen war der Stadtpark auf der Fläche des ehemaligen "Wasserglacis". Die Gemeinde Wien erhielt 1860 die Fläche links des Flussufers der "Wien" unter der kaiserlichen Bedingung, dass "auf diesem Raume ein der Residenz zur Zierde gereichender öffentlicher Garten auf Kosten der Stadtgemeinde möglichst schnell angelegt" und "daß dieser Garten zu keiner Zeit seiner Widmung für die Bevölkerung entzogen werde."

Der Stadtpark als erster öffentlicher Park im Wirkungskreis der Stadtverwaltung Wien sollte alle Funktionen des einstigen Erholungsgebietes am Wasserglacis übernehmen. Als Ersatz für die 1862 geschleifte, namensgebende "Mineralwassertrinkanstalt" errichtete man 1865 bis 1867 im Stadtpark den noch heute existierenden Kursalon als prachtvolles Festgebäude.

Mit August 1861 lagen der Stadterweiterungskommission mehrere Entwürfe von eingeladenen Fachleuten für den Stadtpark vor, wobei bereits im Vorfeld die Anlage eines Parks nach "englischer Manier" festgelegt worden war. Dem Gemeinderat wurde eine Planskizze des österreichischen Landschaftsmalers Joseph Selleny (1824-1875) zur Annahme empfohlen. Es gab jedoch gegen einzelne Details Bedenken. Man beschloss daher, die Skizze durch mehrere Tage öffentlich auszustellen, um das "Urtheil des Publicums und der Journale zu hören", wie es in einem zeitgenössischen Zeitungsbericht heißt. Die Suche nach einem "allen Wienern gehörenden Volksgarten" wurde hiermit in eine eingeschränkte Öffentlichkeit getragen.

Bürgerlicher Stolz
Wie aus einem Ende 1861 erschienenen Feuilleton deutlich wird, wollte das Bürgertum - und vor allem seine politischen Repräsentanten - sein neues Selbstbewusstsein auch im Garten sehen: "In Wien gibt es mehrere dem Publicum geöffnete Gärten - aber sie gehören einzelnen Familien oder dem Staate; das Publicum athmet darin mit hoher Erlaubnis Luft und Duft ein. Der Wiener wollte deshalb selbst einen Garten haben, mit seinem Gelde erbaut, wo er sagen konnte, hier bin ich bei mir."

Nach intensiven Debatten akzeptierte der Wiener Gemeinderat den Entwurf Sellenys unter der Bedingung, einige Änderungen vorzunehmen. Der erfahrene deutsche Gärtner Rudolph Siebeck (1812-1878) erstellte auf Sellenys Grundlage neue Entwurfspläne. Im Wesentlichen wurde von ihm der Plan Sellenys an die räumlich begrenzten Möglichkeiten angepasst. Er reduzierte das zu dichte Wegenetz und fügte eine Sichtachse als Durchblick und mehrere Rasenflächen ein.

Der größte Teil der Bauarbeiten im Stadtpark lief im Jahr 1862 an. Verwirrung herrscht um eine allfällige offizielle Eröffnung des Stadtparks. Laut mehreren Sekundärquellen soll am 21., 22. August oder 1. September 1862 der nördliche Teil des Stadtparks eröffnet worden sein. Berichte über eine solche offizielle Eröffnung vor und nach diesem Ereignis fehlen jedoch in den damaligen Tageszeitungen. Nachdem sich bisher keine Belege für eine offizielle Eröffnung nachweisen lassen, dürfte es sich hierbei um eine "urban legend" handeln.

Das Wetterhäuschen aus dem Jahr 1913.

Das Wetterhäuschen aus dem Jahr 1913.© Christian Hlavac Das Wetterhäuschen aus dem Jahr 1913.© Christian Hlavac




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-05-31 18:48:11
Letzte Änderung am 2012-06-06 18:40:11


Beliebte Inhalte



Hält am 3. Juli zur Eröffnung des heurigen Wettbewerbs um den Ingeborg-Bachmann-Preis die Eröffnungsrede in Klagenfurt: Michael Köhlmeier. - apa/Hans-Klaus Techt
  • Michael Köhlmeier über Tricks und Verführungskunst beim Geschichtenerzählen.
  • weiter

"Meine Frau und ich fanden, dass wir etwas Sinnvolles mit unserem Geld anfangen und es in sozial und ökologisch sinnvolle Projekte investieren sollten": Charly Kleissner. - Prugger
  • Der ehemals an der Seite von Steve Jobs tätige Tiroler Software-Entwickler Charly Kleissner über "Social Impact Investment".
  • weiter

Zwei Ansichten von Sibylle Bolla-Kotek, gezeichnet von Ulli Klepalski.
  • Vor 100 Jahren, am 8. Juni 1913, wurde Sibylle Bolla-Kotek geboren, Wiens erste Rechtsprofessorin, die als gelernte Romanistin zu einer Spezialistin...
  • weiter

Schreiben ist oft auch eine bedrückende und anstrengende Tätigkeit . . . - Cartoon: Jugoslav Vlahovic
  • Die Lebenserwartung österreichischer Schriftsteller ist mit 63,69 Jahren erstaunlich niedrig.
  • weiter

Die sowjetische Partei- und Regierungschefin Nikita Chruschtschow hat sich 1963 höchtspersönlich für Walentina Tereschkowa als erste Kosmonautin entschieden. - Archiv
  • Vor 50 Jahren, am 16. Juni 1963, brach mit Walentina Tereschkowa die erste Frau ins All auf. Es dauerte allerdings fast zwanzig Jahre...
  • weiter



Werbung




Schwere Unwetterschäden nach einem Murenabgang im Ortskern von Hallstatt aufgenommen am Mittwoch, 19. Juni 2013. Nach einem heftigen Unwetter ist der Mühlbach über die Ufer getreten wobei eine Mure den Ortskern von Hallstatt im oberösterreichischen Salzkammergut beschädigt hat.

Ein Fahrrad an einer Kreuzung mitten im 9. Bezirk war der etwas ungewöhnliche Rastplatz für ein Bienenvolk. Guten Tag, Lubango! Der Giraffen-Junge kam am Samstag, 15. Juni, zur Welt.

20. 6. 2013: Golf ist ein eindeutig ein Sport, wie Maximilian Kieffer beim BMW International in München mit diesem konzentrierten Späh-Liegestütz beweist. Kunstraub der anderen Art: Von einer Hauswand  in London ausgemeißelt wurde im Februar das Banksy-Graffitikwerk "Slave Labour". Kurz darauf tauchte es bei einem Auktions-Haus in Miami in Florida wieder auf. Am 2. Juni wiederum wurde es trotz Proteste um 1,1 Millionen Dollar in London versteigert. Das Kulturbild der Woche geht nun für zwei Wochen auf Urlaub und ist am 24.Juni wieder zurück.

Werbung