
Im Vergleich zu anderen Großstädten Europas wurde die mittelalterlich strukturierte Residenz- und Reichshauptstadt Wien relativ spät entfestigt. Diese räumliche "Sprengung" Mitte des 19. Jahrhunderts war nicht nur der Beginn der städtebaulichen Verbindung der Stadt mit den Vorstädten, sondern ermöglichte die Errichtung von großen Park- und Gartenanlagen am Rande der dicht bebauten Stadt. Obwohl diese Park- und Gartenanlagen am ehemaligen Befestigungsgürtel offiziell vom österreichischen Kaiser initiiert wurden, stehen sie für das immer größer werdende Selbstbewusstsein des Bürgertums in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Die erste Parkanlage Wiens, die auf Kosten der Gemeinde eigens für die breite Öffentlichkeit errichtet wurde, war der Stadtpark am Parkring, der im Sommer 2012 sein 150-jähriges Bestehen feiert. In den wesentlichen Grundzügen bis heute gut erhalten, stellt der Stadtpark mit dem angrenzenden Kinderpark als früheste kommunale Parkanlage ein wichtiges Zeugnis der Gartenkunst der expandierenden Stadt Wien und der Stadt als eigenständige Kommune dar.
"Es ist mein Wille, daß die Erweiterung der inneren Stadt Wien mit Rücksicht auf eine entsprechende Verbindung derselben mit den Vorstädten ehemöglichst in Angriff genommen und hiebei auch auf die Regulirung und Verschönerung Meiner Residenz- und Reichshauptstadt Bedacht genommen werde. Zu diesem Ende bewillige Ich die Auflassung der Umwallung und Fortifikationen der inneren Stadt, so wie der Gräben um dieselbe." Mit diesen Worten beginnt das "Allerhöchste Handschreiben" von Kaiser Franz Joseph I., datiert mit 20. Dezember 1857. Mit diesem Beschluss der Schleifung der Wiener Befestigungsanlagen wurden auch neu zu planende Grünflächen als teilweiser Ersatz für das vor der Stadt Wien liegende, unverbaute, teilweise vom Militär und von der Bevölkerung als Erholungsfläche genützte Glacis vorgesehen.
"Zur Zierde gereichend"
Die erste dieser neuen öffentlichen Grünanlagen war der Stadtpark auf der Fläche des ehemaligen "Wasserglacis". Die Gemeinde Wien erhielt 1860 die Fläche links des Flussufers der "Wien" unter der kaiserlichen Bedingung, dass "auf diesem Raume ein der Residenz zur Zierde gereichender öffentlicher Garten auf Kosten der Stadtgemeinde möglichst schnell angelegt" und "daß dieser Garten zu keiner Zeit seiner Widmung für die Bevölkerung entzogen werde."
Der Stadtpark als erster öffentlicher Park im Wirkungskreis der Stadtverwaltung Wien sollte alle Funktionen des einstigen Erholungsgebietes am Wasserglacis übernehmen. Als Ersatz für die 1862 geschleifte, namensgebende "Mineralwassertrinkanstalt" errichtete man 1865 bis 1867 im Stadtpark den noch heute existierenden Kursalon als prachtvolles Festgebäude.
Mit August 1861 lagen der Stadterweiterungskommission mehrere Entwürfe von eingeladenen Fachleuten für den Stadtpark vor, wobei bereits im Vorfeld die Anlage eines Parks nach "englischer Manier" festgelegt worden war. Dem Gemeinderat wurde eine Planskizze des österreichischen Landschaftsmalers Joseph Selleny (1824-1875) zur Annahme empfohlen. Es gab jedoch gegen einzelne Details Bedenken. Man beschloss daher, die Skizze durch mehrere Tage öffentlich auszustellen, um das "Urtheil des Publicums und der Journale zu hören", wie es in einem zeitgenössischen Zeitungsbericht heißt. Die Suche nach einem "allen Wienern gehörenden Volksgarten" wurde hiermit in eine eingeschränkte Öffentlichkeit getragen.
Bürgerlicher Stolz
Wie aus einem Ende 1861 erschienenen Feuilleton deutlich wird, wollte das Bürgertum - und vor allem seine politischen Repräsentanten - sein neues Selbstbewusstsein auch im Garten sehen: "In Wien gibt es mehrere dem Publicum geöffnete Gärten - aber sie gehören einzelnen Familien oder dem Staate; das Publicum athmet darin mit hoher Erlaubnis Luft und Duft ein. Der Wiener wollte deshalb selbst einen Garten haben, mit seinem Gelde erbaut, wo er sagen konnte, hier bin ich bei mir."
Nach intensiven Debatten akzeptierte der Wiener Gemeinderat den Entwurf Sellenys unter der Bedingung, einige Änderungen vorzunehmen. Der erfahrene deutsche Gärtner Rudolph Siebeck (1812-1878) erstellte auf Sellenys Grundlage neue Entwurfspläne. Im Wesentlichen wurde von ihm der Plan Sellenys an die räumlich begrenzten Möglichkeiten angepasst. Er reduzierte das zu dichte Wegenetz und fügte eine Sichtachse als Durchblick und mehrere Rasenflächen ein.
Der größte Teil der Bauarbeiten im Stadtpark lief im Jahr 1862 an. Verwirrung herrscht um eine allfällige offizielle Eröffnung des Stadtparks. Laut mehreren Sekundärquellen soll am 21., 22. August oder 1. September 1862 der nördliche Teil des Stadtparks eröffnet worden sein. Berichte über eine solche offizielle Eröffnung vor und nach diesem Ereignis fehlen jedoch in den damaligen Tageszeitungen. Nachdem sich bisher keine Belege für eine offizielle Eröffnung nachweisen lassen, dürfte es sich hierbei um eine "urban legend" handeln.
